Komödie ist Tragödie plus Zeit“ heißt es in Woody Allen‘s Film „Melinda und Melinda“ aus dem Jahr 2004. Etwas einfacher formulierte es immer meine Oma, die bei Missgeschicken zu sagen pflegte, „Nicht so schlimm, später lachst du darüber“. Ob wir in einigen Monaten oder Jahren über die derzeitigen „Missgeschicke“ in Großbritannien lachen werden bleibt abzuwarten. Zumindest sind derzeit alle Voraussetzungen einer griechischen Tragödie vorhanden. Kennzeichnend für die Tragödie ist der schicksalhafte Konflikt der Hauptfigur. Deren Situation verschlechtert sich ab dem Punkt, an dem die Katastrophe eintritt. Das Scheitern des Helden ist in der Tragödie unausweichlich; die Ursache liegt in dem Charakter des Helden begründet. Er verfällt der Hybris, einer extremen Form der Selbstüberschätzung oder auch des Hochmuts. Bei dieser Beschreibung denkt man unweigerlich an den britischen „Helden“ Premierminister Boris Johnson.

Operation „Kettensägenmassaker”

An Theatralik mangelt es dem britischen Premierminister nicht. „Ich würde lieber tot im Graben liegen“, anstatt Brüssel um eine weitere Verschiebung des Austrittsdatums aus der Europäischen Union zu bitten, ließ er sich in der letzten Woche zitieren. Gnadenlos verfolgt er scheinbar sein Ziel den Brexit bis zum 31. Oktober zu vollenden. Dabei nutzen er und seine Unterstützer eine Kriegsrhetorik, die sicherlich gewöhnungsbedürftig ist. Von der Operation „Kettensägenmassaker” sprechen seine engsten Anhänger. Diese kostete letzte Woche nicht weniger als 21 Tory Abgeordnete ihr Mandat. Die älteste Demokratie der Welt steht vermutlich vor ihrer größten Bewährungsprobe der Neuzeit. Der Konflikt zwischen Premierminister und dem Parlament steuert unaufhaltsam seinem Höhepunkt zu.

Der Berufsrevolutionär Corbyn ist keine Alternative

Oppositionsführer Jeremy Corbyn möchte Johnson per Misstrauensvotum stürzen und an die Spitze einer Übergangsregierung gelangen. Allerdings haben viele Briten vor diesem Szenario genauso viel Angst wie vor einem ungeregelten Brexit. Denn der Labour Oppositionsführer möchte erhebliche Teile der Wirtschaft verstaatlichen und plant zehn Prozent des Kapitals größerer Unternehmen zu enteignen und an die Belegschaft zu übertragen. Für die englische Wirtschaft ist Corbyn mindestens genauso gefährlich wie der No-Deal-Brexit von Johnson. Der Berufsrevolutionär Corbyn bezeichnet sich als „demokratischen Sozialisten“ und ist ideologisch und politisch auf dem Stand der Nach-68er-Linken und des Kampfes gegen Margaret Thatcher stehengeblieben. Beobachter sind sich nicht sicher, wer im Augenblick die größere Gefahr für die Wirtschaft in Großbritannien darstellt.

Die Verbraucher bunkern

Dabei sind schon die Folgen eines chaotischen Austritts für die britische Wirtschaft gravierend. Die Auswirkungen wird man im Vereinigten Königreich sehr schnell zu spüren bekommen. Denn der Handel und Warenverkehr wäre massiv betroffen. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass nach einem No-Deal-Brexit bis zu 85 Prozent der Lastwagen auf der Handelsroute über den Kanal mit nicht mehr gültigen Unterlagen anreisen würden. Dies könnte eine verzögerte Abfertigung von bis zu 2,5 Tagen auslösen. Bis zu drei Monate werde es wohl dauern, bis 50 bis 70 Prozent des bisherigen Verkehrsvolumens wieder erreicht werden. Selbst die britische Regierung geht von Engpässen bei der Versorgung mit frischen Lebensmitteln, medizinischen Präparaten und mit Chemikalien für die Frischwasserzubereitung aus. In den Supermärkten werden bereits massenweise Reis in großen Säcken ebenso wie extragroße Flaschen Olivenöl verkauft. Die Verbraucher bunkern, der Handel stellt sich auf den No Deal um.

Die Vorbereitungen der Unternehmen laufen weiter

Viele Unternehmen in Europa haben sich allerdings schon auf den Brexit eingestellt. Vor allem im Finanzsektor und in der Automobilindustrie sind bereits Fakten geschaffen worden. Der Automobilhersteller Nissan hat angekündigt, dass er auf der britischen Insel künftig keine Fahrzeuge mehr produzieren wird. Auch in der deutschen Automobilindustrie soll es entsprechende Pläne geben. Im Bankensektor sind bereits viele Entscheidungen getroffen. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank haben 24 Banken wegen des Brexits die Verlagerung von Firmensitzen aus Britannien in die EU angekündigt, davon 17 Großbanken, die unter der direkten EZB-Aufsicht stehen werden. An den Arbeitsplätzen lässt sich das noch nicht ablesen. Bislang erscheint die Zahl der offiziell wegen des Brexits verlagerten Arbeitsplätze vergleichsweise gering. Es sind bis jetzt erst 5000 Bankenstellen aus London in andere EU-Finanzzentren verlagert worden. Angesichts von mehreren Hunderttausend Arbeitsplätzen in der Finanzbranche in London ist diese Zahl drei Jahre nach dem Brexit-Referendum klein. Allerdings gehen Beobachter davon aus, dass diese Verlagerungen erst der Anfang waren. Nach dem Brexit wird einer aktuellen Studie zufolge wahrscheinlich Frankreich die führende Position in der EU-Finanzbranche von Großbritannien übernehmen.

Operation “Yellowhammer”

Die Briten sind in diesem Theaterstück leider Opfer und Schuldige zugleich. Wer schneller glaubt, wird später klug. Leichtfertig ist man vor gut 3 Jahren in das Referendum gestolpert und das Ergebnis hatte Befürworter und Gegner gleichermaßen überrascht. Seitdem versucht man einen geordneten Brexit hinzukriegen. Spätestens mit der Wahl von Boris Johnson zum Premierminister wurde „Operation Yellowhammer”, die Planungen für einen ungeregelten Brexit, der letzte Akt der Tragödie eingeleitet. Wie Johnson das Gesetz gegen den No-Deal-Brexit umgehen will, ohne doch noch ein Abkommen mit der EU zu treffen, ist unklar. Man traut ihm zumindest alles zu, auch ein eindeutiger Rechtsbruch wird nicht ausgeschlossen. Kennzeichnend für die Tragödie ist der schicksalhafte Konflikt der Hauptfigur. Mit Boris Johnson ist der tragische Held vermutlich ideal besetzt. Von einem bestimmten Wendepunkt an ist der tragische Held seinem Schicksal ausgeliefert.

Ein massiver Zinssenkungszyklus startet

Für die Aktienmärkte zumindest stellt der „Chaos-Brexit“ keine wirkliche Bedrohung mehr da. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Unsicherheit ist die wirkliche Gefahr für Aktienmärkte. Viel Wichtiger für die Märkte ist die Entwicklung der Geldpolitik der Notenbanken. In dieser Woche steht am Donnerstag in der Europäischen Zentralbank eine Entscheidung mit fast historischer Dimension an. Viele Marktteilnehmer erwarten eine weitere Senkung des Einlagensatzes von minus 0,4 auf minus 0,6 Prozent sowie vermutlich eine Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms. Beobachter erwarten auch das die Fed in ihrer nächsten Sitzung am 18. September einen massiven Zinssenkungszyklus startet. Viele Experten gehen davon aus, das die derzeitigen Leitzinsen, die zwischen 2,0 und 2,25 Prozent betragen, bis Ende 2020 auf null und 0,25 Prozent fallen werden. Für diesen Fall stehen den Aktienmärkten gute Zeiten bevor. Dann hatte meine Oma wieder mal Recht und Aktieninvestoren lächeln rückblickend über Brexit und Handelskrieg.

 

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