„Nicht nur England, auch jeder Engländer ist eine Insel“ stellte schon der deutsche Schriftsteller Novalis, eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, vor mehr als 200 Jahren sehr treffend fest. Der Individualismus der Briten gehört zu ihrer DNA. Die britische Küche hat es in Europa immer schwer gehabt und das Wetter besteht gefühlt aus acht Monaten Regen und vier Monaten Nebel. Der Brite nennt es Heimat und findet es sogar „lovely“. Für Kontinentaleuropäer war das Volk auf der Insel dagegen schon immer schwer zu verstehen, aber man akzeptierte ihre mitunter kauzigen Eigenschaften. In den letzten Monaten allerdings überstrapazierten sie den Geduldsfaden.

Umgekehrt hat sich auch nie wahre Liebe zum Kontinent eingestellt

Wirklich emotional war die Beziehung von Großbritannien zur EU in den letzten 45 Jahren auch nicht. Leidenschaft sieht vermutlich anders aus und eine wahre Liebe der Inselbewohner zu Europa hat sich nie eingestellt. Es war aber immerhin all die Jahre zumindest eine Mehrheit der Briten für die Zugehörigkeit in der EU. Historische Meinungsumfragen zwischen 1973 und 2015 zeigten zumeist deutliche Mehrheiten für einen Verbleib in der EWG oder EU. Das Ergebnis des Brexit-Referendum 2016 war dann auch mit einer Zustimmung für den Brexit in Höhe von 51,9 Prozent relativ knapp. Das Ganze ist jetzt länger als 2 Jahre her und seitdem wird um die Ausstiegsmodalitäten gestritten. Erst mit den restlichen EU-Partnern und dann, nachdem die Trennungspapiere auf dem Verhandlungstisch liegen, innerhalb der britischen Regierungskoalition.

Gefühlt ist man wieder am Anfang

Jetzt sind alle Beteiligten in der entscheidenden Woche angekommen. Wobei, entscheidende Wochen gab es schon einige in den letzten Monaten. Diese Woche, am Freitag den 29. März 2019, hätte das Vereinigte Königreich allerdings laut offiziellen Fahrplan die Europäische Union verlassen sollen. Stattdessen ist man gefühlt wieder am Anfang. Jedes Brexit-Szenario, das jemals gedacht wurde, scheint wieder möglich. Der No-Deal, ein wie auch immer ausgestalteter weicher Brexit, Neuwahlen oder ein zweites Referendum. Unter dem Strich ist man keinen entscheidenden Schritt weitergekommen. Bis auf die königliche Münzprägeanstalt Royal Mint. Diese hat passend zum avisierten Austrittsdatum eine Brexit-Gedenkmünze prägen lassen, die es ab Freitag im Handel geben soll. Auf der produzierten 50-Pence-Münze ist das ursprüngliche Brexit-Datum eingraviert. Immerhin ist den britischen Verantwortlichen der sprichwörtliche britische Humor noch nicht abhandengekommen. Großbritanniens Finanzminister Philip Hammond geht davon aus, dass diese Münzen einen großen Sammlerwert haben werden.

Der Brexit wird in jedem Fall teuer

Vermutlich ein bescheidener Trost für die meisten Engländer. Denn obwohl der Brexit noch nicht umgesetzt ist und derzeit niemand mit Sicherheit sagen kann, ob es jemals dazu kommen wird. Eines ist jetzt schon sicher, der Brexit wird teuer. Im Sommer letzten Jahres stellte die britische Notenbank bereits fest, dass sich die Kosten pro Inselhaushalt auf etwa 900 Pfund belaufen. Die britische Wirtschaft ist etwas geschrumpft, das britische Pfund hat an Wert verloren und dadurch den Preis von importierten Waren steigen lassen. Das Centre for European Reform, ein liberaler Think-Tank mit Sitz in London, hat errechnet, dass sich der Brexit aktuell mit einer Belastung von 440 Millionen Britischen Pfund pro Woche für den Staatshaushalt niederschlägt. Dabei wollte man eigentlich, so immerhin eine Kernformulierung der Brexit-Befürworter, durch einen Austritt Geld sparen und mit der Ersparnis das marode staatliche Gesundheitssystem sanieren. Aber nicht nur für die Haushalte auf der Insel wird es teuer.

Hohe Einkommensverluste auch für die gesamte EU

Aktuelle Studien gehen davon aus, dass die gesamte EU bei einem weichen Brexit mit insgesamt rund 22 Milliarden Euro an jährlichen Einkommensverlusten rechnen müsste. Deutschland ist besonders hart davon betroffen. Die Einkommensverluste würden sich auf rund 5 Milliarden Euro belaufen. Im Fall eines harten Brexits würden sich die Kosten mindestens nochmal verdoppeln. Vor allem die deutsche Automobilindustrie wird es hart treffen. Rund 20 Prozent der deutschen Autoexporte gehen nach Großbritannien. Allein BMW, Mercedes und Audi haben dort im vergangenen Jahr 550.000 Autos verkauft. In dem immer noch nicht völlig auszuschließenden Worstcase Szenario eines ungeregelten Austritts (harter Brexit), wären der Unternehmensberatung Deloitte zufolge allein in der deutschen Autoindustrie etwa 18.000 Arbeitsplätze gefährdet.

Die Furcht der Anleger vor einem Brexit-Chaos lähmt die Börsen

Kein Wunder das die Furcht der Anleger vor einem Brexit-Chaos wie ein Damoklesschwert über den europäischen Börsen hängt. Eigentlich haben politische Börsen kurze Beine, aber das seit Monaten andauernde hin und her entwickelt sich zu einer zunehmenden Belastung. Auch wenn der Markt eigentlich von einem geregelten, weichen Brexit ausgeht, solange das Worstcase-Szenario nicht ausgeschlossen werden kann, bleibt die Nervosität bestehen. Auf der anderen Seite rechnen die meisten Beobachter mit einer kräftigen Kursrally, sobald der harte Brexit definitiv ausgeschlossen werden kann. Die nächsten Tage, soviel steht auf jeden Fall heute fest, werden noch einmal spannend. Der englische Nationaldichter William Shakespeare schrieb schon vor mehr als 500 Jahren: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab“. Viele Briten sind sich gerade nicht sicher, ob sie in Sachen Brexit gerade in einer Tragödie oder einer Komödie mitspielen.

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