Als Zeitenwende bezeichnet man den Beginn einer neuen Ära. Der Weg zur Industrialisierung wurde durch die Erfindung der Dampfmaschine ausgelöst. Der Wechsel von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung wurde durch gesellschaftliche Verwerfungen begleitet. Im Zuge des Wandels kann es auch zur umfangreichen Vermögensverschiebungen. Der Adel verlor erst seine wirtschaftlich dominierende Stellung und dann letztlich auch seine Macht. Abgelöst wurde er vom Geldadel. Dieser bestand aus Industriellen, die die Zeichen des Wandels rechtzeitig erkannt hatten und in die neue Technik investierten.

Zeitenwende in den Aktienindizes

Seit einigen Jahren befindet sich die Welt wieder im Umbruch. Die Phase der Industrialisierung wird abgelöst durch eine digitale Zeitenwende. Mit wiederum großen gesellschaftlichen Umbrüchen. Die Zeit der großen Industriebarone, der Vanderbilts, der Krupps oder Thyssens ist schon lange vorbei. In der Geldranglisten dominieren heute andere Familiennamen. Denn die Aktienwerte von Technologieunternehmen wie Apple und Google haben viele der alten Industriekonzerne längst abgehängt. Diese Zeitenwende wird derzeit auch den großen Aktienindizes vollzogen. Nach 92 Jahren flog der Ölkonzern ExxonMobil zum Ende des Monats aus dem Dow-Jones-Index. Auch der Pharmariese Pfizer und der Rüstungskonzern Raytheon Technologies werden nicht mehr zu den 30 Standardwerten in den USA gehören. Stattdessen ziehen der SAP-Konkurrent Salesforce, der Biotechnologiekonzern Amgen und der Mischkonzern Honeywell in den Index ein.

Der Dow Jones will die US-Wirtschaft vollständig abbilden

Dabei sind die Aktien der drei Aufsteiger wesentlich mehr wert als die Aktien der Absteiger. So hat sich der Wert des Neueinsteigers Salesforce seit der Finanzkrise 2008 vervierzigfacht. Mittlerweile ist der Konzern an der Börse fast 190 Milliarden US-Dollar wert, rund zehn Milliarden mehr als ExxonMobil. Der Aktienkurs des Ölriesen hatte sich seit Ende 2008 nahezu halbiert. Das Unternehmen war seit 1928 Mitglied im Dow Jones und konnte damit auf die längste Geschichte in dem Index zurückblicken. Auslöser der Änderungen war ein Aktiensplit bei Apple, bei dem jede Aktie in vier neue Papiere aufgeteilt wurde. Durch den Split hat sich der Kurs geviertelt. Das ändert zwar nichts an der Marktkapitalisierung, aber das Gewicht von Apple im Index sinkt, weil es anders als in Deutschland auf Basis des Aktienpreises berechnet wird. Auf die Marktkapitalisierung kommt es nicht an. Der Dow Jones will die US-Wirtschaft möglichst vollständig abbilden. Weil durch den Aktiensplit die Bedeutung der Techbranche im Index zurückgehen wird, wurde Salesforce als Aufsteiger ausgewählt.

Das Virus beschleunigt die Zeitenwende

Der Wandel, der durch die Digitalisierung ausgedrückt wird, vollzieht sich derzeit in einem schnellen Tempo. Das Corona-Virus hat dort wie ein Brandbeschleuniger gewirkt und den Prozess massiv beschleunigt. Vieles was in der Welt vor Corona noch analog abgewickelt wurde, wird jetzt durch digitale Prozesse oftmals auch preisgünstiger gelöst. Dabei sind sich viele Beobachter einig, dass die Entwicklung immer noch am Anfang steht. Anleger sollten diese Entwicklung in ihren Depots ebenfalls berücksichtigen. Für einen Einstieg, bei einem ausreichend langen Anlagehorizont, ist es auch bei Techwerten noch nicht zu spät.

Der Aktienmarkt hat sich von der realen Wirtschaft abgekoppelt

Derzeit sind jedoch viele Anleger stark verunsichert. Viele beobachten die derzeitige Abkopplung der Aktien von der realen Wirtschaft mit Sorge. Die reale Wirtschaft erlebt ihren größten Einbruch seit Dekaden und die Börsen eilen von Rekord zu Rekord. Vor kurzem erst hat der Wert aller Aktien weltweit mit mehr als 91 Billionen Dollar einen historischen Höchststand erreicht. Krise sollte anders aussehen. Viele private Investoren tun sich schwer damit die derzeitige Entwicklung richtig einzuordnen. Viele bleiben nach wie vor dem Aktienmarkt fern und warten auf den großen Einbruch, um dann einsteigen zu können. Eine teure Entscheidung. Denn das der von vielen erwartete starke Einbruch kommt ist nicht sicher. Im Gegenteil, die Kapitalmärkte folgen ihrer eigenen Logik.

Das „Fed-Modell“

Denn entscheidend ist die langfristige Zinsenwicklung. In der letzten Woche hat der Fed-Chef Jerome Powell klargemacht, dass die Zinsen in den USA länger niedrig bleiben sollen, als es bisher vom Markt antizipiert wurde. Selbst wenn die Inflation oberhalb von 2 Prozent liegen sollte, wird dies erstmals keine Zinserhöhung auslösen. Das Verhältnis von Rendite und Risiko wird dadurch langfristig neu geordnet. Denn viele Investoren berufen sich bei der Bewertung von Aktienpreisen auf das Fed-Modell“, das auf den früheren Fed-Chef Alan Greenspan zurückgeht. Es setzt die erwarteten Gewinne der im S&P 500-Index enthaltenen Unternehmen in Relation zur Rendite zehnjähriger US-Treasuries (Staatsanleihen). Je niedriger die Rendite der Staatsanleihen, desto höher wäre danach das angemessene Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) im Index. Auf Grundlage dieses Modells hat Goldman Sachs untersucht, welches Gewinnpotential bei amerikanischen Aktien liegt.

Das größte Risiko am Aktienmarkt ist…

In den meisten Szenarien sieht das Investmenthaus derzeit ein großes Potential bei Aktien. Denn die aktuelle Fed-Politik ist in den meisten Aktien noch gar nicht endgültig eingepreist. Auch andere Investmenthäuser teilen diese Einschätzung. Für Europa oder Deutschland sehen die Anlageexperten sogar ein noch höheres Steigerungspotential bei den Aktien. Denn dort ist der Abstand zwischen den erwarteten Gewinnen und den Renditen der Anleihen noch größer. Für Anhänger dieses einfachen mathematischen Modells ist die derzeitige Entwicklung an den Börsen stringent und nachvollziehbar. Denn durch den Verlust des sicheren Zinses haben sich die Bewertungsmethoden verändert. Diese Zeitenwende in der Aktienbewertung sollten auch Privatanleger bei Ihren Entscheidungen berücksichtigen. Nach wie vor ist das größte Risiko am Aktienmarkt nicht investiert zu sein.