Zeitenwende – Stockpicking schlägt Index

Wer in den letzten Jahren in passive ETFs investiert hat, konnte kaum etwas falsch machen. Spätestens seit der Finanzkrise kannten die Börsenkurse scheinbar nur eine Richtung – es ging stetig nach oben. Vor allem Wachstumstitel profitierten von dem Niedrigzinsumfeld der letzten Dekade. Denn auf einmal zählte scheinbar weder Umsatz noch Gewinn, Hauptsache die Zukunftsaussichten der Unternehmen waren großartig. Die Liquiditätsflut hob alle Boote, auch die mit Löchern im Rumpf. Jeder fühlte sich als Investment-Genie, hohe jährliche Wertzuwächse erschienen normal.

Suchen Sie nicht die Nadel, kaufen Sie den Heuhaufen!

Suchen Sie nicht die Nadel, kaufen Sie den Heuhaufen!“  lautete der Leitspruch von John Bogle, der als Erfinder des Indexfonds gilt. Der spätere Gründer der Investmentgesellschaft „The Vanguard Group“ legte am Silvestertag 1975 den ersten Indexfonds auf. Dieser erste Indexfonds war jedoch noch keine Erfolgsgeschichte, lediglich 11 Millionen US-Dollar statt der erwarteten 150 Millionen US-Dollar konnten unter die Anleger gebracht werden. Allerdings wurde dieser noch nicht an der Börse gehandelt. Als langfristiger Investor warnte Bogle schon zu Lebzeiten vor den an der Börse gehandelten Indexfonds. Denn das schnelle Handeln widersprach seinen Grundprinzipien einer erfolgreichen und langfristig orientierten Geldanlage in Aktien.

Eine eierlegende Wollmilchsau der Geldanlage?

Die ersten Börsengehandelten Indexfonds (ETFs: exchange traded funds) erreichten Europa erst im Jahr 2000. Die Deutsche Börse war Vorreiter mit zwei ETFs auf die beiden europäischen Bluechip-Indizes EURO STOXX 50 und STOXX Europe 50. Zu Beginn waren sie vor allem ein Instrument für professionelle Investoren.  Spätestens nach der Finanzkrise erreichte die Idee des passiven Investierens immer mehr private Anleger. Die vermeintlichen Vorteile liegen auch klar auf der Hand. Kein Ausgabeaufschlag, geringe Verwaltungsgebühren und jederzeit an der Börse handelbar.  Für viele Berichterstatter avancierten die ETFs deshalb schnell zur eierlegenden Wollmilchsau der Geldanlage. Auf den ersten Blick nur Vorteile. Mittlerweile gibt es weltweit knapp 7.000 ETFs. Auf Xetra und im Frankfurter Parketthandel werden gut 1.500 Indextracker angeboten, im Jahr 2021 betrug das in Europa verwaltete ETF-Vermögen rund 1.506 Milliarden US-Dollar.

„Index-Hugging“ wurde zum Problem

Gleichzeitig machten die bisherigen Platzhirsche in der privaten Geldanlage es der neuen Fondsgattung auch einfach. Immer noch verlangen viele Banken für die Vermittlung eines aktiven Investmentfonds einen Ausgabeaufschlag von bis zu fünf Prozent. Zusätzlich zu den mitunter recht hohen laufenden Gebühren. Die Performance dagegen sah häufig schlechter aus. Den meisten aktiven Fonds gelang es nicht nachhaltig den Markt zu schlagen. So mancher Fondsmanager hatte es sich scheinbar gemütlich eingerichtet. Viele Manager betrieben „Index-Hugging“, klebten im Wesentlichen an ihrem Vergleichsindex und boten damit nicht viel mehr als ein ETF – allerdings zu höheren Kosten.

Demokratisierung der Geldanlage

Die lockere Geldpolitik der führenden Notenbanken befeuerte in den letzten Jahren zusätzlich  das Narrativ des passiven Investierens. Stoisch dem breiten Markt zu folgen, schien demnach langfristig erfolgreicher als aktiv sein Portfolio zu optimieren. „Wer keine Entscheidung trifft, der macht auch keine Fehler“, dieses Credo galt nicht nur in der deutschen Politik. Es wurde für viele auch zum Leitmotiv in der Geldanlage.  Gerieten die Finanzmärkte ins Taumeln, würden die Notenbanken es schon richten. Niedrige Zinsen und nahezu unendliche Liquidität schufen ein Biotop, in dem die meisten breiten Aktienindizes sich prächtig entwickelten. Die ETFs gelten als wichtiges Mittel zur Demokratisierung der Geldanlage. Auch ohne große Sachkenntnis konnte man mit dabei sein. Vermutlich würde auch die häufig zitierte „schwäbische Hausfrau“ heute ihren Überschuss in ETFs anlegen.

Alles geht einmal zu Ende

Aber alles hat bekanntlich einmal ein Ende und meistens kommt es überraschender als man denkt. Denn negative Zinssätze und scheinbar unendliche Liquidität lassen sich nicht auf alle Ewigkeit festschreiben. Notenbanken sind auch dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet. Die anziehende Inflation zum Ende letzten Jahres leitete den Strategiewechsel der Notenbanken ein. Dieser wird aktuell durch den Russland-Ukraine Konflikt und die damit ausgelöste geopolitische Zeitenwende beschleunigt. Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich und Investoren interessieren sich auf einmal auch wieder für die tatsächliche Gewinne der zu investierenden Unternehmen.

Achtung Klumpenrisiko!

Mit einem ETF investiert man in ein „dummes“ passives Produkt das klug eingesetzt werden muss. Denn die Indizes sind in der Regel nach Marktkapitalisierung aufgebaut. Das heißt, jene Aktien mit dem höchsten Marktwert haben das höchste Gewicht. Eine ausgewogene Streuung garantiert das nicht. In den vergangenen Jahren ist beispielsweise der Anteil von Technologieaktien auf Grund der sehr guten Kursentwicklung in vielen Indizes deutlich gestiegen. Dadurch hat beispielsweise der MSCI World mittlerweile eine gefährliche Unwucht. Ende Februar hatten amerikanische Aktien ein Gewicht von sehr hohen 68,5 Prozent. Allein die Aktien von US-Technologieriesen wie Apple, Microsoft, Amazon oder Alphabet kamen per Ende Februar auf ein Gewicht von 13,7 Prozent im Welt-Index.

Nach der Flut kommt Ebbe

Denn nach der Flut kommt bekanntlich die Ebbe und dann sieht man sofort wer ohne Badehose dasteht. In einem schwieriger werdenden wirtschaftlichen Umfeld gewinnt für Anleger wieder eine Fähigkeit an die Bedeutung, die in den letzten Jahren noch als Zeitverschwendung galt. Das „Stockpicking“ feiert sein Comeback. So bezeichnet man das gezielte Investieren in einzelne, börsennotierte Unternehmen, die sich besser entwickeln als der Gesamtmarkt. Natürlich ist das Vorgehen aufwändiger und es verlangt mehr Sachverstand als einfach den Gesamtmarkt zu kaufen. Man wird aber durch eine höhere Rendite mehr als entschädigt. Ein Portfolio muss nicht aus hunderten Einzeltitel bestehen. In stürmischen Börsenzeiten reicht ein gutes Dutzend robuster und erfolgreicher Titel mit einem funktionierenden Geschäftsmodell aus. Denn bei Regen droht dem Heuhaufen Schimmel, dann sollte man besser nach der Nadel suchen.

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