Die Schulden von heute sind der Wohlstand von morgen. So lautet zugegebener Maßen stark verkürzt das Credo der Anhänger der „Modern Monetary Theory (MMT)“. Die „Moderne Geldtheorie“ stellt bewährte ökonomische Grundsätze infrage. Anhänger dieser Geldtheorie finden sich vor allem unter linken Ökonomen. Spätestens seitdem Bernie Sanders damit in den USA in seinen Nominierungswahlkampf für die Demokraten zog, wurde die Theorie auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die MMT besagt im Wesentlichen, dass die Zentralbanken unbeschränkt Geld drucken dürfen, solange sie es in der eigenen Währung tun. Und dass der Staat sich problemlos verschulden darf, solange er gleichzeitig geeignete Maßnahmen ergreift, um die Inflation im Griff zu behalten. Demnach müssen sich Staaten mit eigener Währung keine Gedanken um ihre Verschuldung machen. Denn das benötigte Geld kann grundsätzlich unbegrenzt von ihrer Notenbank zur Verfügung gestellt werden. Allerdings verliert die Notenbank in diesem Modell auch ihre Unabhängigkeit.

Geld ist nur Mittel zum Zweck

Zu den bekanntesten Vertretern gehört die Ökonomin Stephanie Kelton. Die Wirkungsweise der Theorie beschreibt sie gerne in einem einfachen Beispiel. Man stelle sich eine baufällige Schule vor, die dringend renoviert werden muss. In der Nähe der Schule wohnen arbeitslose Maurer und Zimmerleute, die sie in Ordnung bringen können. Sie tun es aber nicht, weil das Geld dafür fehlt. Die Schule verfällt weiter. Die Maurer und Zimmerleute bleiben arbeitslos. Der Staat kann jetzt einfach frisches Geld drucken und damit die Maurer und Zimmerleute bezahlen, die die Schule reparieren. Über die Steuerzahlungen der dann wieder in Lohn und Brot stehenden Arbeiter fließt das Geld wieder an den Staat zurück. Staatliches Geld ist demnach nichts anderes als eine Steuergutschrift. Geld ist für die Anhänger dieser Theorie nur Mittel zum Zweck und kann demnach vom Staat in unbegrenzter Menge zur Verfügung gestellt werden. Wohlstand wird dadurch geschaffen, das alle produktiven Kapazitäten einer Volkswirtschaft maximiert werden. Dies geschieht am sinnvollsten durch Investitionen in neue Fabriken, Infrastruktur oder Bildung. Die Theorie versteht sich grundsätzlich als Fortführung keynesianischer Ansichten.

Voodoo Ökonomie?

Die Mehrheit der klassischen Ökonomen steht dieser Theorie allerdings mehr als kritisch gegenüber. Für sie ist MMT nichts anderes als verantwortungslose Gelddruckerei, die zwangsläufig in Hyperinflation und Zusammenbruch des Geldsystems münden wird. Denn die Notenbank und ihre Geldpolitik verkommen im Modellrahmen der Modern Monetary Theory zum verlängerten Arm des Staates. Ein sparsamer Staat ist nicht mehr zwangsläufig nötig, da sich der Staat über seine Zentralbank und die Schaffung von neuem Geld direkt finanzieren kann. Kritiker, wie der frühere demokratische Finanzminister Larry Summers, bezeichnen die MMT sogar als „Voodoo Ökonomie“. Aber wie in vielen Lebensbereichen werden durch die Corona-Pandemie derzeit überall Fakten geschaffen. Denn die Staaten schalten weltweit in den Schulden-Turbo, um den völligen Zusammenbruch der Volkswirtschaften zu verhindern. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Hilfspakete in nie gekannten Umfang verkündet und verabschiedet werden. Allein die Bundesrepublik darf in diesem Jahr neue Schulden von fast 218 Milliarden Euro aufnehmen. Im bisherigen Rekordschuldenjahr 2010, im Zuge der Finanzkrise, nahm der Bund lediglich 44 Milliarden Euro neue Kredite auf. Der US-Kongress hat infolge der Corona-Pandemie bislang Konjunkturpakete von rund 2,7 Billionen Dollar beschlossen. Die Europäische Zentralbank hat ein Hilfsprogramm in der Höhe von 750 Milliarden Euro aufgelegt. Für manchen Beobachter ist das schon der erste Schritt zur Einführung der Modernen Geldtheorie. Die Auswirkungen der Krise werden einfach mit der Notenbankpresse „weggedruckt“.

Schuldenmachen als Geschäftsmodell

US-Staatsanleihen oder auch deutsche Bundesanleihen gelten als eine der sichersten Anlagen weltweit. Dank der Negativzinsen ist das Schuldenmachen für die Bundesrepublik mittlerweile sogar ein einträgliches Geschäft. In diesem Jahr wird der Bund mit Schulden einen Sondergewinn in Höhe von 11,6 Milliarden Euro machen. Vermutlich wird der Gewinn noch höher ausfallen, weil die neuen Schulden durch die Corona Pandemie dabei noch gar nicht berücksichtigt sind. Denn die Minuszinsen die den privaten Anleger in die Verzweiflung treiben, sind für die Finanzagentur des Bundes ein Geschenk. Denn der Bund bekommt von seinen Gläubigern noch Geld dafür, dass sie ihm Geld leihen dürfen. Wenn der Bund eine zehnjährige Anleihe herausgibt, verkauft er diese zum Kurs von ca. 105 Prozent. Nach zehn Jahren zahlt er aber nur 100 Prozent zurück. Der Kupon während der Laufzeit beträgt null Prozent. Die Differenz zwischen dem Emissionspreis und der Rückzahlung streicht der Bund als Sondergewinn ein. Und zwar sofort. Ein nahezu risikoloses Geschäft. Da der globale Kapitalbedarf weiterhin ungebrochen zunimmt und eine Zinswende weiterhin nicht in Sicht ist, steht den Sondergewinnen auch in Zukunft nichts entgegen.

Zentralbanken sind ein „one-trick pony“

Leider ist dieses Geschäftsmodell den privaten Anlegern verschlossen. Allerdings kann auch der Privatanleger von der verdeckten Einführung der Modernen Geldtheorie profitieren. Denn die massive Geldschwemme der Notenbanken hat zu einer sogenannten Asset-Price-Inflation geführt. Es kam zu einer Entkopplung der Finanzmärkte von der realen Wirtschaft. Denn wer heute Aktien erwirbt, kann dies mehr oder weniger gefahrlos tun. Er weiß, dass die Zentralbanken erneut einschreiten werden, wenn es wirklich brenzlig zu werden droht. Die Zentralbanken sind für Marktbeobachter mittlerweile ein „one-trick pony“ geworden, ein Hottehü-Zirkuspferdchen, das nur eine kleine Nummer kann, die aber besonders gut: Geld drucken.

Der Liquiditäts-Tsunami

Wobei heute keine Zentralbank auf der Welt noch druckt. Im 21. Jahrhundert wird das digital erledigt. Vereinfacht gesagt kauft die Notenbank Finanzinstituten Anleihen ab und überweist ihnen dafür frisches, aus der Luft gezaubertes Fiat-Geld. Wenn Notenbanken in großem Stil Geld „drucken“, zeigt sich aber durchaus ein Inflationseffekt. Allerdings nicht unbedingt beim Bäcker, im Supermarkt oder in der Drogerie, sondern bei den Vermögenswerten. Viele Beobachter rechnen damit, dass der Liquiditäts-Tsunami im Markt die Preise für Aktien und Anleihen, für Immobilien und Edelmetalle noch lange Zeit nach oben spülen wird. Zu den Verlierern werden mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch alle die gehören, die ihr Geld in nominale Anlageformen wie Tagesgeldkonto, Festgeld, Sparbuch oder in bar unter dem Kopfkissen investieren. Wer sich als Anleger richtig im Markt positioniert hat dagegen durchaus die Möglichkeit durch Schulden reich zu werden.