Inflation – gekommen, um zu bleiben?

Eines der Worte, das vom Deutschen ins Englische übernommen wurde, ist das Wort Angst. Das Wort ist für die Angelsachsen untrennbar mit uns Deutschen verbunden, sie ist für sie Teil unseres Nationalcharakters. German Angst ist in der englischsprachigen Welt ein feststehender Begriff. Für unsere europäischen Nachbarn sind wir Deutschen ein Volk von Bedenkenträgern, durchleben kaum einen Tag ohne Existenzangst und hassen Veränderungen. Um dem entgegenzuwirken, haben die Deutschen den Sozialstaat erfunden und geben Milliarden für Versicherungen aus, um sich gegen praktisch jedes Risiko abzusichern, das das Leben theoretisch mit sich bringen kann.

Inflation ist eine deutsche Urangst

Der Wertverlust des Geldes ist eine deutsche Urangst. Zwei historische Ereignisse haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Hyperinflation des Jahres 1923, als die Menschen mit Schubkarren voller Bargeld loszogen, um ihre täglichen Einkäufe zu erledigen und die große Not zwischen dem Kriegsende 1945 und der Währungsreform 1948. Jetzt ist Sie wieder da, die Inflation und die Angst der deutschen Sparer. Seit Wochen steigen sie „Pegelstände“, mittlerweile halten Ökonomen eine Inflationsrate von fünf Prozent zum Jahreswechsel für möglich. Begleitet wird die Entwicklung durch ein mediales Gewitter. Die Presse sieht bereits den Wohlstand der Deutschen in Gefahr und die Bildzeitung warnt in dicken Überschriften vor einem „Preis-Hammer“.

Die Hälfte der Deutschen hat Angst

Die deutschen Erzeugerpreise sind so stark in die Höhe geschnellt wie seit 1974 nicht mehr. Die steigenden Preise für Energie und Vorprodukte lassen die Preise deutscher Hersteller von Rekord zu Rekord eilen. Fast die Hälfte der Deutschen hat aktuell Angst, durch Inflation ihr Geld zu verlieren. Die Notenbanken dagegen werden nicht müde immer wieder zu betonen, dass es sich bei den hohen Raten lediglich um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Denn es ist kein Geheimnis, Inflation ist von den Notenbanken durchaus gewünscht. Seit Jahren bemüht sich die EZB im Kampf gegen Stagnation, die Inflationsrate auf zwei Prozent Jährlich zu treiben.

Sondereffekte treiben die Inflation

Der derzeitige Anstieg ist ohne Frage einigen Sondereffekten geschuldet. Im Juli vergangenen Jahres sind in Deutschland die Mehrwertsteuersätze gesenkt worden. Dadurch sind viele Waren billiger geworden. Diese Steuersenkung ist inzwischen rückgängig gemacht worden. Dadurch werden diese Waren wieder teurer. Die Preise sind also jetzt besonders hoch, weil sie im vergangenen Jahr besonders niedrig waren. Allein das könnte nach Meinung vieler Ökonomen die Inflationsrate um rund 1,6 Prozentpunkte nach oben getrieben haben. Viele Beobachter sehen in der Pandemie den wahren Grund für das steigende Preisniveau. Die Logistik und das Preisgefüge der globalen Wirtschaft sind durcheinandergeraten. Es dauert seine Zeit bis die Produktion in vielen Bereichen wieder das alte Niveau vor der Pandemie erreicht hat und die Lieferketten wieder reibungslos funktionieren. Spätestens dann wird der Druck auf die Preise nachlassen.

Lohn-Preis-Spirale

Allerdings besteht das Risiko, das hohe Inflationserwartungen zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden und die tatsächliche Inflation ankurbeln. „Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet„, so treffend formulierte es der ehemalige Bundesbankpräsident Otmar Emminger in den siebziger Jahren. 1973 wurde mit 7,1 Prozent ein extrem hoher Wert gemessen.  Der erste Ölpreisschock trieb damals die Preise nach oben. Steigende Preise können dazu führen, dass Arbeitnehmer höhere Löhne als Ausgleich fordern und durchsetzen. Höhere Löhne allerdings führen fast zwangsläufig zu steigenden Preisen und das Spiel beginnt von vorne. Dieses Verhalten setzt dann eine klassische Lohn-Preis-Spirale in Gang.

Die EZB sieht keinen Handlungsbedarf

Der aktuelle Inflationsschub im Euro-Raum zwingt die Europäische Zentralbank derzeit noch nicht zum Handeln. Trotz zuletzt stark gestiegener Teuerungsraten sehen Europas Währungshüter keinen Anlass für ein rasches Ende ihrer Billiggeldflut. Eine Änderung der milliardenschweren Anleihenkäufen durch die EZB ist offensichtlich nicht geplant. Nach bisheriger Planung soll das zur Abfederung des Corona-Schocks aufgelegte Kaufprogramm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) noch bis mindestens Ende März 2022 laufen. Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde betont den temporären Inflationseffekt und geht nicht davon aus, dass PEPP vorzeitig endet. In der Europäischen Notenbank rechnet man fest damit, dass die Inflationsrate spätestens 2022 wieder zurückgehen wird.

Inflation kommt nicht unerwartet

Natürlich weiß niemand, was die Zukunft bringt. Derzeit ist es schwierig abzuschätzen wie nachhaltig die Inflationsentwicklung wirklich ist. Es sind viele einzelne Faktoren die eine Inflationsrate beeinflussen. Viele Ökonomen rechneten schon lange mit einer steigenden Inflation und waren verwundert, dass es nicht schon seit Jahren zu noch viel höheren Inflationsraten gekommen ist. Denn der klassischen  Lehre nach treibt nichts die Inflation so an wie eine steigende Geldmenge. Und aufgrund der expansiven Geldpolitik der Notenbanken weltweit ist seit der Finanzkrise viel mehr Geld im Umlauf als zuvor. Die Rettungspakete der Coronakrise haben diese Entwicklung noch potenziert.

Für Aktienanleger eine gute Nachricht

Letztlich sind die steigenden Inflationsraten für Aktienanleger eine gute Nachricht.  Denn die steigenden Teuerungsraten sind ein Indiz dafür, dass die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Vor allem robuste Sachwerte profitieren von anziehender Inflation. Aktien von Top-Unternehmen mit führenden Wettbewerbspositionen, starken Marken und loyalen Kunden, die dadurch über Preissetzungsmacht verfügen, können höhere Kosten im Einkauf oder in der Produktion in Form von Preiserhöhungen an ihre Kunden weitergeben. Anleger sollten jetzt dringend ihre Depotstruktur und die Zusammensetzung ihrer Portfolios überprüfen. In dem immer noch geltenden Niedrigzinsszenario  haben Anleihen ihren Status als „sicherer Hafen“ schon lange eingebüßt. Auch Tages- und Festgeld sind der Inflation schutzlos ausgeliefert.  Ökonomen sind sich derzeit fast sicher, auch wenn die Inflation kommt, um zu bleiben, wird sich die Zinspolitik der Notenbanken nicht ändern. Wer die Entwicklung ignoriert und nicht handelt, wird dann Geld verlieren.

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