Knapp vorbei ist auch daneben. So könnte das Ergebnis des EU-Sondergipfel von vorletztem Wochenende heißen. Es fehlten nur 25 Minuten und der Gipfel wäre als das längste Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. Aber es wird sicherlich in Zukunft noch häufiger Gelegenheit geben den derzeitigen Spitzenreiter, den Gipfel von Nizza, zu verdrängen. Marathonsitzungen der EU-Chefs werden häufiger und die Probleme der EU vermutlich nicht weniger. Von Einigkeit ist man mittlerweile auch weiter entfernt denn je. Zu groß sind die Gegensätze, zu unterschiedlich die Interessen der einzelnen Mitglieder.

Das größte Finanzpaket in der Geschichte der EU

Aber wie in der Vergangenheit schon oft, mit Geld lassen sich auch die größten Meinungsverschiedenheiten überwinden. Die Beschlüsse haben einen Umfang von 1,8 Billionen Euro. Es ist, sofern das EU-Parlament und die jeweiligen Landesparlamente noch zustimmen, das größte Haushalts- und Finanzpaket in der Geschichte der EU. Denn neben den 1.074 Milliarden Euro für den nächsten siebenjährigen Haushaltsrahmen bis 2027 kommen weitere 750 Milliarden Euro für ein Corona Hilfspaket. Davon sollen 390 Milliarden Euro als nicht rückzahlbare Zuschüsse an die Empfängerländer fließen, der Rest soll in Form von Krediten gewährt werden.

Die „Sparsamen Fünf“

Ursprünglich sollten sogar 500 Milliarden Euro als Zuschüsse gewährt werden. Allerdings stemmten sich die „Sparsamen Fünf“ erfolgreich dagegen. Die selbsterklärten „sparsamen“ Länder sind die Niederlande, Österreich, Finnland, Schweden und Dänemark. Inwieweit Staaten wie Italien, Frankreich oder Spanien in der Lage sein werden, gewährte Kredite auch wirklich zurückzuzahlen, steht auf einem anderen Blatt. Darüber hinaus ist die Auszahlung von Geld an bestimmte Bedingungen gebunden. Es sollen nur sinnvolle Projekte gefördert werden und es soll verhindert werden, das Geld in die nationalen Haushalte fließt. Die Rückzahlung soll vor 2027 beginnen und bis 2058 laufen.

Einstieg in die Schuldenunion?

Das Ergebnis des Gipfels ist historisch. Diese Floskel wurde am Tag danach von fast jedem Regierungschef bemüht. Denn erstmalig in der Geschichte der EU wird der EU-Kommission erlaubt, in großem Umfang selbst Schulden aufzunehmen. Die Anleihen über 750 Milliarden Euro werden an den Finanzmärkten angeboten und können dort gekauft werden. Manche Ökonomen und Kritiker sehen hier den Einstieg in eine europäische Schuldenunion. Es besteht die Gefahr, dass die EU immer mehr zu einer Umverteilungsmaschine wird. Zu einem Geldautoamten, gefüttert aus einer Gemeinschaftskasse, an dem sich die Länder nach Bedarf bedienen können. Selbstverständlich ist diese Art der Finanzierung einmalig und nur den Herausforderungen durch die Corona-Pandemie geschuldet. So lautet die einstimmige Bewertung der Regierungschefs. Leider gibt es in der Geschichte der EU einige einmalige Ausnahmeregelungen, die dann doch zur Regel wurden.

Kauflaune an der Börse

Die Märkte waren jedoch mit dem Ergebnis zufrieden. Die Börse reagiert mit Kauflaune auf die Einigung beim EU-Sondergipfel. Denn das frische Geld muss angelegt werden. Zeitweise übersprang der Dax wieder die Marke von 13.000 Punkten. Vor allem Edelmetalle legte eine Rally hin. Der Goldpreis erreichte mittlerweile den höchsten Stand in seiner Geschichte. 1944,71 Dollar kostete eine Feinunze (31,1 Gramm) zeitweise. Auch Silber stieg auf den höchsten Stand seit sieben Jahren. Zuletzt hatte Gold vor rund einem Jahrzehnt Höhen von über 1.900 US-Dollar erreicht. Das war 2011, in der Hochphase der Euro-Schuldenkrise. Aber auch der Bitcoin machte in der letzten Woche wieder auf sich aufmerksam. Seit langer Zeit sprang der Bitcoin-Kurs wieder über 10.000 USD. Das Vertrauen in Geld als Wertaufbewahrungsinstrument scheint zu schwinden, die Suche nach Alternativen treibt die Kurse.

Deutsche horten Bargeld

Allerdings nicht bei vielen deutschen Anlegern. Hier scheint das Bargeld nichts von seinem Reiz einbüßt zu haben. Mehr als 1000 Euro Bargeld bewahren die Menschen in Deutschland im Durchschnitt unbeeindruckt zu Hause oder im Bankschließfach auf. Einer Umfrage der Bundesbank zufolge haben sie im Schnitt 107 Euro im Portemonnaie und horten zugleich 1364 Euro Bargeld zu Hause. Nach wie vor gilt Bargeld als sicherer Hafen in turbulenten Zeiten. Seit Beginn der Corona-Krise ist die Nachfrage nach Scheinen und Münzen deutlich gestiegen. Bargeld ist allerdings schutzlos der Inflation ausgeliefert und bietet keinerlei Ertrag. Gerade konservative Anleger sollten sich immer vor Augen führen, Bargeld ist nur bedrucktes Papier. Den Wert, den die Schein-Liebhaber hineininterpretieren, ist abhängig von politischen Entscheidungen. Vor diesem Hintergrund sollten Anleger die Beschlüsse der EU-Gipfels sehr sorgsam bewerten.

Probleme werden mit Geld zugekleistert

Die EU hat beschlossen ihre Probleme mit Geld zuzukleistern. Wie einst in der deutschen Serie „Kir Royal“ schlüpft sie in die Rolle des rheinischen Fabrikanten Haffenloher, gespielt von Mario Adorf, und ruft den Märkten zu: „Isch scheiß disch so was von zu mit meinem Geld, isch schieb et dir hinten und vorne rein, gegen meine Kohle haste doch jar keine Schangse…“. Die Börsen nutzen die Chance und nehmen das Geld dankbar an. Sollte die Finanzhilfen mittelfristig auf Wachstum treffen, werden die Kurse weiterhin steigen. Schon jetzt treibt das frische billige Geld die Assetklassen-Inflation auf breiter Front. Für Anleger ist die Börse derzeit der bessere Parkplatz für ihr Geld als das Kopfkissen. Dann kann man sich auch in Zukunft weiterhin mit ruhigen Gewissen sein eigenes Geld am Geldautomaten auszahlen lassen.