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Am Montag ging der Wirtschaftsnobelpreis an die amerikanischen Ökonomen Robert E. Hall und Michael Woodford. Ihre Namen kennen nur wenige, ihre Ideen dagegen begegnen Anlegern regelmäßig. Wenn ein einziger Satz einer Notenbank über den künftigen Zinskurs die Märkte stärker bewegt als die Zinsentscheidung selbst, steckt genau der Mechanismus dahinter, den die beiden beschrieben haben. Ihre Forschung richtet sich zwar an Notenbanker und Finanzminister, doch einige Erkenntnisse lassen sich gut auf das eigene Depot übertragen.
Viele ältere Konjunkturmodelle betrachteten die Wirtschaft vor allem von oben. Sie rechneten mit großen Größen wie Konsum, Investitionen und Arbeitslosigkeit, ohne genauer zu fragen, wie diese Zahlen eigentlich entstehen. Hall und Woodford setzen eine Ebene tiefer an. Ihre Modelle erklären das große Ganze aus den Entscheidungen einzelner Haushalte und Unternehmen, die nicht nur auf die Gegenwart reagieren, sondern vorausdenken. Robert Hall zeigte bereits Ende der Siebzigerjahre, dass Menschen ihren Konsum weniger am aktuellen Gehalt ausrichten als an dem Einkommen, das sie über ihr Leben hinweg erwarten. Michael Woodford wiederum machte deutlich, dass Geldpolitik vor allem über Erwartungen wirkt. Aus solchen Bausteinen entstanden die neukeynesianischen Modelle. Mit ihnen arbeiten Zentralbanken heute weltweit.
Woodfords Erkenntnis birgt eine unbequeme Wahrheit. Was alle erwarten, ist längst im Kurs enthalten. Rechnen die Märkte seit Wochen fest mit einer Zinssenkung, passiert am Tag der Verkündung oft erstaunlich wenig. Die Bewegung hat dann bereits stattgefunden, nämlich in dem Moment, als sich die Erwartung bildete. Kräftig reagieren die Kurse nur auf Überraschungen, also auf alles, was vom eingepreisten Szenario abweicht. Und Überraschungen lassen sich per Definition nicht vorhersagen. Wer sein Depot nach Schlagzeilen und Notenbankterminen umschichtet, handelt deshalb fast immer mit Informationen, die der Markt schon verarbeitet hat. Er zahlt Gebühren und Steuern für einen Vorsprung, den es nicht gibt. Gelassenheit ist in diesem Fall keine Bequemlichkeit, sondern schlicht die rationalere Strategie.
Ein zweiter Gedanke Woodfords betrifft die Glaubwürdigkeit. Eine Notenbank erzielt bessere Ergebnisse, wenn sie sich an eine nachvollziehbare Strategie bindet, statt von Sitzung zu Sitzung neu zu entscheiden. Nur dann richten Unternehmen und Haushalte ihr Verhalten verlässlich daran aus. Spontane Kurswechsel mögen im Einzelfall klug wirken, auf Dauer untergraben sie das Vertrauen. Im eigenen Depot ist das nicht anders. Auch hier helfen feste Regeln, die nicht erst im Moment der Aufregung entstehen. Ein Sparplan, der unabhängig von der Nachrichtenlage läuft, gehört ebenso dazu wie eine klare Zielaufteilung zwischen Aktien, Anleihen und Liquidität. Wer diese Aufteilung regelmäßig wiederherstellt, schützt sich vor Entscheidungen aus Euphorie oder Panik. Die Regel muss vor dem Ereignis stehen. Danach ist es meist zu spät.
In den Modellen der beiden Preisträger spielt der nominale Zins nur eine Nebenrolle. Entscheidend ist der reale Zins, also das, was nach Abzug der Inflation tatsächlich an Kaufkraft hinzukommt. Viele Sparer übersehen diesen Unterschied. Ein Rechenbeispiel macht ihn greifbar. Angenommen, Ihr Festgeld bringt drei Prozent Zinsen und der Sparerpauschbetrag ist bereits ausgeschöpft. Nach Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag bleiben davon rund 2,2 Prozent. Liegt die Inflation bei 2,5 Prozent, haben Sie real sogar leicht an Kaufkraft verloren, obwohl Ihr Kontostand gewachsen ist. Das Geld wirkt sicher, wird aber jedes Jahr ein wenig weniger wert. Vor jeder Anlageentscheidung steht deshalb dieselbe nüchterne Frage. Was bleibt nach Inflation, Kosten und Steuern übrig? Erst diese Zahl zeigt, ob sich ein Vermögen tatsächlich vermehrt.
So überzeugend die Modelle sind, sie haben Grenzen. Notenbanken können Konjunkturzyklen glätten, abschaffen können sie sie nicht. Das hat die Inflationswelle der Jahre 2021 und 2022 eindrucksvoll gezeigt, als die Zentralbanken die Lage zunächst unterschätzten und dann umso kräftiger gegensteuern mussten. Selbst ein Mitglied des Nobelkomitees räumte bei der Preisvergabe sinngemäß ein, das Rezept habe gut funktioniert, bis es eben nicht mehr funktionierte. Beunruhigend ist das nicht. Es bedeutet nur, dass niemand die nächste Krise zuverlässig verhindern oder vorhersagen kann, weder die Notenbank noch der Experte im Fernsehen. Ein breit gestreutes Depot, ein ausreichend langer Anlagehorizont und eine Reserve für schwierige Zeiten bleiben deshalb unverzichtbar. Sie sorgen dafür, dass Sie in einem Abschwung nicht verkaufen müssen. Und sie helfen dabei, die größte Schwachstelle jeder Anlagestrategie im Griff zu behalten. Das ist meist nicht der Markt, sondern der Mensch.
Michael Woodford sagte bei der Bekanntgabe, im Zentrum seiner Arbeit habe stets das Verständnis der Menschen gestanden, die an den Märkten handeln und Entscheidungen treffen. Seine Modelle unterstellen dabei Menschen, die rational und vorausschauend handeln. Echte Anleger tun das nicht immer. Sie verkaufen aus Angst zum ungünstigsten Zeitpunkt, laufen der Herde hinterher oder verwechseln eine gute Geschichte mit einer guten Anlage. Genau hier entscheidet sich, wie ein Depot über die Jahre abschneidet. Klare Vorgaben und ein nüchterner Blick von außen helfen, diese Fehler zu vermeiden. Die Notenbanken haben gelernt, sich an Regeln zu binden. Anleger können das auch.