Die große Zinsschmelze

Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hat es in Deutschland einen wärmeren November gegeben als in diesem Jahr. In Europa lagen die Temperaturen in den Herbstmonaten durchschnittlich 1,9 Grad über der Referenzperiode. Aber nicht nur in Europa wird es wärmer, auch das „Ewige Eis“ schmilzt. In der Antarktis schrumpft es derzeit sechs Mal so schnell wie in den 1980er-Jahren. Noch viel schneller schmelzen aber in den letzten Jahren die Zinsen dahin. Gerade Deutschland meldet regelmäßig neue Negativrekorde. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fiel um zehn Basispunkte und lag am Monatsende bei -0,63 Prozent. Der Wert des Geldes schmilzt in diesem Szenario schneller dahin als das Eis der Polkappen.

Dramatische Zinssenkungen bei Lebensversicherungen

Diese Entwicklung bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Altersvorsorge. Die Allianz, Deutschlands größter Lebensversicherer, senkt die Verzinsung auf seine rund zehn Millionen Policen 2021 zum zweiten Mal in Folge. Die Gesamtverzinsung auf klassische Lebens- und Rentenversicherungen liegt dann bei 2,9 Prozent und damit 0,2 Prozentpunkte niedriger als im laufenden Jahr. Die Gesamtverzinsung ist berechnet für Kunden, deren Policen im kommenden Jahr auslaufen. Die in der Gesamtverzinsung enthaltene laufende Verzinsung (Überschussbeteiligung + Garantiezins) sinkt auf 2,3 Prozent. Auf den ersten Blick klingen solche Verzinsungen  derzeit sehr attraktiv. Allerdings zehren die Versicherer mit ihren langlaufenden Anleihen noch von den guten früheren Zeiten. Zum Beginn dieses Jahrtausends lag die durchschnittliche Verzinsung von Lebensversicherungen noch bei 7,15 Prozent.

Grantiezins soll deutlich sinken

Angesichts der Zinsflaute schlägt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung vor, den Höchstrechnungszins (Garanziezins) ab 1. Januar 2022 für Neuverträge auf 0,25 Prozent festzulegen. Seit 2017 liegt dieser bei 0,9 Prozent, Mitte der 90er Jahre lag er mal bei 4 Prozent. Auch an dieser Entwicklung lässt sich eindrucksvoll die Zinsschmelze erkennen. Garantiezusagen in der Altersvorsorge werden immer mehr zum Auslaufmodell. Marktführer Allianz hat bereits angekündigt, bei neuen Policen ab 2021 nur noch 60, 80 oder 90 Prozent der Einzahlungen zu garantieren. Auch bei der Riester-Rente werden Änderungen erwartet. Dort ist der Beitragserhalt noch obligatorisch. Aber eine Abkehr von der 100-Prozent-Garantie ist für das nächste Jahr wahrscheinlich. Die Lebensversicherung als Lieblingsanlage der Deutschen gerät somit immer stärker unter Druck. Noch gibt es zwar laut dem Branchenverband GDV rund 83 Millionen laufende Policen im Land. Damit besitzt jeder Deutsche im Schnitt mehr als einen Vertrag. Diese Zahl ist jedoch seit Jahren rückläufig.

Mehr Risiko bei der Geldanlage ist unvermeidlich

Auch das Lieblingsvorsorgeprodukt der Deutschen muss sich der Realität stellen. Mehr Risiko ist dringend notwendig, um überhaupt mit einer nennenswerten Rendite auf die gezahlten Beiträge rechnen zu können. Denn die Nullzinsphase hat sich schon lange zur Minuszinsphase gewandelt. Die Versicherer haben in den letzten Jahren bereits immer mehr Produkte mit eingeschränkten Garantien verkauft. Alleine die Allianz schloss zuletzt über 90 Prozent der Neuverträge ohne Garantien ab. Die Kunden, die bereit waren ein etwas höheres Risiko zu tragen wurden belohnt. In den vergangenen Jahren erhielten sie jeweils eine leicht höhere Rendite als beim klassischen Garantieprodukt. Denn in einer Welt ohne positiven Nominalzins muss die Altersvorsorge und der Kapitalaufbau neu gedacht werden.

Die Coraona-bedingte Geldpolitik verschiebt einen Zinsanstieg

Privatanleger in Deutschland gelten als Aktienmuffel. Überraschenderweise entdeckten viele während der Corona-Pandemie Ihre Vorlieben für risikoreichere Anlagen. Umfragen zufolge wurden im ersten Halbjahr 2020 rund 500.000 neue Wertpapierdepots eröffnet. Insbesondere im März und April häuften sich die Depotneueröffnungen. Allerdings verfügen nach wie vor mit rund zehn Millionen Bundesbürger gerade einmal 12 Prozent der Bevölkerung über Aktien. Die breite Masse der Bundesbürger reagiert auf die Zinsschmelze mit einer gewissen Ratlosigkeit. Statt wie in der Vergangenheit in Sparbriefe oder Termingeld zu investieren, lassen die Anleger das Geld lieber gleich auf dem Girokonto als sogenannte Sichteinlage. Hochrechnungen zufolge bestehen mittlerweile mehr als 28 Prozent des gesamten Geldvermögens aus Bankeinlagen oder Bargeld. Es scheint so, als wenn viele Anleger immer noch damit rechnen, dass sich das Zinsniveau zeitnah wieder normalisieren wird. Die Coraona-bedingte Geldpolitik verschiebt einen Zinsanstieg allerdings in ganz weite Ferne.

Kommt die Inflation?

Nicht ganz so weit entfernt ist dagegen ein Anstieg der Inflation. Zumindest erheben bereits die ersten Beobachter warnend ihre Stimmen. Es gehört vermutlich zu den deutschen Eigenarten in jeder Krise gleich große Inflationsgefahren zu wittern. Denn die Zentralbank pumpt immer mehr Geld in den Kreislauf. Das muss doch zu immer mehr Inflation führen, oder? Aber mehr Geld allein führt nicht zu Inflation. In der Wirtschaft geht es immer um Angebot und Nachfrage. Inflation entsteht dann, wenn das Angebot an Geld die Nachfrage nach Geld erheblich übersteigt. Laut ökonomischem Lehrbuch führt auch Wachstum über höhere Löhne zu Inflation. Ebenfalls ist die Geldumlaufgeschwindigkeit ein inflationstreibender Faktor. Hier scheint die Corona-Pandemie aber derzeit zumindest bremsend auf die Inflation zu wirken. Denn die Unsicherheit der Krise führt dazu das weniger konsumiert und mehr Geld gespart wird. Viele Volkswirte rechnen frühstens in einigen Jahren mit einem möglichen Anstieg der Inflation.

Die Sektor Rotation

Ohne Inflationsdruck besteht auch für die Notenbanken keine Notwendigkeit Ihre Zinspolitik zu ändern. In der Folge wird uns das derzeitige niedrige Zinsniveau noch lange begleiten. An den Aktienmärkten findet derzeit dagegen eine Sektor Rotation statt. Seitdem die ersten erfolgreichen Impfstoffe Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie verbreiten, wechseln Anleger die Sektoren.  Statt der Wachstumsstory der Tech-Konzerne sind nun Substanz- und Industriewerte, die zu Beginn der Krise stärker litten, wieder gefragter. Die Verlierer der Krise sind in den letzten Wochen zu Gewinnern geworden. Davon profitieren natürlich nur die Anleger, die auch investiert sind. Wer sein Geld dagegen nach wie vor auf dem Girokonto parkt, kann nur von der Seitenlinie aus zuschauen. Noch ist es nicht zu spät. Auch das nächste Jahr bietet noch viele Chancen. Für dieses Jahr war es allerdings die letzte Kolumne.

 

 

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