Düstere Neuigkeiten sind willkommen – ganz besonders in Deutschland. Abzulesen ist das regelmäßig in der Spiegel Sachbuch Bestsellerliste. Aktuell liefern sich ein Sachbuch zur Klimakatastrophe und eines zum drohenden Finanzmarktcrash ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Spitzenplatz. Diese Woche hat die Klimakatastrophe, Greta sei Dank, die Nase vorn. Allerdings ist zu vermuten, dass zum Jahresende der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems wieder vorne liegt. Schließlich steht der Jahreswechsel an. Wer als Untergangsprophet ernst genommen werden will, muss jetzt die Gründe liefern, warum in Kürze ganz sicher der globale Zusammenbruch erfolgen wird. Da die Mehrheit der deutschen Anleger grundsätzlich pessimistisch ist, greifen sie die Argumente, warum es richtig ist jetzt nicht investiert zu sein, gerne auf. Genauso wie in den Jahren zuvor.

Der größte Crash aller Zeiten

Allerdings ist der große Crash bis jetzt ausgeblieben. Gut für die Anleger, die investiert sind und sich über stetig steigende Vermögenswerte freuen. Aber auch die Crash-Propheten sind zufrieden. Schließlich kann man so jedes Jahr einen neuen Bestseller produzieren, der das Ende der Welt ankündigt. Die Autoren der aktuellen Nummer zwei der Spiegel-Bestseller Liste haben dieses Jahr bereits das fünfte Sachbuch zu diesem Thema seit 2012 veröffentlicht. Jetzt steht uns sogar, wenn man dem Buchtitel Glauben schenken mag, der größte Crash aller Zeiten bevor. Wirtschaft, Politik, Gesellschaft – alles wird in sehr naher Zukunft kollabieren. Dabei war im Jahr 2014 der Crash noch die Lösung. Aber der Zusammenbruch ist, wie wir 2019 alle wissen, bis jetzt dann doch ausgeblieben.

Der Crash ist nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Wobei sich die Autoren in der Vergangenheit nie festgelegt haben, wann der Zusammenbruch wirklich kommen wird. Irgendwann in naher Zukunft. In dem aktuellen Bestseller ist man jetzt mutiger. Spätestens bis 2023 wird uns Anlegern die bekannte Ordnung um die Ohren fliegen. Vermutlich ist es nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Die letzte große Krise im Finanzsystem ist schließlich schon länger als zehn Jahre her. Als Buchautor hat man für die nächsten Jahre ausgesorgt, wenn man eine zutreffende Prognose platziert. Der mittlerweile in die „völkische rechtskonservative“ Gedankenwelt abgeglittene Professor Max Otte lebt heute noch sehr gut davon, dass er die Finanzkrise 2008 richtig vorhersagte. Jahrelang kam kaum eine Talkshow zu diesem Thema ohne ihn aus und seine Vortragsveranstaltungen waren immer gut besucht. Als Fondsmanager seines nach ihm benannten Fonds war er dagegen bis jetzt nicht so erfolgreich.

Der Zusammenbruch als einzige Konsequenz

Dabei kann man den meisten Autoren nicht vorwerfen, dass sie die Unwahrheit verbreiten. Denn an Krisen herrscht bekanntlich kein Mangel und Fehlentwicklungen gibt es allenthalben. Egal ob die europäische Gemeinschaftswährung Euro, die Verschuldungsquote der führenden Volkswirtschaften, das erodierende Geschäftsmodell der Banken oder eine aus den Fugen geratene Politik. Überall lauern Probleme, die von den Schwarzsehern dankend aufgenommen und abgearbeitet werden. Der Finger wird nur allzu gerne in die Wunde gelegt. In einem leicht verständlichen Schreibstil werden die Probleme unserer Zeit aufgezählt und der Zusammenbruch erscheint einem schnell als die einzige mögliche Konsequenz. Volkswirtschaftslehre auf Volkshochschulen Niveau. Das ist nicht unbedingt falsch, ist allerdings der Komplexität des Themas selten angemessen. Denn Börsencrashs und Finanzkrisen lassen sich selbstverständlich nicht wissenschaftlich prognostizieren.

Keine technische Rezession in Deutschland

Man mag sich die Enttäuschung bei vielen gar nicht vorstellen, als letzte Woche das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, das das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland zwischen Juli und September um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gestiegen ist. Damit ist die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal entgegen fast aller Erwartungen leicht gewachsen und Deutschland ganz knapp an der formalen Definition einer Rezession vorbeigeschrammt. Wäre es wie im zweiten Quartal erneut gesunken, wäre die Definition einer sogenannten technischen Rezession erfüllt gewesen. Aber knapp vorbei ist schließlich auch daneben. Dabei haben die meisten seriösen Experten auch keinen Absturz der deutschen Wirtschaft erwartet. Es besteht Einigkeit darin, dass der Aufschwung beendet ist aber von einer tiefgreifenden Rezession ist derzeit nicht auszugehen. So zumindest die Stellungnahme der fünf sogenannten „Wirtschaftsweisen“ in ihrem jüngsten Herbstgutachten.

„Made in Germany“ verkauft sich gut

Dabei spielten die Rahmenbedingungen den Berufspessimisten eigentlich in die Karten. Denn die internationalen Handelskonflikte und der Streit über den Brexit belasten die exportorientierte deutsche Industrie. Die Verunsicherung bremst Investitionen. Schlüsselbranchen wie der Auto- und Maschinenbau sowie die Elektro- und Chemieindustrie bekommen das längst zu spüren. Trotzdem wurden 4,6 Prozent mehr Waren „Made in Germany“ ins Ausland verkauft als ein Jahr zuvor. Dementsprechend ist auch der deutsche Aktienmarkt nicht mehr weit von seinen historischen Höchstständen entfernt. In den USA scheint die Party sowieso nicht enden zu wollen. Am Freitag wurde erstmals die Marke von 28.000 Punkten beim Dow Jones Index erreicht. Skeptiker lassen solche positiven Kursbewegungen natürlich kalt. Sie verweisen nüchtern darauf, dass nur einige wenige Aktien für den Anstieg des Dow Jones verantwortlich waren. Schließlich hat alleine Apple in den vergangenen 90 Tagen um gute 30 Prozent zugelegt und hat damit ganz allein schon 421 Punkte zum Dow-Anstieg beigetragen. Ganz vorne dabei in der Reihe der Kritiker ist auch der Deutsche Bank Ökonom Torsten Slok. Er hat sich Gedanken über 20 Risiken gemacht, die den Aktienmarkt im kommenden Jahr stören werden. Wenn man sich den Aktienkurs der Deutschen Bank in den letzten Jahren anschaut, fallen einem allerdings andere Aufgabenfelder ein, zu denen sich die Ökonomen des Bankhauses vermehrt Gedanken machen sollten.

Allzweckwaffe Gold

Natürlich liefern die meisten Propheten auch Lösungen, um das Vermögen zu erhalten. Neben der Allzweckwaffe Gold finden sich dann häufig exotischere Anlageformen wie Bitcoins, Wald und Ackerland oder auch Whisky auf der Empfehlungsliste. Im Zweifel bieten die meisten Autoren auch einen eigenen Investmentfonds an. Allerdings finden die sich derzeit nicht sehr weit vorne in den aktuellen Performanceranglisten. Vermutlich kommt deren große Zeit erst dann, wenn der Crash da ist. Bis dahin sollten Anleger weiterhin der klassischen Aktie vertrauen. Solange sich an der Zinsfront keine Änderung zum Positiven ergibt und das globale Wirtschaftswachstum nicht kollabiert, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Weltuntergang erst einmal nicht stattfindet. Allerdings irgendwann wird der Crash kommen, vielleicht schon morgen, oder 2023 oder 2030. Die Stephen Kings der Finanzliteratur haben vermutlich noch Zeit für einige Bestseller.

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