Inflation ist wie Nikotin oder Alkohol. In kleinem Maße ist es stimulierend, man darf nur kein Kettenraucher oder Alkoholiker werden.” So treffend brachte die amerikanische Börsenlegende André Kostolany die Verlockungen der Inflation auf den Punkt. Die Konsequenzen einer aus dem Ruder laufenden Inflation erleben die Venezolaner seit Jahren hautnah. In der letzten Woche prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) für Venezuela im laufenden Jahr eine Inflationsrate von einer Million Prozent. Der IWF verglich die Zustände mit jenen Deutschlands in der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg. Derzeit lässt sich kaum noch Papiergeld in Venezuela bekommen. Die größte Note ist derzeit der 100.000-Bolivar-Schein, umgerechnet entspricht er weniger als einem Euro – und auf dem Schwarzmarkt sogar nur weniger als einem Cent. Ein US-Dollar kostet momentan etwa 119.900 Bolívar. Das ölreichste Land der Welt steckt seit Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise. Der Lösungsansatz der sozialistischen Regierung ist nicht neu und auch nicht sehr erfolgsversprechend. Es werden, mal wieder, neue Banknoten mit fünf Nullen weniger eingeführt und der Bolívar wird zukünftig an die neue Kryptowährung Petro gekoppelt. In solchen Extremsituationen wird wieder einmal deutlich, das Papiergeld eben nur bedrucktes Papier ist.

Inflation das Paradies der Schuldner

Inflation hätte die Europäische Zentralbank (EZB) auch ganz gerne. Vermutlich nicht in Höhe von einer Million Prozent, aber zwei Prozent dürften es schon sein. Seit der letzten Finanzkrise versucht die EZB durch eine finanzielle Repression nie gesehen Ausmaßes die Folgen der Krise zu bewältigen. Schließlich ist Inflation das Paradies der Schuldner und an Schulden herrscht in den Bilanzen der europäischen Staaten derzeit kein Mangel. Im Umkehrschluss ist Inflation aber auch die Hölle der Gläubiger und das sind zu einem großen Teil die konservativen Sparer, die ihr Kapital in Staatsanleihen sicher und rentabel anlegen wollten. Für bundesdeutsche Sparer sind negative Realzinsen schon seit einiger Zeit Realität. Zu einem wirklichen Wechsel zu ertragsreichen Anlagen hat diese Situation allerdings noch nicht geführt. Die Furcht vor den Schwankungen des Aktienmarkts scheint für eine Mehrheit der Anleger immer noch zu überwiegen. In den letzten Jahren hielt sich der Kaufkraftverlust durch Inflation auch noch in Grenzen. Aber irgendwann wird die Saat der Finanzrepression aufgehen. Spätestens dann wird es für so manchen Anleger teuer.

Eine Alternative zum Kapitalismus – die Freiwirtschaftslehre

Durch die derzeitige Politik der EZB wird in Deutschland plötzlich Realität, was vor gut 100 Jahren von dem deutschen Sozialreformer Silvio Gesell (1862-1930), Begründer der Freiwirtschaftslehre, als Ansatz für ein gerechtes Wirtschaftssystem propagiert wurde. Sein wesentlicher Vorschlag bestand darin, das Geld mit einer Art eingebautem Wertverlust zu versehen, sozusagen einer Art automatischer Inflation. Das so genannte „Schwundgeld“ war geboren. Ironischerweise liegt der Geburtsort seiner Idee auch in Südamerika. Nicht in Venezuela, sondern in Argentinien. Dorthin war Gesell ausgewandert und mit einem Importunternehmen für medizinisches Gerät zu einigem Wohlstand gelangt. Um 1890 jedoch brach in Argentinien eine schwere Wirtschaftskrise aus. Steigende Arbeitslosigkeit führte zu Unruhen. Diese Ereignisse führten dazu, dass sich Gesell über die Ursachen von Inflation und Deflation, von ungerechter Verteilung und Arbeitslosigkeit Gedanken machte. Als Autodidakt entwickelte er in den folgenden Jahren eine Alternative zum Kapitalismus, die sogenannte Freiwirtschaftslehre.

Bargeld das „rostet“

Im Mittelpunkt seiner Theorie stand das Schwundgeld. Seine Idee war revolutionär und für seine damaligen Zeitgenossen kaum nachvollziehbar. In den letzten Jahren wurde seine Idee aber wieder von einigen Ökonomen aufgegriffen. Gesell schlug vor, Bargeld einzuführen, das „rostet“, also im Zeitablauf an Wert verliert. Aus seiner Sicht hat Geld nämlich zwei Funktionen, die allerdings im Konflikt zueinanderstehen. Zum einen ist es ein Tauschmittel, zum anderen hat es auch eine Wertaufbewahrungsfunktion. Genau darin liegt aber die Schwachstelle. Denn diese Hortbarkeit des Geldes ermöglicht es, das Geld dem Geldkreislauf zu entziehen und es nur herauszugeben, wenn ein Zins gezahlt wird. Das horten von Geld führt aber nach seiner Theorie zu Absatzstörungen, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen. Der Zins und Zinseszins stellt damit eine große Gefahr für die Stabilität dar, da es mittelfristig zu einer ungerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen führen kann. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat die Umverteilung und Konzentration von Vermögenswerten in seinem 2014 erschienen und viel beachteten Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ kontrovers diskutiert.

Durch den eingebauten Wertverlust würde der Geldumlauf beschleunigt

Gesell schlug daher die Einführung von nicht hortbaren Banknoten vor. Diese sollten ein Verfallsdatum bekommen und regelmäßig automatisch einen Teil ihres Nennwertes verlieren – eine Art negativen Zinses auf Bargeld also. Durch den eingebauten Wertverlust des Geldes würde der Geldumlauf beschleunigt, die Spekulation behindert und das Ausgeben von Geld gefördert. In den 30er Jahren gab es tatsächlich einige Versuche Gesell‘s Ideen in die Praxis umzusetzen. Die österreichische Stadt Wörl hat in der Wirtschaftskrise der 30er Jahre ein Notgeld eingeführt, das automatisch an Wert verlor, wenn man nicht monatlich eine Marke im Wert von einem Prozent des Nennwertes kaufte und aufklebte. Das Ganze funktionierte offenbar – so ist es zumindest überliefert. Die Mehrheit der Ökonomen ist allerdings skeptisch ob ein solches System auch in der komplexen Welt einer großen Volkswirtschaft funktionieren würde. Für Sie erfüllt diese Funktion die normale Inflation in ausreichendem Maße.

Draghi übt den Schulterschluss mit Gesell

Unumstritten sind jedoch die Probleme, die eine zu starke Hortung von Geld für eine Volkswirtschaft bedeutet. Ein Ziel der negativen Zinsen in der Eurozone ist es, dies den Sparern zu verleiden. Hier übt Draghi den Schulterschluss mit Gesell. So langsam nimmt die Inflation in der Eurozone an Fahrt auf, für das laufende Jahr werden zwei Prozent erwartet. Das sind keine guten Aussichten für konservative Sparer. Ihr Geld wird weiterhin an Wert verlieren, wenn sie es zu Minizinsen auf dem Tagesgeldkonto oder Sparbuch liegen lassen. Denn selbst wenn die Bank noch 0,1 Prozent pro Jahr zahlt, ist es bei einer anhaltenden Inflationsrate von zwei Prozent in einem Jahr 1,9 Prozent weniger wert. Für den Monat Juli stieg die Inflationsrate jetzt überraschend schnell auf 2,1 Prozent. Das ist der höchste Stand seit Dezember 2012. Grund zum Eingreifen sieht die Zentralbank allerdings nicht. Tagesgeldsparer sollten hoffen, dass die EZB nicht auf den Geschmack kommt. Denn wie stellte schon Kostolany so treffend fest: „Zunächst ist es ein laues Bad, dann wird das Wasser immer heißer, und am Schluss explodiert die Wanne.“

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