In diesen Tagen feiert die Finanzwelt ein Jubiläum. Wobei nach Feiern wohl den wenigsten zu Mute sein wird. Am 15. September jährt sich zum 10ten Mal der Tag, an dem die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz beantragen musste. Entgegen dem damals geltenden Grundsatz „too big to fail“ (zu groß zum Scheitern) rettete die US-Regierung das Investmenthaus nicht. Der politische Druck auf die damalige Bush Regierung war zu groß geworden, so dass der damalige US-Finanzminister Hernry Paulson keine weiteren Milliarden bereitstellte, um die in Schieflage geratene Bank aufzufangen. Entgegen einer ersten Einschätzung, dass die Folgen überschaubar blieben, löste die Insolvenz dieser Bank eine große globale Finanzkrise aus. Rückblickend hat der 15. September 2018 die Welt für immer verändert. In den folgenden Monaten kam es zu einem „spill over“, zu einer Ansteckung, von der Finanz- auf die Realwirtschaft. Aus der Finanzkrise wurde eine Wirtschaftskrise. Deutschland rutschte in die tiefste Rezession, seit Ökonomen hierzulande in den 1970ern begannen, das Bruttoinlandsprodukt zu messen.

Die folgende Wirtschaftskrise war ein tiefgreifender Einschnitt

Die folgende Wirtschaftskrise war ein tiefgreifender Einschnitt im Bewusstsein der Menschen. Denn die Folgen betrafen jeden, nicht nur die Aktionäre. Ganze Staaten drohten in den folgenden Monaten in den Staatsbankrott zu schlittern. Die Regierungen und Notenbanken mussten gigantische Hilfspakete auflegen, schafften die Zinsen faktisch ab und pumpten Milliarden auf Pump in den Finanzmarkt. Griechenland alleine musste mit fast 290 Milliarden Euro dreimal von den anderen Euro-Ländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gerettet werden. Erst seit wenigen Wochen kann sich das Land wieder selber an den Finanzmärkten refinanzieren. Doch trotz harter Reformen liegt die Schuldenlast immer noch bei rund 180 Prozent der Wirtschaftsleistung. Mehr als 40 Jahre soll Athen noch eisern weitersparen, um sie abzutragen. Kein Land der Welt hat das jemals geschafft. Auch Italien schlingert immer noch am Rande des Staatsbankrotts. Dort beläuft sich der Schuldenstand auf 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Wohlhabende Haushalte hatten ihr Hypothekenvolumen am stärksten aufgebläht

Auslöser der Krise war das Platzen der Immobilienblase in den USA ein Jahr zuvor. Am Anfang ging man davon aus, dass die Banken zu großzügig Immobiliarkredite an nicht solvente Haushalte, sogenannte Subprime-Schuldner, vergeben hatten. Die Ursprungsthese lautete, das gierige Banken diesen „Habenichtse“ großzügig Hypotheken ermöglicht hätten. Als dann die Häuserpreise fielen, seien diese schlechten Schuldner in existenzielle Not geraten und hätten mit ihren Schulden alles nach unten gerissen Aus diesem Grund spricht man heute noch gerne von der Subprime-Krise. Neuere Untersuchungen zeichnen allerdings ein anders Bild. Drei US-Ökonomen haben in aufwendiger Arbeit einen riesigen Datensatz der Kreditdaten von Amerikanern untersucht. Ab 2004 kam es am US-amerikanischen Immobilienmarkt zu einem Boom. Die Immobilienpreise zogen massiv an. Die Ökonomen untersuchten, wer in dieser Phase mehr Kredite erhalten hatte, die guten, mit hohen Einkommen und guter Kredit-Historie oder die schlechten Schuldner. Das Ergebnis überraschte. Denn es waren nicht die Subprime-Schuldner, die plötzlich mehr und höhere Hypotheken erhalten hatten. Bei diesen hatte es kein Kreditwachstum gegeben. Das Gegenteil war der Fall, die Haushalte mit den besten Kreditprofilen hatten ihr Hypothekenvolumen am stärksten aufgebläht. Die wohlhabenden Amerikaner fingen im großen Stil an mit Immobilien zu spekulieren. Kredite bekamen sie einfach, da sie über das beste Kreditprofil verfügten. Als 2007 die Immobilienpreise plötzlich implodierten, bekamen diese Investoren am schnellsten Probleme. Eine riesige Verkaufswelle setze am Häusermarkt ein. Denn wer eine Immobilie nur zu spekulativen Zwecken hält, gibt sie schneller auf, wenn er finanzielle Probleme bekommt, als jemand, der in den eigenen vier Wänden wohnt. Diese Spekulanten trieben mit ihren vielen Zwangsvollstreckungen die Preise für Häuser insgesamt in die Tiefe. Ganze Wohnquartiere entwerteten sich über Nacht. In der Folge wurden dann alle mitgerissen, auch die Subprime-Schuldner, die gar nicht spekuliert hatten.

Die Banken gaben das Risiko einfach an Dritte weiter

Die Banken trugen dann ihren Teil dazu bei, das die Immobilienkrise der USA zu einer Finanzkrise der ganzen Welt wurde. Denn sie wussten, dass die Gefahr eines Kreditausfalls mit jeder weiteren Hypothek die sie vergaben zunahm. Sie gaben das Risiko einfach an Dritte weiter, indem sie strukturierte Finanzprodukte schufen. Diese brachten sie als Mortgage Backed Securities oder Collateralized Mortgage Obligations in Umlauf. Sie zerstückelten die Hypotheken und schnürrten sie dann zu neuen Paketen innerhalb dieser Produkte zusammen. Ratingagenturen und Finanzmathematiker bescheinigten ihnen, dass die Risiken dadurch schrumpften und nicht wuchsen. Die Banken verkauften diese Papiere dann in alle Welt und sie verteilten sich im globalen Finanzsystem. Die Banken verdienten mit der Zweitverwertung der Hypotheken nicht schlecht. Es führte auch dazu, dass Banken bei der Vergabe von Krediten noch großzügiger sein konnten. Zum einen gingen sie von wachsenden Immobilienpreisen aus, zum anderen trugen das Risiko ohnehin Dritte. Solange sich das Geldkarussell drehte, sah niemand genauer hin. Als aber ab 2007 die ersten Hypothekenfirmen pleitegingen und Investoren merkten, dass ein Großteil der obskuren Papiere faul war, verloren sie das Vertrauen in die Banken und ihre zusammengerührten Finanzinnovationen. Höhepunkt war dann der Zusammenbruch der Lehman Bank. Der Internationale Währungsfonds schätzte den Wertverfall von Subprime-Hypotheken im Oktober 2008 auf 500 Milliarden US-Dollar. Der Wertverlust ging jedoch unmittelbar in die Bankbilanzen ein und führten zu vermindertem Eigenkapital. Nun mussten die Banken neues Eigenkapital beschaffen oder Vermögenswerte verkaufen, was zu einem Preisverfall bei Vermögenswerten und zur Implosion des Finanzsystems führte. Anleger verloren das Vertrauen und zogen ihr Kapital zunehmend ab. Auch Banken untereinander verloren das Vertrauen, der Interbankenmarkt kam im September 2008 mit der Insolvenz von Lehman Brothers weltweit zum Erliegen. Die Gesamtverluste durch den Zusammenbruch des Finanzsystems werden vom IWF auf 11,9 Billionen US-Dollar geschätzt.

Solche Krisen sind nicht einmalig

Rückblickend muss man sagen, so schrecklich und dramatisch die damaligen Ereignisse auch waren, solche Krisen sind nicht einmalig. Spekulationsblasen gehören zur langen Wirtschaftsgeschichte einfach dazu. In der letzten Finanzkrise waren es US-Immobilien, davor waren es Tulpen (1636), dann Eisenbahnen, das Internet, die Liste lässt sich beliebig fortführen. Lediglich das Muster einer Spekulationsblase ist immer das gleiche. Die beiden US-Ökonomen Charles Kindleberger und Hyman Minsky haben die 5 Stufen der Blasenbildung eindrucksvoll beschrieben. Die Autoren sprechen in der ersten Phase von „Verlagerung (Displacement)“. Sie beginnt mit einem exogenen Schock, der die Wirtschaft grundlegend verändert. Erfindungen wie die Dampfmaschine oder das Internet, finanzielle Liberalisierung oder das Ende eines Krieges sind Beispiele. Damit wird der Grundstein für einen „Boom“, die zweite Phase, gelegt. Dann kommt die Euphorie, die gefährlichste Phase. Anleger glauben, der Boom währe ewig und die Preise könnten nur steigen. „Diesmal ist alles anders“ wird zum geflügelten Wort. Wenn alle um einen herum an einer Spekulationsblase Geld verdienen, braucht es sehr viel Rationalität, um sich von der Euphorie nicht anstecken zu lassen. Denn nichts ist schlimmer, als zuzusehen, wie der Nachbar reich wird. Phase 4 ist die „Finanzielle-Not (Crisis)“. Es sind oft Kleinigkeiten die die Blase zum Platzen bringen.  Ein bedeutender Marktteilnehmer meldet zum Beispiel Konkurs an, oder Insider beginnen plötzlich zu verkaufen. Die Preise geraten unter Druck. Vorerst werden diese Rückschläge für Zukäufe genutzt. Doch dann erodieren die Preise plötzlich noch schneller, Notverkäufe sind die einzige Möglichkeit um notwendige Liquidität zu gewinnen. Es kommt zu einem negativen Rückkopplungseffekt und die Preise fallen ins Bodenlose. Die letzte Phase nennen die beiden Ökonomen „Abscheu (Revulsion)“. Investoren wenden sich endgültig ab, das Ausmaß der Fehlinvestitionen wird ersichtlich, die Preise haben ihren Tiefpunkt erreicht.

Jede Blase platzt einmal

Anleger sollten, das ist die wichtigste Lehre aus der Wirtschaftsgeschichte, Ruhe bewahren. Man weiß nie genau in welcher Phase man sich wirklich befindet. Untergangspropheten rufen schon seit fast 5 Jahren den nächsten Crash aus, es kann aber durchaus auch noch weitere 5 Jahre oder noch länger dauern bis es soweit ist. Sicher ist nur, jede Blase platzt einmal. Wir wissen aber auch, wie schnell sich Volkswirtschaften und Aktienmärkte nach einem solchen Crash wieder erholen können. Denn eines ist auch sicher, auf Boom folgt Bust (Pleite) – und auf Bust folgt Boom.

Empfehlen Sie unseren Artikel Ihren Freunden