Was haben Börsianer und Bauern gemeinsam? Beide Berufsgruppen haben sich Regeln aufgestellt, um das Unvorhersehbare in den Griff zu bekommen. Als grobe Orientierung können manche dieser Regeln hilfreich sein. Als wirkliche Handlungsempfehlung taugen sie dagegen in der Regel nicht. Entstanden sind beide aus Erfahrung und im Fall der Bauernregeln sogar jahrhundertelanger Beobachtung der Natur. Regeln sollen dem jeweiligen Nutzer Halt geben und Anhaltspunkte dafür, was in einer bestimmten Situation zu tun ist. Sie pressen komplexe Themen in eine knappe Formel. Einige sind sinnvoll, andere nicht. Das gilt für die Landwirtschaft genauso wie für die Börse. In der Landwirtschaft beziehen sich die meisten Regeln sinnigerweise auf sogenannte Kalendereffekte. „Mai Regen bringt Segen“ oder aus aktuellem meteorologischen Anlass „Bringt der Juli heiße Glut, gerät auch der September gut“. Überraschenderweise haben auch sehr viele Börsenregeln einen kalendarischen Bezug. Die wohl bekannteste lautet: „Sell in May and go away, but remember to come back in September“.

Schlechte Nachrichten haben mehr Durchschlagskraft

Auf den ersten Blick hat diese Regel eine durchaus plausible Erklärung. In den Sommermonaten ist an den Börsen urlaubsbedingt verhältnismäßig wenig los. Schlechte Nachrichten haben daher mehr Durchschlagkraft. Das heiße Wetter dämpft die Euphorie zusätzlich. Und generell ist es eine eher nachrichtenarme Zeit, Dividendenprognosen fehlen. In den Monaten Oktober bis April ist an den Börsen dagegen wesentlich mehr los. Allein die alljährlich wiederkehrende Jahresendrally in den letzten Wochen eines Jahres sorgt häufig für den nötigen Rückenwind. Der Vermögensverwalter Fidelity International hat diese Börsenweisheit einmal genauer analysiert. Wer die Regel in den vergangenen 30 Jahren befolgt hätte, wäre heute dick in Plus. Aus 10.000 Euro wäre durch ein Investment in den Dax die stattliche Summe von 133.223 Euro geworden. Wer dagegen durchgängig im Dax, also ohne Abstinenz in den Monaten Mai bis September, geblieben wäre, hätte nur 114.332 Euro erzielt. Immerhin 20.000 Euro weniger. Bei detaillierter Betrachtung der Ergebnisse, wird die Euphorie allerdings gebremst. Denn in den letzten 30 Jahren hat die Börsenweisheit für den deutschen Leitindex nämlich nur in 16 Jahren funktioniert. In 14 Jahren hätten Anleger durch „Sell in May“ dagegen Verluste erzielt. Die Börsenregel bietet also nur etwas mehr als eine Fifty-Fifty-Chance, dass sie in einem Jahr wirklich erfolgreich ist. Man könnte auch eine Münze werfen. Denn es ist unmöglich, den jeweilig richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt im Aktienmarkt abzupassen. Statistisch gesehen hat eine leichte Abwandlung der Regel derzeit die Nase vorn. „Sell end of May”, ist demnach der beste Zeitpunkt für den Verkauf von Aktien. Zurückkehren an den Aktienmarkt sollten Anleger erst Anfang Oktober. Aus 1 Euro wären mit dieser Regel in 30 Jahren 42 Euro geworden.

Die Kapitalmärkte sind viel zu effizient

Für professionelle Investoren haben solche Regeln sowieso nur unterhaltenden Charakter. Die Logik verbietet den Glauben an den Kalendereffekt. Denn die Kapitalmärkte sind viel zu effizient, um sich daran zu halten. Sobald nämlich die Mehrheit der Anleger versteht, dass man Geld verdienen kann, wenn die Sell-in-May-Regel stimmt, werden sie versuchen, daraus Profit zu schlagen, also bereits im April zu verkaufen und im August zu kaufen. Dadurch, dass es alle machen, würde jedoch in der Theorie dieses Kalendermuster über die Zeit langsam verschwinden. Eigentlich könnte die Regel auch heißen: „Sell in January and go away“. In diesem Jahr wäre das sogar die richtige Entscheidung gewesen. Allerdings reimt sich dieser Spruch nicht so schön und wird sich allein deshalb nicht durchsetzen. An der Effizienztheorie der Kapitalmärkte scheitert auch eine andere Kategorie von Börsenregeln. Viele Börsensprüche zielen darauf ab, einen jeweiligen Trend zu nutzen. „Greife nie in ein fallendes Messer“ oder „the trend is your friend“ sind gern zitierte Botschaften. Dahinter steht die simple Idee, dass Börsenkurse zumindest eine Zeitlang einem klar erkennbaren Trend folgen und dass man diesen Trend erkennen und entsprechend ausnutzen kann. Wenn die Kurse einmal fallen, dann fallen sie auch weiter, und wenn sie steigen, dann steigen sie auch weiter. Dabei ist es unbestritten, dass es an den Kapitalmärkten immer wieder Trends gibt. Allerdings weiß man im Vorhinein leider nicht, wann sie beginnen und wann sie enden. Man kann sich also als Investor nie sicher sein, ob man zu früh oder zu spät ein- oder aussteigt. Denn „an der Börse wird nicht geklingelt, weder zum Einstieg noch zum Ausstieg“. Eine wirkliche Hilfestellung für Anleger bieten sie nicht.

Kursbewegungen an der Börse sind unerklärlich

Für Anhänger des Nobelpreisträgers Eugen Fama und seiner Theorie der effizienten Märkte sind feste Börsenregeln unmöglich, da die die Kursbewegungen an der Börse unerklärlich und nicht vorherzusagen sind. Denn Börsenkurse und Preise umfassen alle verfügbaren Informationen, selbst die, die nur wenige Investoren haben. Sobald Investoren eine Information haben, können sie entsprechend handeln. Wer weiß, dass die Preise zu niedrig sind, der kauft, also trägt er zur Preissteigerung bei. Wenn aber dank diesem Mechanismus alle verfügbaren Informationen schon in den Preisen stecken, dann kann niemand eine Information darüber haben, wie sich die Preise künftig entwickeln. Die Preise entwickeln sich dann auf der Grundlage der nächsten Informationen, die jetzt noch niemand hat. Also sind auch die Börsenkurse unberechenbar. Wie es weitergeht, ist komplett zufällig. André Kostolany, legendärer Investor und Autor von vielen Börsenweisheiten hat es auch hierzu sehr treffend auf den Punkt gebracht. „Wenn die Börsenspekulation leicht wäre, gäbe es keine Bergarbeiter, Holzfäller und andere Schwerarbeiter. Jeder wäre Spekulant.“ Glücklicherweise gibt aber eine letzte Kategorie von Börsenweisheiten, die durchaus Gültigkeit für sich beanspruchen können. „Lege nicht alle Eier in einen Korb“ oder „hin und her macht Taschen leer“ sind einfache, nachvollziehbare und grundsätzlich richtige Regeln, die für den Anlageerfolg wichtiger sind als alle anderen Kategorien von Börsenweisheiten. Hierbei geht es nicht darum, zukünftige Kursentwicklungen oder richtige Ein- oder Ausstiegszeitpunkte vorherzusagen, sondern um einfache Verhaltensregeln. Egal ob Profi-Investor oder Privatanleger, das Beherzigen von diesen Regeln schadet nicht.

Bullenmärkte sterben nicht an Altersschwäche

Gerade in den letzten Monaten fühlen sich viele Analysten dazu berufen, das Ende der aktuellen Hausse ausrufen. Die Nervosität an den Aktienmärkten hat in den letzten Monaten merklich zugenommen. Immerhin läuft der jetzige Zyklus schon seit fast zehn Jahren. Für viele Investoren ist damit das natürliche Ende schon mehr oder weniger sicher und nur noch eine Frage der Zeit. Viele Anleger scheinen sich davon beeinflussen zu lassen. Denn trotz überraschend guter Unternehmensergebnisse ist die Stimmung an den internationalen Aktienbörsen eher schlecht. Mit steigenden Kursen rechnen derzeit scheinbar die wenigsten Anleger. Die Pessimisten bilden derzeit die Mehrheit und sie verweisen auch zu Recht darauf, dass die positiven Ergebnisse der Unternehmen in den entsprechenden Kursen bereits berücksichtigt sind. Auch die unberechenbaren Entscheidungen von Donald Trump stellen ein permanentes Risiko da. Für risikobewusste Investoren ist die derzeitige Situation jedoch ideal. Meistens braucht es bei einem solchen Stimmungstief nicht viel an neuen positiven Nachrichten, um die Kurse wieder nach oben zu hieven. Denn das die jahrelange Rally an den Aktienmärkten schon vorbei ist, ist keine zeitliche Gesetzmäßigkeit. Hier gilt ausnahmsweise eine alte Börsenregel der Wall Street: „Bullenmärkte sterben nicht an Altersschwäche – sondern durch Kopfschuss!

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