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Das alte Jahr neigt sich dem Ende entgegen, nur noch wenige Wochen und das Jahr 2016 ist Geschichte. In diese wird es vermutlich auch eingehen, als das „Postfaktische Jahr“. Emotionen ersetzen die Realität, Gerüchte fluten das Internet und Algorithmen von Facebook entscheiden über die Wahrheit. Wer hätte vor einem Jahr ernsthaft damit gerechnet, dass der Politikamateur Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wird? Er selber vermutlich am wenigsten. Obwohl Donald Trump fast 2,5 Millionen Wählerstimmen weniger als seine Konkurrentin Hillary Clinton auf sich vereinigen konnte, wird er, aufgrund der Besonderheiten des amerikanischen Wahlsystems, vermutlich im Januar als Präsident vereidigt. Ebenfalls erst im nächsten Jahr wird der „Brexit“ offiziell eingeleitet. Eine weitere denkwürdige und nicht minder überraschende Entscheidung des Jahres 2016. Die Wettbüros der Insel und alle führenden Demoskopen waren sich einig, das würde nicht passieren. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Mit hauchdünner Mehrheit stimmten die Briten für den Rückzug aus Europa. Als das Ergebnis im Juni auf einmal feststand, waren die meisten Insulaner mindestens genauso überrascht wie Donald Trump. Für weit weniger Überraschung sorgte da Italien am letzten Wochenende. Auch dort stand mal wieder eine Wahl und in der Konsequenz ein Regierungswechsel an. Mit Paolo Gentiloni tritt jetzt sage und schreibe die 66. Nachkriegsregierung in Italien seit 1945 an.

Aber von Anfang an. Das Börsenjahr 2016 fing schon denkbar schlecht an. Viele Marktteilnehmer hatten im Januar Angst vor einem Kollaps der chinesischen Wirtschaft. Die bekannten Untergangspropheten sahen ihre Zeit gekommen und warnten, zum wiederholten Male, vor dem großen Zusammenbruch. In dieser Gemengelage verlor der Dax, ein Abbild der China-abhängigen deutschen Exportindustrie, in den ersten Handelswochen des Jahres zeitweise mehr als 20 Prozent. Erst gegen Jahresende konnte der Index die Verluste wieder aufholen. Die Emerging Markets erwischte es noch schlimmer, dort sackten die Kurse zum Teil noch deutlicher ab. Alles andere als ein vielversprechender Auftakt in das neue Börsenjahr. Im Laufe des Frühjahrs beruhigte sich die Lage dann wieder etwas. Dabei sind Chinas Probleme nicht über Nacht verschwunden – der schwächelnde Industriesektor, der aufgeblähte und kostenintensive Staatsapparat oder der stetig wachsende Berg fauler Kredite. Alles ist nahezu unverändert noch so wie zu Jahresbeginn. Die Unsicherheiten in Bezug auf China sind immer noch da, aber die Perspektive der Investoren hat sich im Laufe der ersten Monate verändert. Andere Themen sind in den Fokus geraten.

Auf einmal geriet der drohende Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union in das Zentrum der medialen Berichterstattung. War der Vorsprung der Befürworter eines „Brexit“ zu Beginn noch hoch, so schrumpfte er in den folgenden Wochen mit jeder Umfrage. Auch die Märkte reagierten in der Anfangsphase nervös, beruhigten sich jedoch kurz vor dem Referendum. In den Tagen vor der Abstimmung hatte sich der Finanzmarkt entschieden. Alles deutete auf einen klaren Sieg des Europa Freundlichen Lagers hin. Die Investoren gingen bis zum Wahlabend von einem Verbleib Großbritanniens in der Union aus. Umso überraschter war Europa und das britische Pfund, als das Ergebnis in den frühen Morgenstunden feststand. Völlig auf dem falschen Fuß erwischte das Ergebnis die Initiatoren der Volksabstimmung. Einen Plan, wie man den Austritt praktisch vollziehen wollte, hatte keiner der Populisten zur Hand. Folgerichtig zogen sich die Protagonisten ins Private zurück und die Nachfolgeregierung war gezwungen sich schnell Gedanken zu machen. Die Europäische Union jedenfalls blieb beschädigt zurück und die langfristigen politischen Auswirkungen sind nach wie vor schwer einzuschätzen. Die ökonomischen Auswirkungen dagegen blieben überschaubar. Nach kurzer Zeit bereits hatten sich die Finanzmärke fürs Erste wieder erholt.

War der „Brexit“ für viele Beobachter noch ein Betriebsunfall des demokratischen Prozesses, so war das, was im November in den USA passierte für viele das Harmagedon. Die endzeitliche Entscheidungsschlacht der Vernunft gegen das Postfaktische ging scheinbar verloren. Mit Donald Trump gewann ein Reality-TV-Star die Wahl um das wichtigste politische Amt der westlichen Welt. Ein angeblich milliardenschwerer Immobilienunternehmer fegte, getragen von der Begeisterung des „besorgten amerikanischen Bürgers“, das Politikestablishment weg. Die Populisten in der gesamten westlichen Welt witterten Morgenduft. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten ist groß. Dagegen zu sein ist bequem, wenn man nicht weiß, wofür man sein sollte.

An den Börsen war der auf das Wahlergebnis folgende Kursrückschlag nur kurzfristiger Natur und lediglich auf die Märkte in Asien beschränkt. Nachdem der Wahlsieger Trump seine Wahl kommentiert und eine für seine Verhältnisse äußerst versöhnliche Rede gehalten hatte, drehten die Märkte weltweit deutlich ins Plus. Aus dem „Chaoten“ wurde aus Investorensicht binnen einer halben Stunde der Staatsmann und Wirtschaftslenker. Sein vages Versprechen, Millionen neuer Arbeitsplätze zu schaffen und massiv in die US-Infrastruktur investieren zu wollen, nahmen viele Anleger allzu wörtlich und deckten sich mit Aktien von Unternehmen ein, die von einem Konjunkturaufschwung profitieren würden. Die Indizes kletterten. Wie die neue Regierung Trump die Wohltaten bezahlen will, sei erstmal dahingestellt.

Eigentlich ist auch Wochen nach seiner Wahl über seine Wirtschaftspolitik wenig Konkretes bekannt. Nur so viel weiß man, er wird Geld ausgeben, das der amerikanische Staat nicht hat und er wird sich dabei von Investmentbankern von Goldman-Sachs beraten lassen. Nach übereinstimmenden Medienberichten will er den 56 Jahre alten Gary Cohn aus der Spitze der Investmentbank zu seinem wichtigsten Wirtschaftsberater machen. Mit Cohn würde Trump bereits die dritte Position mit einem Goldman-Sachs-Banker besetzen. Der designierte Finanzminister Steve Mnuchin arbeitete für das Unternehmen, ebenso wie Trumps Chefstratege im Weißen Haus, Stephen Bannon. Kein Wunder, das vor allem die Aktien im Bankensektor zu den großen Gewinnern in den USA gehören. Trumps derzeitiger Beraterstab besteht neben Bankern aus Lobbyisten und Millionären, all jenen, die in den USA als Mitglieder des verhassten Elitennetzwerks aus Politik und Wirtschaft gelten. Natürlich sind solche Personalentscheidungen eine schallende Ohrfeige für seine Wähler. Denn der Republikaner hatte im Wahlkampf heftig gegen genau diese Finanzelite gewettert – besonders gegen Goldman Sachs. Während des Wahlkampfs hatte Trump immer wieder betont, seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton werde von Goldman Sachs „total kontrolliert“. Um es mit einem angeblichen Zitat des Altkanzler Konrad Adenauer zu sagen “Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.”

Trampelpfade stellen eine Wegoptimierung dar und folgen damit einem Bedürfnis. Wohin der wirtschaftliche Pfad von Trump die USA 2017 führen wird, ist nach wie vor unsicher. Derzeit sind die Märkte euphorisch und für Investoren gilt das olympische Motto: „Dabei sein, ist alles.“

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung