Reichtum wird in Deutschland immer unpopulärer. Das war das überraschende Ergebnis einer Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK. Nur noch 50 Prozent der Befragten hält es der Umfrage zufolge für erstrebenswert reich zu sein. 2017 waren es noch 70 Prozent der Befragten. Offensichtlich hinterlässt die langanhaltende Niedrigzinsphase ihre Spuren. So wie die Mehrheit der Deutschen nach wie vor spart, ist Reichtum auch kein realistisches Ziel. Auf die Frage, welche Geldanlage die größte Chance für den Vermögensaufbaut bietet, antworten 23 Prozent der Menschen: „weiß nicht“. Die Unwissenheit über renditeträchtige Sparanlagen ist in Deutschland nach wie vor weit verbrietet. Nur so lässt sich erklären, dass für eine Mehrheit das Sparbuch oder Tagesgeld bei der Kapitalanlage immer noch das Maß aller Dinge ist.

Die Börse ist den Deutschen fremd geblieben

Diese Entwicklung belegen auch andere Untersuchungen eindrucksvoll. Obwohl die Deutschen im europäischen Vergleich über hohe Einkommen verfügen, reicht das durchschnittliche Vermögen pro Person im internationalen Vergleich nur für einen der hinteren Plätze. Trotz guter Einkommen gelingt es den Deutschen nicht, sich ein Vermögen aufzubauen. So ist das Haushaltsnettoeinkommen beispielsweise in Deutschland 17 Prozent höher als in Großbritannien, allerdings verfügen die Briten über das deutlich größere Vermögen. Denn die durchschnittliche Rendite der Deutschen liegt bei der Geldanlage bei gerade 4,9 Prozent, während auf der Insel 10,2 Prozent erreicht werden. Das liegt im Wesentlichen an der Art wie die Deutschen sparen. Die Börse ist den Deutschen immer fremd geblieben. Schon für Altkanzler Helmut Schmidt waren Aktien und Altersvorsorge inkompatibel. Eine Einstellung die eine ganze Generation geprägt hat.

Reichtum ist ein Tabu

Dabei ist Reichtum in Deutschland immer noch ein Tabu. Die Menschen bevorzugen ein sozialdemokratisch basiertes Lebensmodell. So formuliert es einer der führenden Soziologen in Deutschland. Dahinter steht ein tief verankertes Bewusstsein, dass der Staat für die Menschen zu sorgen hat. Zwar werden Vermögensunterschiede in der Gesellschaft toleriert, die Unterschiede dürfen aber nicht zu groß sein. Gerade einmal 0,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland besitzen ein Vermögen das mehr als 30 Millionen Euro beträgt. Die Anzahl der Milliardäre liegt seit Jahren relativ konstant bei ca. 120. Weltweit liegt Deutschland damit überraschenderweise auf dem dritten Platz. In den Top 10 findet sich allerdings kein Deutscher. Denn die Unterschiede im Vermögen können recht ausgeprägt sein. Der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp zählt mit einem Vermögen von 9 Milliarden Euro zu einem der reichsten Deutschen. Allerdings ist sein Vermögen im Vergleich zu Microsoft Gründer Bill Gates, der mit ca. 82 Milliarden Euro das Neunfache besitzt, eher klein.

„High-net-worth individuals“ (HNWI)

Für Soziologen ist die Reichtumsdefinition deswegen ganz einfach. Reich ist, wer nicht arbeiten muss. Nur wer alleine von den Zinsen und Erträgen seines Vermögens leben kann, ist wirtschaftlich wirklich frei und unabhängig. Für die Banken liegt die Grenze dabei bei einem liquiden Vermögen von einer Million Dollar (940.000 Euro). In der Finanzindustrie spricht man von den sogenannten „High-net-worth individuals“ (HNWI). Wer diese Summe rasch zur Verfügung hat, zum Beispiel als Bargeld auf dem Konto oder als Investment in Aktien, gilt bei Banken als reich. Wer jedoch sein Vermögen in Immobilien oder Landbesitz investiert hat, gehört nicht zu dieser Gruppe. Denn das Vermögen kann nicht schnell genug in Geld umgewandelt werden. Seit 2013 gibt es zum ersten Mal in der Geschichte mehr als eine Million Vermögensmillionäre in Deutschland. Weltweit gab es im Jahr 2013 etwa 12 Millionen Vermögensmillionäre. Laut World Wealth Report 2018 stieg die Zahl in Deutschland mittlerweile weiter auf 1,364 Millionen Millionäre.

Die Zahl der Privatiers hat sich verdoppelt

Trotz Niedrigzinsphase gelingt es also immer mehr Menschen in die Klasse der Vermögensmillionäre aufzusteigen. Vor allem die Anzahl der Privatiers ist in Deutschland in den letzten Jahren stark gestiegen. Privatiers sind all jene, deren Haupteinkommen aus Kapitaleinkünften besteht. Seit dem Jahr 2000 hat sich diese Zahl verdoppelt, bundesweit zählen knapp 630.000 Personen zu dieser Gruppe. Vor allem Senioren gelingt ein Leben als Privatier. Nahezu zwei Prozent aller Männer über 65 Jahren leben nur von ihrem Kapital, trotz Nullzinsen. Der entscheidende Unterschied zu ihren Altersgenossen liegt in der Art der Kapitalanlage. Ihr Geld liegt dort, wo es Rendite bringt. Neben fremdgenutzten Immobilien investiert diese Gruppe ihr Kapital langfristig an der Börse, in Form von Aktien, Fonds oder Anleihen. Die große Mehrheit der Bevölkerung ignoriert aber nach wie vor die Chancen, die der Kapitalmarkt bietet und spart sich arm.

Der deutsche Sparer muss sein Sparverhalten anpassen

Zwar gibt es Deutschland eine enorme Sparleistung, doch die Rendite auf dem Vermögen ist gering. In Deutschland bevorzugen nach wie vor zu viele Menschen bei der Geldanlage sehr sichere Formen wie Bankeinlagen, Staatsanleihen oder mündelsichere Papiere. Weltweit sind dagegen die Vermögen in den letzten Jahren gestiegen. Dabei beruhten 80 Prozent des Zuwachses auf Wertsteigerungen an den Finanzmärkten. Diese Kursgewinne vor allem am Aktienmarkt dürften an vielen Deutschen vorbeigegangen sein. Es wird dringend Zeit, dass der deutsche Sparer aufwacht und sein Sparverhalten den aktuellen Gegebenheiten anpasst.

Wichtig ist, überhaupt investiert zu sein

Auf die Coronakrise haben die Staaten weltweit mit riesigen schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen reagiert und die Notenbanken mit massiven Ankäufen von Anleihen. Fachleute sind sich einig, das dies dazu führen wird, dass die Zinsen noch für sehr lange Zeit sehr niedrig bleiben dürften. Auf der anderen Seite hat die Krise aber auch gezeigt, dass die Wertentwicklung an den Börsen nicht stetig verläuft. Kursschwankungen gehören bei Aktien dazu. Langfristig jedoch schlägt die Rendite von Aktien alle anderen Anlageformen. Wichtig ist nur überhaupt investiert zu sein. Gerade über Fondssparpläne ist es einfach möglich, sich langfristig ein Vermögen aufzubauen. Groß genug, um sich spätesten im Alter als Privatier zu fühlen. An der Spardisziplin mangelt es vielen nicht. Man muss nur auf das richtige Vehikel setzen und aufhören sich arm zu sparen.