Finance for Future

Das Thema Nachhaltigkeit geistert schon lange durch die Finanzindustrie. Länger zumindest als jeden Freitagvormittag Schüler und Studierende die Schule oder Vorlesung schwänzen. Denn erst seit Frühjahr 2019 gehen junge Menschen freitags während der Unterrichtszeit auf die Straßen und fordern möglichst umfassende, schnelle und effiziente Klimaschutz-Maßnahmen. Ihr großes Vorbild ist die schwedische Initiatorin Greta Thunberg. Unter dem Label Fridays for Future (Freitage für [die] Zukunft) ist daraus eine globale Protestbewegung entstanden, die erst durch die Pandemie im Frühjahr 2020 in eine Zwangspause geschickt wurde. Ökologie und Nachhaltigkeit dagegen ist in der Finanzindustrie schon lange ein Thema. Versteckt sich allerdings oft hinter kryptischen Bezeichnungen. Finance for Future wäre hier sicherlich der bessere Slogan.

Überdurchschnittliche Gewinne

Denn Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg schließen sich nicht aus – ganz im Gegenteil. Wie zahlreiche Studien der vergangenen Jahre zeigen, lassen sich mit nachhaltigen Investments sogar überdurchschnittliche Gewinne erzielen. Denn nachhaltige Unternehmen agieren häufiger in zukunftsträchtigen Branchen und leiden weniger unter Reputationsrisiken, die bei umweltschädlichen, unsozialen sowie schlecht geführten Unternehmen auftreten können. Dabei setzen vor allem jüngere Anleger vermehrt auf nachhaltige Geldanlagen.  Die Nachfrage nach solchen Anlageformen ist in den letzten Monaten stark gestiegen. Kräftig unterstützt wird diese Entwicklung von der Politik.

ESG-Kriterien

Bereits im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen auf einem spezifischen Nachhaltigkeitsgipfel eine Agenda mit 17 Nachhaltigkeitszielen verabschiedet, welche bis 2030 zunehmend umgesetzt werden sollen. Die Europäische Kommission hat am 8.3.2018 einen Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums (Sustainable Finance) vorgelegt. In Zukunft sollen Anleger ESG-Kriterien bei der Analyse von Unternehmen berücksichtigen in die sie investieren. Das Akronym ESG steht dabei für E wie „Environment“ (Umwelt), S wie „Social“ (Soziales) und G wie „Governance“  (Unternehmensführung). Seitdem wächst das Angebot an ESG-Fonds rasant.

Starkes Wachstum bei ESG-Fonds

Trotz der Corona-Pandemie konnten nachhaltige Fonds 2020 ihr verwaltetes Vermögen auf einen neuen Höchststand steigern. Per Stichtag 31. Dezember 2020 managten Portfolios, die bei der Anlage die ESG-Kriterien berücksichtigen, insgesamt 147 Milliarden Euro. Das entspricht einem Wachstum in Höhe von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Zahl der in Deutschland neu zugelassenen ESG-Fonds wider. In Deutschland waren Ende 2020 damit nun insgesamt 1.417 ESG-Fonds zugelassen. Bei den Assetklassen dominieren dabei die Aktien. Im letzten Jahr wurden in Deutschland 152 neue ESG-Aktienfonds aufgelegt. Auch die Rentenseite holt mittlerweile auf. Das Angebot nachhaltiger Anleihen ist zuletzt spürbar breiter geworden.

Gefahr von Greenwashing

Dabei wird allerdings auch das sogenannte Greenwashing von Fonds zunehmend zu einem Problem. Einer Analyse der Ratingagentur Morningstar zufolge waren im letzten Jahr ungefähr die Hälfte der „neuen“ grünen Fonds bereits bestehende konventionelle Produkte, bei denen die Anbieter das Anlagekonzept änderten. Insbesondere bei sogenannten nachhaltigen ETFs ist es häufig mit der Nachhaltigkeit nicht weit her. Denn in angeblich grünen ETFs stecken oft Aktien von Unternehmen, die man nicht sofort als nachhaltig einstufen würde. In vielen als nachhaltig bezeichneten ETFs finden sich Aktien von Kohlekonzernen, Ölmultis, Fluglinien oder Kreuzfahrtanbieter.

Der „Best-in-Class“-Ansatz ist ein Problem

Das liegt an dem „Best-in-Class“-Ansatz, mit dem die Indexanbieter ihre Aktienauswahl treffen. Häufig greifen sie dabei auf einen ganz konventionellen Börsenindex mit vielen Aktien zurück. Dann filtern sie nach bestimmten Kriterien aus diesen oft tausenden von Aktien die nachhaltigsten 25 oder 50 Prozent jeder Branche heraus. Fertig ist damit der neue Index, der die Grundlage für den nachhaltigen ETF bildet. Damit landen dann also auch Aktien aus Branchen, die überhaupt nicht nachhaltig sind im grünen Index. Immerhin sind es, so die häufige Begründung der Anbieter, die am wenigsten schädlichen Unternehmen. Denn das passive Anlegen in einen Index schließt das aktive Selektieren von Aktien aus. Es fehlen Beiräte oder Gremien, die die Aktienauswahl überwachen. Denn diese kosten Geld. Wem aber Nachhaltigkeit wichtig ist, sollte auf andere Formen der Geldanlage setzen. Auf solche bei denen ein Mensch nicht ein Algorithmus die Anlageentscheidung trifft.

Alles eine Frage der Definition

Mittlerweile werden bereits Forderungen nach schärferen EU-Regeln für die Klassifizierung nachhaltiger Investments laut. Als Aufsichtsbehörde hat die Europäische Union mit einer „Taxonomie“ bis jetzt lediglich grobe Vorgaben für eine nachhaltige Geldanlage gemacht. Denn, ob eine Geldanlage nachhaltig ist oder nicht, ist eine Frage der Definition. Die Detailarbeit wurde an spezielle Ratingagenturen delegiert. Verschiedene Ratingagenturen verfolgen jedoch unterschiedliche Ansätze und setzen andere Schwerpunkte. Erste Untersuchungen haben gezeigt, dass die ESG-Ratings verschiedener Anbieter teilweise deutlich voneinander abweichen. Für Anleger bedeutet das derzeit noch etwas mehr Aufwand bei der Analyse.

Finance for Future

Allerdings ist das alles Klagen auf hohem Niveau. Im letzten Jahrzehnt hat sich nicht nur im Bereich der Kapitalanlage viel getan. „Grüne“ Anlagen haben ihre Nische schon lange verlassen. Auch die Politik forciert den Wandel. Der neu gewählte US-Präsident Joe Biden könnte als Initiator des größten Klimaschutz-Programms in die Geschichte eingehen. Rund zwei Billionen Dollar sollen dafür mobilisiert werden. Seitdem erleben „Öko-Aktien“ einen Höhenflug. Der neue „Green Deal“ könnte einen langanhaltenden Wachstumsschub an den Aktienmärkten auslösen. Anleger sollten diesen Trend für sich und ihr Geld nutzen. Finance für Future heißt das Motto.

 

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