ESG – Megatrend oder Marketing?

Neo-Ökologie gilt für viele als der Megatrend der 20er Jahre unseres Jahrhunderts. Megatrends sind die „Blockbuster“ des Wandels. Es handelt sich um langfristige Entwicklungen, die für alle Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft von Bedeutung sind. Häufig prägen sie die Gesellschaft für mehrere Jahrzehnte und verändern die Welt. Zwar langsam, dafür aber grundlegend und langfristig. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Klimawandel sind schon lange keine Nischenthemen mehr. Spätestens mit der „Friday for Future“ Bewegung im Jahr 2019 wurde sichtbar, das eine ganz neue Generation mit einem anderen Wertesystem heranwächst. Hoffentlich noch rechtzeitig, denn die Auswirkungen des Raubbaus an der Natur werden zunehmend sichtbar. Klimaschutz ist nicht mehr nur Thema für Umweltaktivisten, sondern ist mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Geldanlage der Zukunft soll nachhaltig sein

Bereits im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen auf einem spezifischen Nachhaltigkeitsgipfel eine Agenda mit 17 Nachhaltigkeitszielen verabschiedet, welche bis 2030 zunehmend umgesetzt werden sollen. Damit wurde auch der Startschuss gegeben Nachhaltigkeitskriterien in die Welt der Geldanlage einfließen zu lassen. Die erste globale und Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigende Aktienindex-Familie wurde schon im September 1999 von S&P Dow Jones Indices und RobecoSAM unter dem Namen Dow Jones Sustainability Indizes (DJSI) aufgelegt und ist heute einer der bekanntesten Vergleichsmaßstäbe für nachhaltige Kapitalanlage. Die Europäische Kommission hat am 8.3.2018 einen Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums (Sustainable Finance) vorgelegt. In Zukunft sollen Anleger ESG-Kriterien bei der Analyse von Unternehmen berücksichtigen, in die sie investieren. Das Akronym ESG steht dabei für E wie „Environment“ (Umwelt), S wie „Social“ (Soziales) und G wie „Governance“  (Unternehmensführung).

2019 landete mehr als jeder dritte Euro in ESG-Fonds

Die Fondsindustrie in Europa hat schnell reagiert. Zahlreiche neue Produkte mit dem Label ESG wurden auf den Markt gebracht. Allein 2019 lancierte die Branche 360 neue ESG-Fonds, so viele wie nie zuvor. Zum anderen beobachten die Analysten, dass die Fondshäuser bereits bestehende konventionelle Fonds umgewidmet und ihnen einen grünen Anstrich verpasst haben. 2019 zählte die Ratingagentur 39 solcher Umwidmungen. 2018 waren es bereits 49 Fonds. Im Jahr 2019 landete mehr als jeder dritte Euro, den Investoren in Fonds investierten, in Produkten, die das Geld nach ökologischen, ethischen oder sozialen Kriterien investierten. Insgesamt sammelten Nachhaltigkeitsportfolios im vergangenen Jahr rund 120 Milliarden Euro netto ein. Das entspricht 37 Prozent der Gesamtsumme, die 2019 in europäische Fonds geflossen ist. Europäische ESG-Vehikel erzielten damit einen neuen Absatzrekord.

Der „Lagarde-Effekt“

Mittlerweile darf es schon als Ausnahme gelten, wenn ein neu aufgelegter Fonds nicht das Kürzel ESG im Namen trägt. Viele Beobachter verweisen in diesem Zusammenhang auch auf den „Lagarde-Effekt“. Nachdem Christine Lagarde die Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) übernommen hat, ist deutlich geworden, dass der Klimawandel für die neue EZB-Präsidentin hohe Priorität hat und vermutlich in der weiteren Politik der europäischen Zentralbank eine wichtige Rolle spielen wird. Die nächstes Jahr in Kraft tretende Offenlegungsverordnung in der Europäischen Union zwingt die Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGs) dazu, mehr Transparenz beim Thema Nachhaltigkeit zu zeigen. Künftig muss jede Kapitalverwaltungsgesellschaft umfassende Informationen zum Thema ESG veröffentlichen. Auch im Vertrieb von Fonds wird bald eine Pflicht eingeführt, die Privatanleger nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen zu fragen.

Es fehlt eine verbindliche Definition von Nachhaltigkeit

Diese Entwicklung schafft sich natürlich auch ihre eigenen Probleme. Denn ob eine Geldanlage nachhaltig ist oder nicht, ist eine Frage der Definition. Bisher gibt es allerdings keine verbindliche Messlatte wie die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen zu messen ist.  Als Aufsichtsbehörde hat die Europäische Union mit einer „Taxonomie“ lediglich grobe Vorgaben für eine nachhaltige Geldanlage gemacht. Die Detailarbeit wurde an spezielle Ratingagenturen delegiert. Verschiedene Ratingagenturen verfolgen jedoch unterschiedliche Ansätze und setzen andere Schwerpunkte. Erste Untersuchungen haben gezeigt, dass die ESG-Ratings verschiedener Anbieter teilweise deutlich von einander abweichen. So erhält beispielsweise Volkswagen bei MSCI einen Score von null Punkten, Sustainalytics vergibt dagegen 19 Punkte an den Wolfsburger Autobauer, und RobecoSAM bewertet das Unternehmen mit 65 Punkten. Tesla schneidet ebenfalls bei MSCI mit 65 von 100 möglichen Punkten recht gut ab. Gleichzeitig holzt das Unternehmen aber in Brandenburg einen halben Wald ab, um eine neue Fabrik zu errichten.

Auch die Rendite ist wichtig

Neben der Nachhaltigkeit der Anlage ist für Investoren auch die Rendite entscheidend. Hier zeigen erste Untersuchungen einen positiven Effekt. Analysten sprechen von einem positiven statistischen Zusammenhang zwischen der Aktienperformance und ihrem ESG-Rating. Je besser das ESG-Rating ausfällt, desto besser war die Wertentwicklung eines Fonds. Denn nachhaltige Unternehmen agieren häufiger in zukunftsträchtigen Branchen und leiden weniger unter Reputationsrisiken, die bei umweltschädlichen, unsozialen sowie schlecht geführten Unternehmen auftreten können. Auf der anderen Seite grenzen ESG-Kriterien das Anlageuniversum ein und beschränken damit automatisch die mögliche Risikostreuung. Außerdem engen sie gegebenenfalls den Handlungsspielraum ein, den ein aktiver Manager braucht, um Outperformance zu erzielen. Zusammenfassend kann man derzeit feststellen, dass es keine eindeutige Studienergebnisse gibt, ob ESG-Fonds auf jeden Fall besser oder schlechter abschneiden.

ESG-Fonds sind schon lange keine Nische mehr

Vermutlich ist es langfristig auch relativ egal. Die zunehmende Regulierung als auch die steigende Nachfrage auf Kundenseite führt dazu, dass der Marktanteil von ESG-Fonds zwangsläufig steigt. Es ist schon lange keine Nische mehr nachhaltig anzulegen. Denn zwei Hitzesommer haben den Klimawandel von einem theoretischen Problem zu einer realen Bedrohung gemacht. Gleichzeitig werden in Brasilien Flächen in der Größe dreier Fußballfelder pro Minute abgeholzt. Weltweit stehen Wälder monatelang in Flammen und der Amazonas, die grüne Lunge unseres Planeten, wurde im letzten Jahr weiter dezimiert. Die Anzahl an Einwegflaschen, die allein Coca-Cola jährlich produziert (88 Milliarden), würden aneinandergereiht 31-mal zum Mond und wieder zurück reichen. Schätzungen zufolge sind bisher 86 Millionen Tonnen Plastik in unseren Meeren gelandet. Es gibt mittlerweile genügend Beispiele, die zeigen, das nachhaltige Geldanlage kein Marketing ist, sondern der wichtigste Megatrend unserer Zeit.

 

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