Für deutsche Ohren haben manche Sprachen eindeutige Charaktere. Russisch ist hart, Spanisch hektisch, Französisch klingt eher charmant. Die große Anzahl von Vokalen in der französischen Sprache sorgt dafür, das Deutsche sie als besonders wohlklingend empfinden. Allerdings ist zu befürchten, dass die Botschaft der designierten EZB-Chefin Christine Lagarde für deutsche Tagesgeld- und Sparbuchsparer alles andere als wohlklingend sein wird. Denn ihre Agenda, da sind sich alle Beobachter einig, läuft auf die endgültige Enteignung der deutschen Zinssparer hinaus. Dabei klingt expropriation (Enteignung) auch auf Französisch nicht wirklich charmant.

Die Geldparty geht weiter

Mit der 63-jährigen Französin folgt eine geldpolitische „Taube“ auf den italienischen Notenbanker Draghi. Insofern steht die EZB für Kontinuität an ihrer Spitze. Denn auch Draghi gehörte im EZB Rat der Taubenfraktion an. So bezeichnet man die Anhänger einer lockeren und expansiven Geldpolitik. Die Falken im Rat werden es in Zukunft schwer haben. Sie stehen für eine restriktive Geldpolitik und sehen die Inflationsbekämpfung dabei als Hauptaufgabe einer Zentralbank. Durch diese Personalentscheidung ist klar, die Geldparty an der EZB-Spitze geht weiter. Der Party-Crasher und lange favorisierte Nachfolger, Bundesbankpräsident Jens Weidmann, bleibt außen vor. „Money makes the world go round“, Zinssparer sollten sich gut anschnallen.

Die Inflation wird von der Leine gelassen

Zumindest in den südeuropäischen Euro-Schuldenländern knallten nach Bekanntgabe der Nominierung die Champagnerkorken. Den wird man sich auch in Zukunft problemlos leisten können – auf Pump natürlich. Stefano Feltri, Vizechef der Zeitung „Il Fatto Quotidiano“, die der Fünf-Sterne-Bewegung nahesteht, lobte Lagarde als „wahrscheinlich beste Wahl für die EZB aus italienischer Perspektive“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Dabei gibt sich der scheidende EZB-Präsident Mühe, seiner Nachfolgerin den Einstieg so leicht wie möglich zu machen. Als Abschiedsgeschenk will er die Inflation von der Leine lassen.

Symmetrisches Inflationsziel heißt das Zauberwort

Knapp unter zwei Prozent. So lautet das derzeitige Inflationsziel der EZB. Dieses Ziel werden die europäischen Währungshüter in diesem Jahr wahrscheinlich zum siebten Mal in Folge verfehlen. Seit 2013 liegt die Teuerung Jahr für Jahr weit unter zwei Prozent. Eine Notenbank, die selbst gesteckte Ziele nicht erreicht, verliert an Glaubwürdigkeit. Eine Lösung wäre gewesen das Inflationsziel abzusenken. Stattdessen planen die obersten Währungshüter das Gegenteil. Symmetrisches Inflationsziel heißt das neue Zauberwort auf den Fluren der EZB-Zentrale. Demnach müsste die Notenbank ihre Zinsen erst dann anheben, wenn die Inflation eine zeitlang über dem Ziel gelegen hat, sofern eine Phase zu niedriger Inflation voranging. Die Inflation soll so im Mittel das Ziel erreichen, nicht Monat für Monat oder Jahr für Jahr.

Faktisch wird das Inflationsziel erhöht

Für Zinssparer könnte das gravierende Auswirkungen haben. Mit diesem Ansatz könnte die EZB für einige Zeit eine wesentlich höhere Inflation akzeptieren. Durch die Hintertür würde das Inflationsziel erhöht. Die EZB könnte mit diesem Argument noch mehr billiges Geld in die Märkte pumpen und trotz anziehender Inflation den Leitzins bei null halten oder sogar noch weiter absenken. Die Bundesbürger haben knapp 2,5 Billionen Euro auf unverzinsten Giro- oder Tagesgeldkonten angelegt. Dieses Geld ist der Teuerung ungeschützt ausgeliefert. Bei einer Inflationsrate von vier Prozent würde jährlich ein Wert von 100 Milliarden Euro an Kaufkraft vernichtet. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahrs wurden nach Schätzungen der Comdirect Bank bereits 15,9 Milliarden Euro an Kaufkraft pulverisiert. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich „Madame Colombe“ (französisch für Taube) schützend vor den deutschen Sparer werfen wird. Ganz im Gegenteil. Sie gilt als Vertreterin einer Politik des billigen Geldes.

Der EZB geht es um die Stabilität der Eurozone

Denn der EZB geht es um die Stabilität der Eurozone und nicht mehr um die Stabilität der Finanzen. Ein Bankrott oder Austritt Italiens wird die EZB mit allen Mitteln zu verhindern wissen. Denn das würde mit hoher Wahrscheinlichkeit den Zusammenbruch der europäischen Union und der Gemeinschaftswährung Euro bedeuten. Die derzeitige politische Führung in Italien weiß das und von Frau Lagarde droht den Italienern auch keine Gefahr. Sie wird wie ihr Vorgänger alles dafür tun, die Währungsunion zu erhalten. Auf seiner turnusmäßigen Pressekonferenz hat Draghi diese Marschrichtung noch einmal deutlich formuliert. Die Zinsen müssen runter und das Füllhorn der geldpolitischen Möglichkeiten der EZB ist noch gut gefüllt.

Strafzinsen für Privatkunden sind nicht mehr ausgeschlossen

Diese Politik hilft der schwächelnden Wirtschaft und ist gut für die Aktienmärkte. Für die Banken und vor allen den Zinssparern ist es eine Katastrophe. Aufgrund der sinkenden Margen drehen bereits viele Banken munter an der Gebührenschraube. Zusätzlich beginnen immer mehr Banken damit, die Negativzinsen der EZB an ihre Kunden weiterzugeben. Die Sparkassen in Baden-Württemberg haben Strafzinsen für ihre Kunden ausdrücklich nicht mehr ausgeschlossen. Das lässt Anleger verzweifeln, die auf vermeintliche Sicherheit setzen. Alle suchen nach Möglichkeiten, ihr Geld irgendwo anzulegen, wo es nicht kontinuierlich weniger wird. Fündig wurden sie in zwei Anlageformen. Zum einen in Immobilien, die seit der Finanzkrise eine rasante Wertsteigerung erfahren haben. So kostete eine Neubauwohnung in mittlerer bis guter Lage in Deutschland 2018 beinahe doppelt so viel wie zehn Jahre zuvor, ein Reihenhaus 70 Prozent mehr. Das sind mittlerweile schon lange keine günstigen Kaufpreise mehr. Die zweite Anlageform sind Aktien.

Der Aktienmarkt zeigt sich überraschend stabil

Aktien zeigten sich in den letzten Monaten, trotz schwelenden Handelskrieges, drohenden Brexit und globaler wirtschaftlicher Abkühlung überraschend stabil. Man stelle sich nur vor was passieren würde, wenn die EZB auch Aktien kaufen würde. Ausgeschlossen ist dieser Schritt der EZB unter Madame Lagarde nicht. Andere Notenbanken in vergleichbarer Situation sind da schon weiter. Die Bank of Japan kauft seit Jahren bereits ETFs. Mittlerweile ist sie indirekt an neun von zehn Unternehmen aus dem Nikkei-Index beteiligt. Im vergangenen Jahr erhöhte die Bank ihre ETF-Bestände um 6,3 Bio. Yen (49 Mrd. Euro). Viele Beobachter trauen auch der Juristin Lagarde einen solchen Schritt zu. Rechtlich sicherlich eine Grauzone, aber bereits als IWF Chefin während der Griechenlandkrise gab sie die Richtung vor. “Wir verletzten alle Rechtsvorschriften, weil wir einig auftreten und wirklich die Euro-Zone retten wollten”. Ein Tabubruch ist der Französin nicht wesensfremd. Wer als Zinssparer der Enteignung entgehen will, sollte handeln. Trotz gestiegener Kurse sind Aktien noch vergleichsweise günstig.

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