Die richtige Strategie für den Ruhestand

Denn eins ist sicher: die Rente.“ Mit diesem Wahlslogan im Wahlkampf 1986 ist der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm im kollektiven Gedächtnis geblieben. Nur wenige Jahre später geriet die Deutsche Rentenversicherung in finanzielle Schwierigkeiten. Auslöser der Krise war die deutsche Wiedervereinigung. Quasi über Nacht wurden die DDR-Renten auf einem höheren Niveau mitfinanziert, obwohl die Arbeitnehmer im Osten zuvor vergleichsweise wenig in die Rentenkasse eingezahlt hatten. Hinzu kam kamen die Probleme der steigenden Arbeitslosigkeit, die höhere Lebenserwartung und jüngere geburtenschwache Jahrgänge. Viele Reformen später ist die gesetzliche Rente nur noch ein Baustein in einer privaten Ruhestandsplanung. Den gewohnten Lebensstandard allein aufrechterhalten kann sie nicht mehr.

Private Vorsorge ist notwendig

Das hat sich glücklicherweise mittlerweile herumgesprochen. Nahezu jeder weiß, das private Vorsorge wichtig und notwendig ist.  Lebens- und Rentenversicherungen, betriebliche Altersvorsorge, Riester- und Rüruprenten oder auch Fondssparpläne standen bei vielen hoch im Kurs. Die deutschen galten schon immer als Vorsorgesparer und haben das in den letzten Jahren noch einmal verstärkt. Die Sparquote in Deutschland ist im vergangenen Jahr nach Angaben des Statistischen Bundesamts auf das Rekordniveau von 16,3 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass die Deutschen von 100 Euro ihres verfügbaren Einkommens mehr als 16 Euro sparen. Mittlerweile ist das Geldvermögen auf ein Rekordhoch von fast sieben Billionen Euro gestiegen.

Jetzt kommen die Babyboomer

Die Generation der Babyboomer ist jetzt in Rente oder steht kurz davor. Die Botschaft, dass in Zukunft die staatliche Rente allein nicht mehr ausreichen wird um den erreichten Wohlstand erhalten zu können, scheint bei dieser Generation angekommen zu sein. Diese Generation hat im Schnitt ein höheres Haushaltseinkommen als vorherige Generationen erzielt. Doppelverdiener Haushalte sind wesentlich häufiger vertreten. Eine große Mehrheit der Haushalte dieser Generation hat ein Finanzvermögen aufgebaut. Im Alter von 51 bis 55 Jahre besitzen etwa 60 Prozent der Babyboomer selbstgenutzte Immobilien. Auf der anderen Seite ist es die erste Generation, die sich nicht mehr gänzlich auf die gesetzliche Rentenversicherung verlassen kann. Die Erwerbsbiografien weisen häufig Brüche auf und die Rentenreformen der letzten Jahrzehnte schlagen sich in der Rentenhöhe nieder.

Wie hoch ist die optimale Entnahmerate?

Zusätzlich trifft die Niedrigzinsphase diese Generation mit voller Wucht.  Die Zinsen liegen seit Jahren bei null oder darunter. Die Zeiten das man sich mit einem Anleihen Portfolio eine schwankungsarme zusätzliche Altersvorsorge aufbauen konnte sind vorbei. Auch die Versicherungen leiden unter diesen Rahmenbedingungen und  sind in vielen Fällen nicht mehr attraktiv.  Diese Generation wird ohne Aktien im Depot ihren Lebensstandard nicht aufrechterhalten können. Bei vielen Anlegern dieser Generation wird in den nächsten Jahren Kapital aus Versicherungen und sonstigen Vorsorgeverträgen ausgezahlt. Dieses Kapital ist ein wesentlicher Baustein ihrer Altersvorsorge. Es muss im besten Fall noch 30 oder 40 Jahre zur Verfügung stehen. Wie hoch darf die optimale Entnahmerate aus dem Depot sein?

Was ist die richtige Strategie?

Einen solchen Entnahmeplan zu entwickeln ist nicht trivial. Schließlich geht es darum, eine möglichst genaue Punktlandung hinzulegen. Geht man die Sache zu konservativ an und entnimmt monatlich oder jährlich Beträge, die unter den Möglichkeiten bleiben, kann man zwar ziemlich sicher sein, dass man nicht bankrottgeht. Aber es hat wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein. Ist die Entnahme jedoch zu großzügig, reicht das Vermögen nicht und man muss in den letzten Lebensjahren seinen Lebensstandard einschränken. Aber auch der Aufbau eines Depots das regelmäßige Entnahmen sichern soll ist nicht einfach. Wie hoch sollte die Aktienquote mindestens sein und wann ist die Quote zu hoch? Immerhin ist nicht jedes Jahr gleich. Zinsen und Inflation schwanken. Es gibt gute, sehr gute, schlechte und sehr schlechte Jahre.

Die 4-Prozent-Regel

Vor allem eine Studie verspricht die optimale Entnahmequote gefunden zu haben. Der amerikanische Finanzberater William Bengen gilt als Entdecker der sogenannten „4-Prozent Regel“. Für seine Untersuchung Mitte der 90er Jahre hat er ein fiktives Vermögen von 100.000 Dollar in Aktien (S&P 500) und US-Anleihen investiert. Danach hat er für unterschiedliche Szenarien durchgerechnet was mit dem Ausgangskapital über die nächsten 50 Jahre passiert wäre, wenn man einen bestimmten Prozentsatz jährlich entnommen hätte. Dieser Prozentsatz wurde an die Inflation angepasst. Die Berechnung hat er für die Startjahre 1926 bis 1976 durchgeführt. Zusätzlich hat er bei seiner Simulation verschiedene Asset-Verteilungen des Depots berücksichtigt.

Eindeutige Ergebnisse

Die Ergebnisse waren eindeutig. Die optimale Entnahmerate betrug 4 Prozent vom Ausgangskapital und der Aktienanteil sollte zwischen 50 und 75 Prozent liegen. Seine Berechnungen wurden mittlerweile vielfach geprüft, unter anderem auch von der Universität von Texas. In der Trinity Studie von 1998 wurde die Entnahmestrategie um Erfolgswahrscheinlichkeiten erweitert. Es wurde errechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass man bei einer bestimmten Variante nach 30 Jahren noch Kapital übrighat. Sein Ergebnis wurde im Wesentlichen bestätigt.  Bei einer Entnahme von drei oder vier Prozent ergibt sich eine 100-prozentige Chance das 30 Jahre lang eine Rente bezogen werden kann. Allerdings wurden in diesen Studien keine Steuern berücksichtigt.

Eine erste Orientierungshilfe

Wie bei allen Faustformeln taugt die 4-Prozent Regel nur als grobe Orientierungshilfe. Als ernstzunehmende Entnahmeregel sollte man sie aber eher nicht mehr verwenden. Immerhin sind die Studien schon fast 20 Jahre alt. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Angehende Rentner sollten sich rechtzeitig mit diesen Fragen auseinandersetzen. Letztlich ist jede Ruhestandsplanung sehr individuell.  In den letzten Jahren wurden komplexere, dynamische Entnahmemodelle entwickelt. Welche letztlich die ideale ist, lässt sich am besten in einem vollständigen Finanzplan simulieren. Damit lässt sich der optimale Kapitalbedarf für lange Zeiträume feststellen. Dies bildet eine gute Grundlage für die Auswahl und Implementierung der richtigen Strategie für den Ruhestand.

 

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