Die Rentenkatastrophe

Unser Rentensystem braucht dringend eine grundlegende Reform. Das ist eigentlich jedem schon lange bekannt. Es gibt zukünftig zu viele Rentnerinnen und Rentner und zu wenige Beitragszahlende. Finanzierten in den 1960er Jahren noch sechs Beitragszahler einen Rentner, machen dies heute nur noch zwei. Gleichzeitig werden wir immer älter. Lag die Lebenserwartung der Deutschen vor 20 Jahren noch bei 77,8 Jahren, werden sie heute knapp 81,2 Jahre alt. Bald gehen auch noch die geburtenstarken Babyboomerjahrgänge in Rente. Schon im Jahr 2025 droht laut Beraterinnen und Beratern des Wirtschaftsministeriums ein „Finanzierungsschock“, den es auszugleichen gilt. Sie halten es für notwendig, das Renteneintrittsalter auf 68 Jahre anzuheben. Das weiß natürlich auch die Politik. Aber in einem Wahljahr kommt das Thema Rentenreform ungelegen. Es ist heute kein Thema mehr, um Wahlen zu gewinnen. Das war einmal anders.

Das jetzige System ist 64 Jahre alt

Die Grundlagen der deutschen Rentenversicherung sind jetzt 64 Jahre alt. Am 21. Januar 1957 beschloss der Bundestag nach einem viertägigen Redemarathon mit großer Mehrheit die Reform der gesetzlichen Rentenversicherung. Damit wurde die gesetzliche Altersvorsorge auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Die Renten sollten nicht mehr, wie im bisherigen bismarckschen Rentensystem, selbst angespart werden und nur einen Zuschuss gegen Altersarmut darstellen, sondern eine echte Lohnersatzleistung sein. Inflation und Krieg hatten den Kapitalstock der Rentenversicherung zweimal weitgehend vernichtet. Der Aufbau neuer Ersparnisse hätte zu lange gedauert, um die Kriegsgeneration angemessen zu versorgen.

„Kinder kriegen die Leute immer“

Grundlegend für das neue Rentenrecht war deshalb die Idee des „Generationenvertrages“, wonach die Jüngeren mit ihren Beiträgen während ihres Arbeitslebens die früher erworbenen Rentenansprüche der Alten finanzieren. Gleichzeitig wurde die Höhe der Rentenansprüche an die Entwicklung der Löhne und Gehälter gebunden (sogenannte Dynamisierung der Rente). Fachleute warnten damals schon vor den Gefahren. Bereits damals zeichnete sich ab, dass die Lebenserwartung kräftig ansteigen würde. Der erste Kanzler und siebenfache Vater Adenauer ließ deren Bedenken nicht gelten. „Kinder kriegen die Leute immer“, war sein Argument. Außerdem standen Wahlen an und seine Regierung stand unter Druck. Die Rentenreform sicherte Millionen Rentnern erstmals ein ausreichendes Auskommen und Adenauer die absolute Mehrheit. Wenige Jahre später hielt die Pille auch in der jungen Bundesrepublik Einzug und der folgende Pillenknick ließ die Probleme sichtbar werden.

Der Steuerzahler finanziert immer mit

Von Anfang an war die Rentenversicherung immer wieder auf Bundeszuschüsse angewiesen. Mittlerweile übernehmen die Steuerzahler bereits mehr als ein Viertel der Ausgaben. Bei Fortschreibung heutiger Leistungen und Versprechen müssten 2040 schon 44 Prozent der Bundesausgaben in die Rentenkasse fließen, bis 2060 wären dann mehr als die Hälfte der Bundesausgaben für die Rente gebunden. Wollte man die zusätzlichen Ausgaben allein aus Steuern finanzieren, müsste die Mehrwertsteuer von 19 auf 32 Prozent steigen. Eine Sparreserve kennt das System nicht. Die Rentenkasse gehört zu den „öffentlichen Geldern“ und die Politik hatte nie Hemmungen sich entsprechend zu bedienen. Immer wieder wurde die Rentenkasse zur Finanzierung versicherungsfremder Leistungen geplündert. In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder versuche das System zu reformieren. Allerdings haben bei den Reformen ausschließlich Menschen, die nicht in diesem System versichert sind, das Sagen. Denn Politiker und Beamte sind nicht Pflichtmitglieder in der gesetzlichen Rentenversicherung. Genauso wie Selbstständige, die sich privat absichern müssen oder manche Freiberufler, die sich über eigene Versorgungskassen im Alter versorgen. Auf deren Rücklagen haben die Politiker übrigens keinen Zugriff.

Flickenteppich Deutschland

Immer wieder hat man in den letzten Jahrzehnten versucht durch kleine Reformen das System zu stabilisieren und zu ergänzen. Die Lobbyisten der Versicherer, Banken und Fondgesellschaften haben dabei ganze Arbeit geleistet. Es gibt Riester, Rürup sowie gleich fünf Durchführungswege der betrieblichen Altersvorsorge. Überall winken entweder staatliche Zuschüsse, Steuervergünstigungen oder gleich beides zusammen. Gemein ist allen Methoden jedoch auch ein hoher bürokratischer Aufwand, viele Formulare und im Zweifel vergleichsweise hohe Kosten. Natürlich darf auch die in Deutschland unabdingbare Garantie nicht fehlen. Liest sich gut, treibt allerdings die Kosten nach oben oder die erzielte Rendite nach unten.

Vorbild Schweden

Wie man es besser machen kann, haben die Schweden gezeigt. Die Altersvorsorge in Schweden ist ganz ähnlich aufgebaut wie in Deutschland. Auch dort fließt der Großteil der Beiträge in die umlagefinanzierte staatliche Rente. Ähnlich wie in Deutschland hat jedoch der demographische Wandel auch in Schweden dazu geführt, dass die Leistungen der gesetzlichen Rente immer weiter abgesenkt werden mussten. Seit der Jahrtausendwende haben die Schweden das umlagefinanzierte System ergänzt. Die Schweden zahlen 16 Prozent des Bruttogehalts in die umlagefinanzierte Rente ein und 2,5 Prozent müssen sie verpflichtend in die kapitalgedeckte Altersvorsorge investieren. Dabei können sie entweder aus mehr als 800 Fonds selbst auswählen oder zahlen in den staatlich verwalteten Fonds AP7 ein. Bis zum 55 Lebensjahr legt der Fonds zu 100 Prozent in Aktien an. Trotz Wertschwankungen kann sich die Rendite sehen lassen. Der staatliche Fonds schaffte im Zeitraum zwischen den Jahren 2011 und 2021 im Durchschnitt eine Jahresrendite von mehr als 14 Prozent.

Ohne Aktien geht es nicht

Immer mehr Länder haben erkannt, ohne Aktien geht es in der Altersvorsorge nicht. Der Aktienmarkt spült dort wichtige Rendite in die Rentenkasse, um die Bevölkerung abzusichern. Auch in Deutschland gab es immer wieder Versuche das Umlagen finanzierte System entsprechend zu ergänzen. Leider werden Aktien im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung auf die teilweise starken kurzfristigen Kursschwankungen am Aktienmarkt reduziert und diese negativ bewertet. Die Politik schiebt das Problem vor sich her, wissend das eine grundlegende Reform bald unausweichlich ist. Anleger sollten nicht darauf warten, bis der deutsche Staat aktiv wird. Wer nicht bis zum Alter 68 oder 70 arbeiten will, sollte die Initiative ergreifen. Die 2,5 Prozent vom Bruttogehalt sind dabei für einen Aktiensparplan eine solide Vorgabe.

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