Wie in vielen anderen Lebensbereichen, existieren auch bei der Geldanlage einige populäre Faustformeln, die von Beratern immer wieder gerne herangezogen werden. Mit dem Alter sollte man die Aktienquote senken, weil sich Verluste nicht mehr so einfach aussitzen lassen. So lautet eine gängige Anlegerweisheit. Für die Festlegung der „richtigen Aktienquote“ wird dann gerne auf die Regel „100 minus Lebensalter“ verwiesen. Diese erscheint intuitiv logisch, denn angewendet sinkt die Quote schwankungsintensiver Anlageformen wie etwa Aktien am Gesamtvermögen mit zunehmendem Alter. Für einen angehenden Rentner von 65 Jahren würde dies eine maximale Aktienquote von 35 Prozent, im hohen Alter von 85 Jahren dann aber nur noch 15 Prozent bedeuten. Ob diese auf den ersten Blick eingängige Regel aber auch in der derzeitigen Niedrigzinsphase gültig ist, sollte man kritisch hinterfragen.

Langfristig sind Aktien nicht zu schlagen

Gerade in dem derzeitigen Zinsumfeld sind Aktien für Anleger eines jeden Alters unerlässlich. Denn tatsächlich liegt die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen aktuell im negativen Bereich. Eine Änderung wird von den meisten Experten in den nächsten Jahren nicht erwartet. Dagegen bieten zum Beispiel Dividendenaktien aus dem deutschen Aktienindex Dax oder dem europäischen Euro Stoxx 50 Dividendenrenditen von deutlich über drei Prozent. Langfristig gibt es keine ertragreichere Anlage als Aktien. Nach Inflation bieten sie im Schnitt eine Rendite von rund sieben Prozent. Mit globalen Staatsanleihen, Gold oder Immobilien waren es langfristig betrachtet aber durchschnittlich nur rund ein bis zwei Prozent pro Jahr.

Die Wahrscheinlichkeit Gewinne zu erzielen steigt

Das vermeintlich schlechte Image der Aktie, gerade bei deutschen Anlegern, hängt mit der Schwankung (Volatilität) der Kurse zusammen. Diese wird von vielen als zu risikoreich empfunden. Laut einer Untersuchung des Deutschen Aktieninstituts liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es bei einem Aktieninvestment auf Sicht von zwölf Monaten zu einem Verlust kommt, bei immerhin 28 Prozent. Allerdings nimmt diese Verlustwahrscheinlichkeit mit zunehmender Haltedauer immer weiter ab. Gleichzeitig nimmt die Wahrscheinlichkeit Gewinne zu erzielen stetig zu. Nach zehn Jahren zum Beispiel liegt die Verlustwahrscheinlichkeit nur noch bei fünf Prozent, nach 15 Jahren nahe null Prozent. Das bedeutet, je länger der Anlagehorizont eines Anlegers, desto eher eignen sich Aktien als renditestarke Kapitalanlage. Aus diesem Grund sind Aktien für junge Anleger, die einen Anlagehorizont von 30 oder 40 Jahren haben, für die Altersvorsorge besonders gut geeignet.

Steigende Lebenserwartung hilft

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in Deutschland in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen. Frauen, die heute 65 Jahre alt sind, haben im Durchschnitt noch eine Lebenszeit von über 21 Jahren vor sich, bei Männern sind es etwas mehr als 18 Jahre. Zeit genug um zwischenzeitlich selbst starke Verluste bei Aktien noch aussitzen zu können. Denn auch dazu existieren aktuelle Untersuchungen. Demnach dauerte es bei einer Einmalanlage, unabhängig vom Einstiegszeitpunkt, nie länger als etwa zwölf Jahre, bis die Verluste wieder aufgeholt waren. Selbst wer zum Hochpunkt im Jahr 2007 in den Dax eingestiegen war, der lag schon 2013 wieder im Plus. Allerdings gibt es eine Einschränkung. Viele Rentner sind auf laufende Entnahmen aus dem angelegten Kapital angewiesen. Ein Einbruch von 50 Prozent oder gar mehr unmittelbar nach Beginn des Ruhestands, trifft ein Portfolio mit einem vergleichsweise hohen Aktienanteil hart. Von solch einem Rückschlag kann es sich kaum noch erholen. Vor allem dann nicht, wenn die Aktienquote nach der gängigen Meinung kontinuierlich abgesenkt wird.

Das Ergebnis der Studie überraschte

In einer aufwendigen Simulation haben die beiden US-Finanzprofessoren Wade Pfau und Michael Kitces untersucht, welche Aktienquote für angehende Rentner in verschiedenen Kapitalmarktumfeldern über 20, 30 oder 40 Jahre optimal wäre, wenn man jedes Jahr vier oder fünf Prozent des anfänglich investierten Vermögens entnimmt. Das Ergebnis der Studie überraschte. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle ist nicht eine zunächst hohe und dann allmählich sinkende Aktienquote ratsam, damit das Geld tatsächlich bis zu 40 Jahre reicht. Das Gegenteil wäre optimaler gewesen. Die Simulation zeigte eindrucksvoll, dass es günstiger ist, mit einem vergleichsweise niedrigen Aktienanteil von lediglich 20 Prozent in den Ruhestand zu starten und diesen Anteil dann Jahr für Jahr zu steigern. Dadurch wird das Risiko, sofort nach der Investition bei einem Einbruch im Aktienmarkt hohe Verluste zu erzielen, reduziert. Umgekehrt fallen nach einigen guten Aktienjahren mögliche Einbrüche nicht mehr so stark ins Gewicht.

Es wirkt der Durchschnittskosteneffekt

Bei Entnahmeplänen wirkt auch der Durchschnittskosteneffekt. Dieser ist vor allem bei Fondssparplänen bekannt. Wer jeden Monat einen bestimmten Betrag in einen Investmentfonds investiert, kauft automatisch bei tiefen Kursen viele Anteile und bei hohen nur wenige. Dadurch verhält man sich als Anleger optimal antizyklisch. Der gleiche Effekt tritt bei Entnahmeplänen auf. Dabei allerdings wirkt der Entnahmeplan prozyklisch und damit ungünstig. Wer jeden Monat einen fixen Betrag bei zugleich schwankenden Kursen aus seinem Portfolio entnimmt, verkauft auch bei niedrigen Kursen besonders viele Anteile und bei hohen Kursen besonders wenige. Durch die gleichzeitig steigende Aktienquote kontert man dann diesen vermögenszehrenden Effekt. Es ist also wichtig, mit zunehmendem Alter seinen Aktienanteil graduell und stetig zu erhöhen.

Zu alt für Aktien ist man nie

Diese Vorgehensweise gilt jedoch nur Anleger, die mit Eintritt in den Ruhestand erstmalig über eine Anlage in Aktien nachdenken. In Deutschland nach wie vor die große Mehrheit. Wenn man den Daten des Deutschen Aktieninstituts glauben darf, besitzt gerade einmal jeder 13. Deutsche über 60 überhaupt direkt oder indirekt Aktien. Wer jedoch bereits in frühen Jahren stetig sein Aktienportfolio aufgebaut hat, kann auch im Ruhestand eine hohe Aktienquote beibehalten. Denn nach Haltedauern von 20 Jahren oder länger geht die Wahrscheinlichkeit mit einem Aktiendepot ins Minus zu geraten gegen null. Wichtig ist dabei lediglich, auf eine ausreichend breite regionale und sektorale Streuung der Aktien zu achten. Jeder Anleger muss sich in diesen Tagen die Frage stellen, was am Ende riskanter ist. Staatsanleihen mit Renditen unterhalb der Teuerungsrate, aber immer größeren Ausfallwahrscheinlichkeiten. Oder Aktien, mit denen immerhin noch die Chance auf einen realen Werterhalt des Kapitals plus ein bisschen mehr besteht. Zu alt für Aktien ist man dabei nie.

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