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Dani Rodrik ist ein Ökonom und Professor an der Harvard University. Er ist in Istanbul geboren und lebt seit den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten. Er beschäftigt sich vor allem mit Mechanismen der Wirtschaftspolitik. Rodrik ist ein profilierter Kritiker der vorherrschenden volkswirtschaftlichen Lehrmeinung, die in den letzten Jahren von der Neoklassik dominiert wird. Neoklassik, heißt, die Wirtschaftssubjekte verhalten sich wie der berühmt-berüchtigte „Homo oeconomicus“, der kühl und rational sämtliche verfügbaren Optionen abwägt, mit Wahrscheinlichkeiten multipliziert und über sein komplettes Leben seinen Nutzen maximiert. Märkte tendieren in der neoklassischen Welt stets zum Gleichgewicht. Spätestens seit der Finanzkrise (2008) hat der wissenschaftliche Mainstream in der Volkswirtschaft aber ein Problem. Nicht nur die britische Queen verzweifelte damals an den Wirtschaftsexperten. „Why did nobody see this coming?“, fragte die Monarchin bei einem Besuch der London School of Economics auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Die Experten blieben ihr wohl eine Antwort schuldig, die Entstehung großer Ungleichgewichte, die zur Finanzkrise führten, sind in den mathematischen Modellen nicht vorgesehen.

Rodriks Trilemma liegt in der Unvereinbarkeit von Nationalstaat, Demokratie und grenzenloser Globalisierung (“Hyperglobalisierung”). Nach seiner These kann man nicht gleichzeitig Demokratie, nationale Selbstbestimmung und wirtschaftliche Globalisierung betreiben. Wenn man die Globalisierung weiterführen will, muss man entweder den Nationalstaat oder die demokratische Politik aufgeben. Will man Demokratie behalten und vertiefen, muss man zwischen dem Nationalstaat und internationaler wirtschaftlicher Integration wählen. Und wenn man den Nationalstaat und die Selbstbestimmung bewahren will, muss man zwischen einer Vertiefung der Demokratie und einer Vertiefung der Globalisierung wählen. Alle drei Ziele gleichzeitig funktionieren nicht.

Er geht dabei von der Prämisse aus, das Markt und Staat zusammengehören. Voraussetzung für funktionsfähige Märkte ist ein starker Staat. Demnach bedürfen globale Märkte, um auf Dauer ordentlich zu funktionieren, seines Erachtens eines globalen staatlichen Regelwerks. Es existiert aber keine Weltregierung, weil die meisten Menschen nicht bereit sein dürften, die dafür notwendigen Kompetenzen vom demokratischen Nationalstaat zu übertragen. Eine Übertragung solcher Kompetenzen durch eine nationale Regierung gegen den Willen ihrer Bürger verstieße ihrerseits gegen die Demokratie. Wer die aktuellen Probleme der europäischen Union betrachtet, weiß das Rodrik mit seiner theoretischen Analyse offensichtlich nicht weit von der realen Welt entfernt ist. Auch die Akzeptanzprobleme globaler Freihandelsabkommen wie das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), lassen sich mit seinem Ansatz erklären. Gerade der Mangel an demokratischer Transparenz, ist eines der gewichtigsten Argumente der Kritiker.

In vielen Industrieländern dreht die politische Stimmung derzeit zu Lasten einer weiteren Globalisierung und hin in Richtung einer Stärkung nationaler Souveränitätsrechte und einem mehr an Demokratie. Manche Ökonomen sprechen schon von einer Zeitenwende und sehen die Phase der Deglobalisierung kommen. Im Kleinen sorgen Verlustängste und Unsicherheit bei der Bevölkerung für Abwehrreflexe und Abschottungstendenzen. Im Großen neigen Staaten verstärkt zu Protektionismus und Nationalismus. Ergebnis sind eine Verlangsamung der Globalisierung und eine rasante Beschleunigung der Digitalisierung. Von der Welthandelsorganisation (WTO) vorgelegte Handelsdaten verdeutlichen, wie rasant sich das Wesen der Globalisierung seit der Finanzmarktkrise verändert hat. Zwischen dem Ende des Kalten Krieges (1990) und der Finanzmarktkrise (2008) betrug das durchschnittliche jährliche reale Wachstum für den Welthandel sechs Prozent, die Weltproduktion legte im Schnitt rund drei Prozent zu. Der Welthandel wuchs also doppelt so stark wie die Weltproduktion. Seit der Finanzmarktkrise legt der Handel merklich weniger zu. Von 2012 bis 2015 wuchsen Welthandel und die Weltproduktion praktisch im Gleichklang um jeweils 2,3 Prozent. Im laufenden Jahr dürfte das reale Wachstum für den Welthandel mit 1,7 Prozent sogar geringer ausfallen als das der Weltproduktion mit 2,2 Prozent. Die aktuelle Krise in der Containerschifffahrt ist das Ergebnis dieses Wandels. Anstatt zentral zu produzieren und Güter mit immer größeren Schiffen über immer weitere Distanzen zu transportieren, erlauben neue Technologien eine dezentrale Fertigung und Leistungserbringung an Ort und Stelle des Endverbrauchers. Anstatt Waren zu den Menschen zu bringen, kommt die Produktion zum Menschen. Wurden Herzschrittmacher früher zentral in Fabriken in ein paar Standardgrößen hergestellt, wird in Zukunft im Operationssaal mithilfe eines 3-D-Druckers entsprechend der spezifischen Umstände passgenau ein Unikat maßgeschneidert. Die Logistik einer Lieferkette, Transport und Lagerhaltung werden überflüssig. Anstatt Güter werden Daten um die Welt geschickt.

Mit Donald Trump hat in den USA erstmals ein Kandidat die Wahlen gewonnen, der sich in seinem Wahlprogramm offen für Protektionismus ausgesprochen hat. Auch in vielen europäischen Staaten gehen europakritische Populisten mit vermeintlich einfachen Lösungen derzeit erfolgreich auf Stimmenfang. Dabei ist in der Forschung derzeit unumstritten, das Protektionismus nicht die Lösung ist. Auch Dani Rodrik, obwohl kein Freund der uneingeschränkten Globalisierung, stellt die positiven Effekte des Freihandels nicht grundsätzlich in Frage. Auch er erkennt als Grundlage David Ricardos Theorie der komparativen Kosten an. Ricardo, ein britischer Ökonom und ein führender Vertreter der klassischen Nationalökonomie im 18 Jahrhundert, hatte mit einem einfachen Beispiel am Handel mit Wein und Tuch zwischen Portugal und England gezeigt, dass Freihandel für beide Länder grundsätzlich vorteilhaft ist. Rodriks Alternative zur “Hyperglobalisierung” ist eine “Globalisierung mit Augenmaß”, die er auch als “Kapitalismus 3.0” bezeichnet. Er strebt eine Welt mit maßvollen Handelsbeschränkungen an. Hier setzt auch die Kritik an seiner Theorie an, da sich maßvolle Handelsbeschränkungen schlecht konkret definieren lassen. Ist der Geist des Protektionismus erst einmal aus der Flasche, ist es schwer ihn wieder einzufangen.

Auch für das Jahr 2017 bleiben die politischen Risiken bestehen. In Europa stehen Wahlen in Frankreich, Niederlande und im Herbst in Deutschland an. Vor allem in Frankreich und den Niederlanden haben Globalisierungsgegner derzeit Chancen mit einer Regierungsbildung beauftragt zu werden. Der „Brexit“ wird wohl 2017 konkret eingeleitet und in den USA wird sich zeigen, was sich hinter den „Trumponomics“ wirklich verbirgt. Die Märkte zeigen sich jedoch nach wie vor äußerst robust. Vor allem der US-Markt setzt zu immer neuen Höhenflügen an. Der US-Finanzexperte Jeremy Siegel ist zuversichtlich, dass der Dow Jones in den nächsten Wochen auch noch die Marke von 20.000 Punkten knackt, nachdem er ja erst vor wenigen Tagen erstmals über 19.000 Punkte gestiegen ist. Der Dow Jones hat in den vergangenen 12 Monaten um rund acht Prozent zugelegt. Der Dax dagegen notiert noch 3,5 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn. Da besteht durchaus noch Potential. Die nächsten Monate bleiben spannend.

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung