Donald Trump ist ein Freund der Superlative. Der nach eigener Einschätzung „beste US-Präsident aller Zeiten“ kämpft um seine Wiederwahl. Noch vor wenigen Monaten galt diese als gesetzt. Die meisten Beobachter gingen davon aus, dass er sicher den Wiedereinzug in das Weiße Haus schaffen würde. Doch dann kam Covid-19 und mehr als 225.000 Todesfälle später ist diese Wiederwahl alles andere als sicher. Sein Herausforderer, der Kandidat der Demokratischen Partei und ehemalige Vizepräsident Joseph „Joe“ Biden, führt in nahezu allen Umfragen. Nun ist es mit den Umfragen in den USA aber eine besondere Sache. Entscheidend ist nicht die absolute Mehrheit der Wählerstimmen, sondern die Mehrheit der Wahlmänner. Andernfalls hätte Hillary Clinton bereits bei der letzten Wahl gegen Trump gewonnen.

Trumps Sieg überraschte 2016

Denn obwohl sich Clinton mit einem Vorsprung von fast drei Millionen Stimmen die Stimmenmehrheit („Popular Vote“) sichern konnte, wurde der aus New York stammende Immobilienmogul Donald John Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Möglich macht dies ein besonderes Wahlsystem. Der Präsident wird vom Wahlmännerkollegium („Electoral College“) gewählt. Jeder Bundesstaat entsendet eine bestimmte Anzahl von „Wahlmännern“. Trump konnte sich vor vier Jahren den Sieg sichern, weil er in wichtigen „Swing States“ wie Pennsylvania, Wisconsin, Florida oder Michigan knapp die Stimmenmehrheit errang. Sein Sieg damals überraschte die Beobachter und blamierte die Demoskopen. Damit hatte keiner ernsthaft gerechnet. Entsprechend unsicher werden die aktuellen Umfrageergebnisse bewertet. Was ist, wenn sich 2016 wiederholt?

Entscheidend sind wieder die „Swing States“

Entscheidend werden auch bei dieser Wahl die „Swing States“. Bundesstaaten die keinem Lager eindeutig zuzuordnen sind. Von den zwölf „Swing States“, die insgesamt 189 Wahlleute ins Wahlkollegium entsenden, führt Biden nach den Umfrageergebnissen in zehn dieser zwölf US-Bundesstaaten mit teilweise großem Vorsprung. Trump führt nur in zwei dieser Staaten. Diese Umfrageergebnisse sprechen für einen deutlichen Sieg Joe Bidens. Aber Umfragen sind lediglich ein wichtiger Indikator für die wahrscheinlichen Ergebnisse. Sicherheit bieten sie keineswegs. Es bleibt also spannend und vermutlich auch über den eigentlichen Wahltermin, den 3. November, hinaus. Denn es gehört zur amerikanischen Tradition, dass der unterlegende Kandidat zu einem bestimmten Zeitpunkt seine Niederlage öffentlich anerkennt. Bisher ist es in der jüngeren Geschichte der USA nicht vorgekommen, dass sich ein Präsident nach einer Wahlniederlage weigerte abzutreten. Die amerikanische Verfassung ist in diesem Punkt auch nicht sehr konkret, sie setzt es einfach voraus. Trump hat bis jetzt nicht den Eindruck erweckt, dass er sich dieser Gepflogenheit einfach beugt.

Ein Trump Sieg war an den Börsen schon eingepreist

Viele Beobachter haben Angst, dass dieses Szenario eintritt. Denn eine zu lange Hängepartie wäre gefährlich. Vor allem die Börse braucht schnell ein klares Ergebnis. Der Wall Street wäre eigentlich eine zweite Amtszeit von Trump am liebsten gewesen. Bis vor wenigen Monaten war noch ein Trump-Sieg eingepreist. Schließlich hat der Republikaner mit seinen Steuererleichterungen und Deregulierungen im Finanzsektor eine Hausse entfacht. Eine zweite Amtszeit wäre für die Märkte vermutlich kein Risiko. Die sehr wirtschaftsfreundliche Politik würde fortgeführt werden. Biden dagegen galt zeitweise als Börsenschreck. Seine Pläne, die Steuererleichterungen zurücknehmen und „Big Tech“ zu zerschlagen, verunsicherten einige Anleger. Zudem kritisierte er zu Anfang seiner Kandidatur in vielen seiner Reden die Wall Street scharf.

Die Börse zieht demokratische Präsidenten vor

Doch Trumps offensichtliches Versagen in der Bekämpfung der Corona Pandemie hat auch bei vielen Wirtschaftsbossen zu einem Umdenken geführt. Biden dagegen hat seinen Schrecken verloren. Langsam freundete sich die Wall Street mit dem kompromissbereiten Demokraten an. Vor allem für die Unternehmen aus dem Bereich Erneuerbare Energien wäre ein Wahlsieg von Biden hervorragend. Mit seinem „New Green Deal“ könnte er einen Investitionsschub bei Anbietern von Erneuerbaren Energien und Infrastruktur-Firmen auslösen. Auch die Cannabis-Industrie gilt als möglicher Profiteur, da die Demokraten vermutlich auf eine Liberalisierung von Marihuana setzen. Statistisch gesehen ist ein demokratischer Präsident besser für die Börsen. Historisch gesehen haben demokratische Präsidenten den Börsen mehr Kursgewinne beschert als republikanische Präsidenten. So zogen die Kurse in der Ära von Barack Obama und Bill Clinton deutlich stärker an als unter der Regentschaft von Trump. Die Amtszeit des Republikaners George W. Bush endete gar mit Verlusten.

Auch der Senat ist umkämpft

Aber am 3. November wird nicht nur ein neuer Präsident gewählt. Wie bei jeder US-Wahl wird auch ein Drittel der Senatoren sowie alle Mitglieder des Repräsentantenhauses neu gewählt. Die Mehrheit im Repräsentantenhaus scheint für die Demokraten sicher zu sein. Umkämpft ist der Senat. Sollten die Demokraten auch hier eine Mehrheit erlangen und Biden gleichzeitig die Präsidentschaft gewinnen, könnte er sein Programm wesentlich konsequenter und einfacher durchsetzen. Grundsätzlich ist mit radikaleren Veränderungen zu rechnen, wenn die Partei des künftigen US-Präsidenten auch in beiden Kammern des Kongresses über eine Mehrheit verfügt. Für Anleger besonders interessant ist das angekündigte Konjunkturprogramm. Beide Parteien haben billionenschwere Konjunkturprogramme in Aussicht gestellt. Auf ein gemeinsames konnte man sich vor der Wahl leider nicht mehr einigen. Denn angesichts der Corona-Pandemie sind die Herausforderungen für die US-Wirtschaft außergewöhnlich groß. Es gilt den größten Einbruch der Wirtschaft seit der Großen Depression in den 1930er Jahren zu bewältigen.

Der Name des Präsidenten ist nicht entscheidend

Bei aller Unsicherheit eines jedoch ist sicher. Es bleibt spannend. In einer Woche wird gewählt und hoffentlich steht einige Tage später das Ergebnis fest. Anleger sollten aber jetzt nicht zu viel Energie darauf verschwenden zu spekulieren, wer letztlich das Rennen machen wird. Denn für die Entwicklung der Aktienkurse ist der Name des Präsidenten nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, wie sich die erwarteten und die tatsächlichen Gewinne der Unternehmen entwickeln. Denn eine Regel gilt nach wir vor. „Politische Börsen haben kurze Beine“.