28. Januar 2026

Sell America – Waffe oder Bumerang?

Im Konflikt um die Übernahmepläne Grönlands durch die USA wurde in den vergangenen Wochen über eine neue Strategie Europas diskutiert, die unter dem Schlagwort „sell America“ für Aufsehen sorgt. Die Überlegung ist brisant, denn europäische Investoren könnten US-Staatsanleihen verkaufen und die hochverschuldeten Vereinigten Staaten dadurch unter Druck setzen. Die Angriffsfläche...

Im Konflikt um die Übernahmepläne Grönlands durch die USA wurde in den vergangenen Wochen über eine neue Strategie Europas diskutiert, die unter dem Schlagwort „sell America“ für Aufsehen sorgt. Die Überlegung ist brisant, denn europäische Investoren könnten US-Staatsanleihen verkaufen und die hochverschuldeten Vereinigten Staaten dadurch unter Druck setzen. Die Angriffsfläche scheint riesig, da sich die US-Staatsverschuldung inzwischen auf einen Rekordstand von über 38 Billionen Dollar beläuft. Nach Daten des US-Finanzministeriums halten Finanzakteure innerhalb der EU knapp 23 Prozent aller US-Staatsanleihen. Das sind Bonds im Wert von mehr als 2,1 Billionen Dollar. Wir sind damit der größte Besitzer US-amerikanischer Staatsanleihen außerhalb der USA und ihr größter Gläubiger. Angesichts dieser Zahlen stellen sich Investoren die Frage, ob diese Machtposition im Konflikt mit den USA real genutzt werden kann oder ob sie eine leere Drohung bleibt.

Das Einmaleins der Staatsanleihen

Um die Brisanz eines solchen Manövers zu verstehen, muss man zunächst die Mechanik hinter diesen Wertpapieren betrachten. Eine Staatsanleihe stellt im Grunde einen verbrieften Kredit dar, bei dem ein Investor dem Staat Geld für eine feste Laufzeit leiht und im Gegenzug regelmäßige Zinszahlungen erhält. Der Markt folgt dabei einer eisernen Logik. Wenn viele Investoren ihre Staatsanleihen verkaufen, fällt der Kurs durch das plötzliche Überangebot. Damit steigt im Gegenzug zwangsläufig die Rendite für Anleger, die neu zugreifen, und tendenziell auch der Zins bei der Ausgabe künftiger Anleihen. Das würde die ohnehin schon hohe Zinslast der US-Regierung weiter steigern und die Finanzierung von Staat und Wirtschaft drastisch verteuern. Anders gesagt kostet es dann deutlich mehr für die Trump-Regierung, sich Geld zu leihen, um beispielsweise die gigantische Steuerreform „Big Beautiful Bill“ zu finanzieren. Höhere Zinsen wirken somit direkt als Bremse für die politischen Vorzeigeprojekte des Weißen Hauses.

Die ökonomische Kernschmelze in den USA

Ein massiver und koordinierter Abverkauf durch den größten Gläubiger Europa würde die amerikanische Wirtschaft nicht nur oberflächlich treffen, sondern könnte ihre strukturelle Funktionsweise fundamental beschädigen. Ausgelöst würde die Krise durch den eben beschriebenen sprunghaften Anstieg der Renditen, der sich wie ein Lauffeuer durch alle Sektoren der Realwirtschaft fressen würde. Da US-Treasuries als Benchmark für fast alle privaten und gewerblichen Kredite dienen, käme es zu einer sofortigen Kreditklemme (Credit Crunch). Die Zinsen für Hypotheken sowie Auto- und Konsumkredite würden explodieren und damit den privaten Konsum als wichtigsten Motor der US-Konjunktur abwürgen. Auf staatlicher Ebene geriete Washington in einen fiskalischen Würgegriff, da bei dem aktuellen Rekordstand von über 38 Billionen Dollar Schulden der Schuldendienst einen immer größeren Teil der Steuereinnahmen verschlingen würde. Notwendige Investitionen müssten gestrichen werden, was eine tiefe Rezession fast unvermeidbar machen würde.

Globale Schockwellen und das Wanken des Fundaments

Aber die internationalen Konsequenzen wären vermutlich noch verheerender als die inneramerikanischen Schäden. US-Treasuries fungieren weltweit als wichtigste Sicherheit im Bankensystem. Wenn der Wert dieser Sicherheiten durch einen Kurssturz erodiert, löst dies eine Kettenreaktion aus. Finanzinstitute müssten plötzlich Milliarden an Nachschusszahlungen leisten, was zu einer globalen Liquiditätskrise führen würde. Zudem dienen die Renditen der US-Anleihen als der globale risikofreie Zins zur Bewertung fast aller anderen Vermögenswerte. Steigt dieser Zins dramatisch an, müssen Aktien und Immobilien weltweit neu bewertet werden. Das mathematisch zwingende Ergebnis wäre ein synchroner und weltweiter Börsencrash, der insbesondere hoch bewertete Technologieaktien treffen würde.

Ökonomischer Selbstmord für Europa

Trotz dieses theoretischen Drohpotenzials gleicht der Plan eines totalen Ausverkaufs in der Praxis weniger einem präzisen Schachzug als vielmehr einer finanziellen Atombombe im eigenen Vorgarten. Ein solcher Schritt würde Europa vermutlich härter treffen als die USA. Die Bestände von 2,1 Billionen Dollar in den Bilanzen europäischer Akteure würden massiv an Wert verlieren und sofortige Abschreibungen in Milliardenhöhe sowie eine Bankenkrise in der EU zur Folge haben. Zudem würde der Verkaufserlös in Euro getauscht werden, was zu einer massiven Aufwertung des Euros führen würde. Für die exportorientierte europäische Wirtschaft wäre dies fatal, da ihre Waren auf dem Weltmarkt zu teuer würden. Man würde also die eigene Exportindustrie opfern, um Washington zu ärgern.

Die Illusion der taktischen Nadelstiche

Alternativ zum totalen Ausverkauf ziehen einige Strategen eine subtilere Variante in Betracht und fragen sich, ob kleinere sowie gezielte Verkäufe als politisches Warnsignal fungieren könnten. Doch auch diese Strategie der Nadelstiche entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als wirkungslos und hochriskant. Das Hauptproblem ist die schiere Tiefe des US-Anleihemarktes, der der liquideste der Welt ist. Wenn europäische Institutionen einen Bruchteil ihrer 2,1 Billionen Dollar verkaufen würden, wäre dies kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein und würde von anderen Marktteilnehmern schnell absorbiert werden. Der ökonomische Druck bliebe somit aus. Gleichzeitig wäre die politische Signalwirkung fatal, da eine US-Administration unter Donald Trump, die für ihren auf Vergeltung bedachten und oft aggressiven Stil bekannt ist, einen solchen Schritt kaum unbeantwortet lassen würde. Ein gezielter Angriff auf den US-Anleihemarkt würde als feindseliger Akt interpretiert werden. Washington könnte umgehend mit Strafzöllen antworten und Europa würde einen Handelskrieg riskieren, ohne im Gegenzug einen nennenswerten Hebel über die Zinskurve zu besitzen.

Die Fed als ultimativer Schutzwall

Zudem überschätzen Befürworter beider Strategien die Verwundbarkeit der USA. Die amerikanische Notenbank würde einem solchen Angriff nicht tatenlos zusehen. Bevor die Zinsen ein Niveau erreichen, das den US-Haushalt kollabieren lässt, würde die Fed als „Buyer of Last Resort“ auftreten. Sie würde die von Europa verkauften Anleihen durch neu geschaffenes Geld aufkaufen und die Zinsen künstlich deckeln (Yield Curve Control). Dies würde zwar das technische Armageddon an den Märkten verhindern, aber den Preis vermutlich auf die Währung verlagern und sich in einer massiven Inflation oder einem Vertrauensverlust in den Dollar äußern.

Ein stumpfes Schwert

Die Vorstellung, US-Anleihen als politisches Druckmittel gegen Donald Trump einzusetzen, scheitert an der Realität der globalen Verflechtung. Die finanziellen Kollateralschäden für die europäische Finanzstabilität und Exportwirtschaft wären so verheerend, dass die Drohung unglaubwürdig bleibt. Es herrscht ein „Gleichgewicht des Schreckens“, in dem Europa seine Gläubigerposition nicht offensiv nutzen kann, ohne sich selbst in eine tiefe Rezession zu stürzen. Die gegenseitige Abhängigkeit macht den Anleihemarkt zu einer denkbar ungeeigneten Waffe im geopolitischen Machtkampf.

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