Diese Meldung lies Anfang November aufhorchen. Die Professoren Aloys Prinz aus Münster und Hanno Beck aus Pforzheim schlagen vor, Politik und Notenbanken sollten Geldscheine mit Nennwerten von 1.000, 5.000 oder 10.000 Euro in Umlauf bringen. Vermutlich knallte bei dieser Meldung auch in der Schattenwirtschaft so mancher Champagnerkorken. Zu verlockend die Vorstellung, die Tageseinnahmen aus den illegalen Aktivitäten zukünftig bequem in der Brieftasche zu transportieren, anstatt wie jetzt umständlich in Koffern voller Banknoten. Allerdings hatten die beiden Professoren für diesen Fall vorgesorgt. Die neuen Banknoten sollten nicht direkt für Transaktionen verwendet werden, sondern lediglich als Wertaufbewahrungsscheine dienen. In ihrem Konzept unterscheiden sie zwischen „T-Geld“ in kleineren Scheinen für Transaktionen und „W-Geld“ in Groß-Scheinen für die Wertaufbewahrung. Das Ziel der beiden ist honoriger, sie wollen damit den Sparer vor den Minuszinsen retten. Denn nur mit Bargeld kann man die derzeitige Politik der Notenbanken unterlaufen. Entsprechend „begeistert“ reagierte die Notenbank auf diesen Vorschlag.

Die Vampir-Note

Dabei ist dieser Vorschlag gar nicht so ungewöhnlich. In anderen Währungsräumen existieren auch Banknoten mit hohen Nennwerten. In Großbritannien beispielsweise gibt es ebenfalls Banknoten mit einem Wert von einer bis sogar 100 Millionen Pfund. Die Scheine sind aber nicht für den Zahlungsverkehr zugelassen, sondern werden nur im Bankenhandel genutzt. Für jede gedruckte Banknote hinterlegen die Banken den Wert in Pfund bei der Bank of England. Auch in Deutschland wurde einmal eine Banknote mit einem solch hohen Nennwert eingeführt. Im Volksmund nannte man den Schein die Vampir-Note und es sollten ihr noch weitaus Größere folgen. Als der 10.000-Mark-Schein im Januar 1922 in Umlauf gebracht wurde, war er der Schein mit dem bis dahin höchsten Wert. Man konnte sich damit auch tatsächlich noch einiges kaufen. Er entsprach zu jenem Zeitpunkt immerhin etwas mehr als 50 Dollar.

Die Inflation saugte das Vermögen der Deutschen auf

Die 10.000-Mark Note wurde eingeführt als die Inflation im Deutschen Reich langsam vom Trab in den Galopp wechselte. Ab 20 Prozent Teuerung im Monat spricht man von galoppierender Inflation. Auf dem Schein ist Albrecht Dürers „Bildnis eines jungen Mannes“ von 1507 abgebildet. An der rechten Seite des Halses wurden jedoch, ob aus Absicht ist nicht bewiesen, einige Striche hinzugefügt. Sie bewirkten, dass viele bei einer Drehung des Bildes um 90 Grad nach links an dieser Stelle nun etwas ganz anderes zu erkennen glaubten: den Kopf eines Vampirs. Eine treffende Metapher für das, was den Deutschen in den folgenden Monaten bevorstand. Die Inflation saugte langsam das Vermögen der Deutschen auf. Schon im Oktober 1922 war der 10.000 Mark Schein keine zwei Dollar mehr wert. Im November brachte die Reichsbank den 50.000 Mark Schein in Umlauf und spätestens damit startete die Hyperinflation.

Bis zu 1783 Pressen waren gleichzeitig im Einsatz

Von einer Hyperinflation sprechen Ökonomen ab einer Verteuerung von 50 Prozent im Monat. In der Endphase betrug die Inflationsrate 1923 zigtausend Prozent pro Monat. Im täglichen Leben kam es immer häufiger zu völlig absurden Situationen. Da bestellte man im Café zwei Tassen Kaffee für je 5.000 Mark und erhält am Ende eine Rechnung über 14.000 Mark. In der Zwischenzeit war der Preis gestiegen, man hätte beide Tassen gleichzeitig bestellen müssen. Neben der Reichsdruckerei waren zeitweise über 130 weitere Betriebe damit beschäftigt Geldnoten herzustellen. Insgesamt waren bis zu 1783 Pressen im Einsatz. Angestellte brachten Rucksäcke mit zum Gehaltsbüro, um das Geld zu verstauen und danach sofort auszugeben. Viele Betriebe zahlten den Arbeitern Ihren Lohn bereits jeden Morgen aus, Ihre Frauen warteten am Werkstor, nahmen das Geld in Empfang und eilten in die Geschäfte. Spätestens wenn mittags der neue Dollarkurs veröffentlicht wurde, war das Geld wieder weniger Wert.

Aktionäre konnten ihr Vermögen zum Teil erhalten.

Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen„, lautete der Gassenhauer jener Tage. Deutschland befand sich über Monate in einem geldpolitischen Ausnahmezustand. Die Menschen prassten und lebten in den Tag hinein, eine regelrechte Kaufpanik hatte die Bevölkerung erfasst. Denn Ware war ausreichend vorhanden, es fehlte nur das stabile Geld um sie zu kaufen. Das einzige was wirklich zählte waren Sachwerte. Diamanten und Münzen, aber auch Antiquitäten, Klaviere oder Kunst und natürlich Devisen. Die Dummen waren all jene, die über Geldvermögen verfügten. Die Sparer, die Inhaber von Staatsanleihen oder die Rentner, die Bürger, die Einkommen bezogen, ohne zu arbeiten. Große Teile der Mittelschicht wurden praktisch über Nacht enteignet. Getroffen wurden auch die Aktionäre. Zwar vervielfachten Aktien in die Inflationsphase innerhalb weniger Monate ihren Wert, gaben die Gewinne danach aber auch genauso schnell wieder ab. Wer allerdings diese Ausschläge durchhielt, konnte in der Hyperinflation mit Aktien sein Vermögen zumindest zum Teil erhalten.

Der Hundert Billionen Mark Geldschein

Zum Höhepunkt der Inflation, am 2. Dezember 1923, wurde ein Dollar zu 4,21 Billionen Reichsmark gehandelt. Bereits am 25.Oktober des gleichen Jahres hatte die Reichsbank die Hundert Billionen Mark Note herausgebracht, der höchste je in Deutschland ausgegebene Geldschein. Kurze Zeit später wurde eine neue Währung, die Rentenmark, geschaffen. Es hieß, die neue Währung sei gedeckt durch den Grundbesitz der Industrie und der Landwirtschaft. Das war natürlich Fiktion, kein Unternehmer oder Bauer hätte sein Vermögen für Geld gegeben. Aber es wirkte, die Deutschen sehnten sich nach Stabilität und vertrauten der neuen Währung. Gewinner waren jetzt alle, die hoch verschuldet waren. Allen voran der Staat. Gemäß dem Grundsatz „Mark = Mark“ konnten Kredite, die bei einem stabilen Kurs aufgenommen worden waren, mit entwerteter Währung zurückgezahlt werden. Kriegsschulden des Staates in Höhe von 154 Milliarden Mark beliefen sich, als am 15. November 1923 die neue Währung Rentenmark eingeführt wurde, auf gerade einmal 15,4 Pfennige. Wer sich etwa 1921 für ein Haus oder anderweitigen Grundbesitz verschuldet hatte, der war über Nacht seine Schulden los.

Die Deutschen überschätzen die Risiken einer Inflation

Durch die Währungsreform wurde die Hyperinflation beendet. Ab Oktober 1924 galt die neue Reichsmark und die berühmten Goldenen Zwanziger Jahre bescherten Deutschland einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Bis die Weltwirtschaftskrise einsetzte, die durch den Zusammenbruch der Börse in New York im Jahr 1929 ausgelöst wurde und auch die Weimarer Republik erfasste. Allerdings herrschte während der Wirtschaftskrise keine Inflation, sondern eine Deflation. Die Verbraucherpreise gingen zurück, weil die Unternehmen wegen der hohen Arbeitslosigkeit ihre Waren nicht mehr loswurden und darauf mit Preisnachlässen reagierten. Im Bewusstsein der Deutschen sind interessanterweise beide Krisen der Zwischenkriegszeit zu einer einzigen verschmolzen. Die besondere Sensibilität beim Thema Inflation hat darin vermutlich seine Ursache. Das führt dazu, dass die Risiken einer Inflation tendenziell überschätzt und die Risiken einer Deflation unterschätzt werden.

Die EZB kennt die Risiken einer Deflation

Glücklicherweise schätzt die EZB die Risiken der Deflation richtig ein. Die Geldpolitik der letzten Jahre ist im Wesentlichen darauf ausgerichtet diese zu verhindern. Das Risiko einer steigenden Inflation wird dabei bewusst in Kauf genommen. Trotzdem wird es nicht zur Einführung einer 10.000 Euronote kommen. Ganz im Gegenteil. Der 500 Euro-Schein wird ja bereits nicht mehr neu gedruckt und es mehren sich die Stimmen, die auch den 200er und 100er Euroschein gerne abschaffen würden. In Europa ist Deutschland noch eine kleine Insel der Bargeldzahler, aber auch hier werden alternative Zahlungsmethoden immer beliebter. Jeder sollte sich, besonders im Rückblick auf das Jahr 1923, darüber bewusst sein, das Bargeld eben nicht geprägte Freiheit, sondern nur bedrucktes Papier ist.

Empfehlen Sie unseren Artikel Ihren Freunden