Hedgefonds – Geier der Börse?

Am Ende stand im Januar für den Hedgefonds Melvin Capital ein Verlust von 53 Prozent seines Vermögens in den Büchern. Nur durch eine Kapitalspritze in Höhe von 2,75 Milliarden Dollar durch andere Hedgefonds konnte das Unternehmen vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Die online-community in reddit Foren wie r/wallstreetbets jubelte. Wie bei David gegen Goliath hatten die Kleinanleger den Profis die Stirn geboten und gingen – zumindest vorerst – als Sieger vom Platz. Dabei war die Rollenverteilung von vornherein klar. Auf der einen Seite die „guten“ Kleinanleger, auf der anderen Seite die „bösen“ kapitalstarken Hedgefonds. So einfach und doch so falsch. Denn Melvin Capital wurde das Opfer einer online Graswurzelbewegung, die sich auf das Geschäftsmodell der Hedgefonds eingeschossen hatte.

Der Hedgefonds

Hedgefonds sind eine besondere Form von Investmentfonds, die auf alternativen Anlagestrategien beruhen. In Deutschland ist für Privatanleger eine Investition in diese Fonds erst seit 2004 möglich. Manche Hedgefonds versprechen ihren Anleger enorm hohe Gewinne, zugleich ist aber auch das Verlustrisiko überdurchschnittlich hoch. Ursprünglich wurden Hedgefonds nicht für Privatanleger, sondern für institutionelle Anleger geschaffen. Der Name setzt sich aus dem englischen Wort für „absichern“, „to hedge“ und dem Fonds zusammen. Bei den riskanten Anlagestrategien nutzen diese Fonds sehr häufig Leerverkäufe. Sie gehen short, wie es an der Börse heißt, und wetten auf einen fallenden Kurs.

Der Leerverkauf

Bei einem Leerverkauf kauft der Hedgefonds die entsprechenden Aktien vorerst gar nicht, er leiht sie sich nur und bezahlt dafür eine Gebühr. Gleichzeitig verkauft er diese geliehenen Aktien aber zum aktuellen Kurs sofort weiter. Der Leerverkäufer besitzt im Moment des Verkaufs kein Eigentum an den von ihm verkauften Aktien. Er verkauft somit „leer“. Er verpflichtet sich allerdings, die geliehenen Aktien zu einem festgelegten späteren Zeitpunkt  zurückzugeben. Er wettet also darauf, dass die Aktien an dem Tag, an dem er sie selbst kaufen muss, billiger geworden sind. Die Spanne zwischen dem von ihm sofort erzielten Erlös durch den Weiterverkauf und dem späteren Kaufpreis, den er selbst zahlen muss, ist abzüglich der Leihgebühr sein Gewinn. Wenn die Wette denn aufgeht.

Die „Geier“ der Finanzbranche

Short Seller und Hedgefonds sind in der Öffentlichkeit nicht übermäßig beliebt. Häufig werden sie als „Geier“ oder „Finanzhaie“ verschrien. Gerade in Krisenzeiten kommen immer wieder Forderungen hoch, den Leerverkauf generell zu verbieten. Denn Short Seller haben eine vergleichsweise große Marktmacht und drücken Kurse nach unten. Häufig wird ihnen vorgeworfen sie würden den Markt zu stark nach unten treiben und damit die „Normalanleger“ schädigen. Mitunter wird ihnen auch Marktmanipulation durch das Streuen von Gerüchten, die einen Kurseinbruch unterstützen, vorgeworfen. Dabei ist sich die Forschung einig. Leerverkäufe sind für das reibungslose Funktionieren eines Marktes unverzichtbar. Sie sorgen für notwendige Liquidität im Markt und ermöglichen es dem Anleger nicht nur auf steigende, sondern auch auf fallende Kurse zu handeln. Gerade in Boomphasen an den Märkten wirken Leerverkäufe kursdämpfend. Im letzten Jahr waren es die Hedgefonds, die durch ihre Short-Wetten den Wirecard Skandal aufdeckten. Sie tragen dazu bei, den Markt von schwachen, nicht mehr funktionierenden Geschäftsmodellen zu bereinigen und stärken ihn gleichzeitig, indem sie ihre Gewinne in „gute“ Aktien investieren. Insofern ist der Vergleich mit einem Geier, der das gleiche in der Natur erledigt, zutreffend.

Gamestop ist ein ideales Ziel

Melvin Capital hatte mit Leerverkäufen auf einen fallenden Kurs der Gamestop-Aktie gesetzt. Gamestop ist der größte Computerspielhändler der Welt. Filialen finden sich in jeder größeren Stadt, häufig in Einkaufszentren. Das Geschäftsmodell gilt jedoch als überholt, denn der Händler setzte vor allem auf den An- und Verkauf von Computerspielen als physische Datenträger. Den Trend zu digitalen Downloads hat das Unternehmen verschlafen. Die Aktie befindet sich seit Jahren in einem stetigen Abwärtstrend. Der Tiefpunkt des Kurses wurde im letzten Jahr erreicht, als die Aktienpreise auf teilweise unter 3 US-Dollar fielen. Das 1984 von zwei Harvard-Business-School-Absolventen gegründete Unternehmen steht schon lange mit dem Rücken zur Wand. Das ideale Ziel für Hedgefonds.

Die Yolos übernehmen

In den entsprechenden online Foren sind solche Aktien häufig Thema. Gerade in dem Forum r/wallstreetbets geht es nicht um das Investieren, sondern um „alles oder nichts Strategien“. Das Hauptthema ist der Handel mit Aktienoptionen, also mit Wetten darauf, ob und wann ein bestimmter Aktienkurs steigt oder fällt. Yoloing heißt es, wenn dann jemand auch noch seine kompletten Ersparnisse auf eine einzige dieser heiklen Wetten setzt. Man lebe ja schließlich nur einmal – you only live once, abgekürzt Yolo. Als die Zocker gemerkt haben, das auf der Aktie von Gamestop viele Kaufoptionen lagen, entstand wohl die Idee es den „großen“ der Branche einmal zu zeigen. Bereits im September 2020 wies ein Nutzer auf die Short-Positionen hin  und rief zur Attacke auf die Hedgefonds. Das r/wallstreetbets-Forum hat mehrere Millionen Mitglieder und nicht wenige fingen an Gamestop Aktien zu kaufen. Der Kurs fing an zu steigen.

Der Short Squeeze

Der Kurs von Gamestop stieg von 2,57 auf zeitweise 483 Dollar. Steigende Kurse sind Gift für die Strategie der Short Seller. Neben Melvin Capital hatten sich einige Hedgefonds auf Gamestop eingeschossen. Die waren nun gezwungen ebenfalls Aktien zurückzukaufen. Wenn jedoch viele Leerverkäufer gleichzeitig das Wertpapier zurückkaufen wollen kommt es zu einem Nachfrageüberhang. Der Short Squeeze (Knappheit) lässt den Aktienkurs nahezu ungebremst steigen. Auf einmal ging es nicht mehr um eine Aktion von wenigen Zockern, sondern es erreichte fast ideologische Züge. Die „bösen“ institutionellen Anleger mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, so lautete das Ziel der online Community. Neben Gamestop traf es auch die Aktien von Nokia, AMC Entertainment oder Blackberry.

Nützliche „Idioten“

Vermutlich steigen immer noch viele Kleinanleger bei diesen Aktien ein. Sie sind die „nützlichen Idioten“ und stabilisieren derzeit den Kurs.  Die große Mehrheit wird ihr Geld verlieren. Denn wertlos bleibt wertlos. Die Initiatoren dieser Welle sind vermutlich schon lange ausgestiegen und haben ihren Schnitt gemacht. Der Aktienmarkt ist effizient und langfristig setzt sich der faire Wert einer Aktie durch. Man hat die Hedgefonds etwas geärgert, einige haben viel verloren aber in Zukunft werden sie vorbereitet sein und ihre Strategien anpassen. Privatanleger sollten mit Aktienempfehlungen in online Foren vorsichtig sein. Geier gibt es nicht nur bei Hedgefonds, auch bei r/wallstreetbets ziehen Finanzhaie ihre Runden. Dabei wollen alle nur ihr bestes – ihr Geld.

 

 

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