Der Erfolg von Investmentlegende Warren Buffett beruht nach eigener Aussage auf einer ganz einfachen Anlagestrategie. Regel eins lautet: Verliere niemals Geld. Regel zwei lautet: Vergiss nie Regel eins. Der mittlerweile 89-jährige Investor ist mit seiner Anlagestrategie reich geworden. Er zählt zu den erfolgreichsten Anlegern der Welt. Über seine Investmentfirma Berkshire Hathaway ist er an etwa 90 Firmen unterschiedlichster Branchen beteiligt. Die Firma hält etwa Anteile an Apple, Coca-Cola oder dem Ketchup-Hersteller Kraft Heinz. Warren Buffet gilt als einer der bekanntesten und erfolgreichsten Value-Investoren.

Die inneren Werte zählen

Als Begründer und Vater des Value Investing gilt der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Investor Benjamin Graham. Zusammen mit David Dodd veröffentlichte er 1934 das Standardwerk „Security Analysis“. Der klare Fokus auf Value, englisch für Wert, besagt, dass allein die Bewertung eines Unternehmens entscheidend für eine Kaufentscheidung ist. Investiert wird nur, wenn der aktuelle Aktienkurs deutlich unter dem ermittelten Wert des Unternehmens liegt. Dieser Prozess wird im Falle von Aktien auch als Stock Picking bezeichnet. Dazu versucht man den inneren Wert der betrachteten Wertpapiere mithilfe der Fundamentalanalyse zu ermitteln. Im traditionellen Value Investing werden oft nur einfache Bewertungskennzahlen betrachtet und Aktien nach KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) oder KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) bewertet. Beim Value Investing handelt es sich um eine aktive Anlagestrategie.

Buy and Hold

Das Value Investing impliziert eine langfristig ausgerichtete Buy and Hold-Strategie. Einmal gekauft, wird das Investment durchgehalten, bis das Ziel erreicht ist. Es handelt sich um einen konservativen Investment-Ansatz. Kurzfristige Spekulation auf Kursbewegungen findet nicht statt. Value Investing setzt auf nachhaltige Wertentwicklung im Zeitablauf. Anhänger dieser Anlagestrategie glauben nicht an die strenge Form der Effizienzmarkttheorie. Sie sind vielmehr der Überzeugung, dass es bei der Kursbildung Ineffizienzen gibt. Sie führen dazu, dass der Kurs unter Umständen nicht den „wahren“ oder „inneren Wert“ einer Aktie widerspiegelt. Erst im Zeitablauf tendiert die Kursbildung zum richtigen Wert. In den letzten Jahrzehnten hat Warren Buffet dabei häufig auf die richtigen Aktien gesetzt. Sein aktuelles Vermögen wird auf 61,65 Milliarden Euro geschätzt. Sein Vermögen steckt im Wesentlichen in seiner Investmentfirma Berkshire Hathaway. Das Unternehmen gilt als eines der wertvollsten börsennotierten Unternehmen der USA. Eine einzelne Aktie kostet aktuell 259.217 USD.

Eigentlich ist Krise ideal für Value-Investoren

Aber spätestens seit der Corona-Pandemie steckt die Value Anlagestrategie in der Krise. In der Corona-Krise verloren typische Value Aktien deutlich mehr an Boden als der Börsendurchschnitt. Dabei waren die letzten 10 Jahre schon schwierig. Nach einer Auswertung der Financial Times haben solche Titel in den vergangenen zehn Jahren seit der Finanzkrise nur etwas mehr als halb so gut abgeschnitten wie der US-Leitindex S&P 500. Eigentlich ist eine solche Krise der ideale Zeitpunkt für Value Investoren zuzugreifen. Gute Aktien zu Schnäppchen-Preisen kaufen ist schließlich der Grundsatz dieser Strategie. Davon sollte es derzeit einige geben. Aber die bekannten Value Investoren, allen voran Warren Buffett, üben sich in Zurückhaltung. Dabei verfügt Berkshire Hathaway über eine freie Liquidität von 137 Milliarden Euro. Das ist so viel wie das Bruttosozialprodukt der 50 ärmsten Staaten der Welt zusammengenommen. Von dem Geld könnte Buffet sich gerade Siemens und BMW kaufen und hätte noch immer einige Milliarden übrig. Doch er lässt das Geld auf dem Konto von Berkshire Hathaway liegen. Im Gegenteil, anstatt die scheinbar günstige Gelegenheit des Corona-Crashs zu nutzen, will er nur weiter raus aus dem Markt. Value Investoren scheinen verunsichert zu sein.

Die Value Falle

Denn die Veränderungen in den Wertschöpfungsketten, allen voran die Digitalisierung, verändern die Regeln der Geldanlage. Allen voran die FAANG-Gruppe (Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google) lieferte erstaunliche Unternehmenszahlen. Diese sind jedoch nach klassischen Bewertungskennzahlen für Value-Investoren hoffnungslos überteuert. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis lag bei ihnen im Schnitt in den vergangenen fünf Jahren bei 65. Amazon kommt aktuell auf einen KGV von 93, Microsoft liegt bei 33, Facebook bei 30, Alphabet bei 26 und Apple bei 24. Konservative Value Investoren bekommen bereits bei einem KGV von 20 Schnappatmung und feuchte Hände. Deren Welt waren bis jetzt Unternehmen der produzierenden Industrie mit hohen Dividendenausschüttungen. Doch mittlerweile ist dort ein niedriges KGV häufig kein Schnäppchenalarm, sondern ein Hinweis auf ein veraltetes Geschäftsmodell. Value Investoren, die ihre Messmethoden nicht aktualisieren, sitzen in der Value Falle. Die Geschäftsmodelle der Zukunft müssen, so viele Beobachter, nach anderen Maßstäben bewertet werden.

Warnsignal oder Unverständnis?

Warren Buffet ist ein Value Anleger der alten Schule. Er mag es, wie viele konservative Anleger, traditionell. Sein Vermögen machte er mit handfesten Unternehmen, Investitionen in Versicherungskonzernen und Eisenbahnfirmen, aber auch Konsumgüter-Herstellern wie Coca-Cola. Technologiefirmen mied er dagegen lange. Erst im Frühjahr 2016 stieg er groß bei Apple als Investor ein. Mittlerweile ist seine Investmentfirma mit einem Anteil von 5,6 Prozent der zweitgrößte Apple-Aktionär der Welt. Er selbst stieg erst im Februar dieses Jahres auf ein modernes Smartphone um. Erst in diesem Jahr tauschte er sein altes Klapphandy gegen ein iPhone 11 ein. Dabei stammt von ihm das bekannte Börsenzitat: „Investiere niemals in ein Geschäftsmodell, das du nicht verstehst“. Seine Anhänger interpretieren seine derzeitige Kaufzurückhaltung als ein Warnsignal, dass ein zweiter Börsenrückschlag droht. Für sie ist sein defensives Anlageverhalten lediglich kluges Abwarten. Schließlich ist er für seine Bewunderer das „Orakel von Omaha“. Seine Kritiker dagegen sehen einen großen alten Mann, dessen Zeit vorbei zu sein scheint und der die neue Börsenwelt nicht mehr versteht. Wer richtig liegt und ob „Value“ neu bewertet werden muss, werden wir vermutlich noch im Laufe dieses Jahres erfahren.

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