Manchmal agieren Finanzmärkte irrational. John Maynard Keynes sprach bereits in seinem Standardwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ von 1936 von den „Animal Spirits“ (animalische Instinkte), welche als irrationale Elemente auf das Wirtschaftsgeschehen Einfluss nehmen. Wenn es extrem wird, übernimmt ein archaisches Steuerungsprogramm das Kommando über den menschlichen Körper. Der Fluchtinstinkt übernimmt dann die Herrschaft. Wenn alle verkaufen, verkauft man besser auch. Unabhängig davon, ob es gerade eine gute Idee ist oder nicht. In den ersten Wochen der Corona-Krise konnte man das an den Börsen weltweit sehr gut beobachten. Für einige Zeit agierten die Märkte im Panikmodus.

Die Stunde der „Market-Timer“

Gerade in Phasen, in denen die Nervosität an den Märken zunimmt und die Volatilität (Schwankung) steigt, kommt die Stunde der „Market-Timer“. Vor dem großen Crash aus dem Markt aussteigen und dann genau beim Tiefpunkt günstig wieder einkaufen. So lautet das Credo der Anhänger. Klingt ja auch verlockend einfach. Leider sieht die Realität ganz anders aus. Führende Ökonomen halten die Frage nach dem richtigen Timing sowieso für überflüssig. Wenn man meint, dass man Aktien besitzen muss, dann ist es egal, wann man einsteigt. Den optimalen Kaufzeitpunkt erwischt sowieso niemand. Zumindest nicht geplant. Investorenlegende Warren Buffet bringt es wie so häufig treffend auf den Punkt. „Der dümmste Grund eine Aktie zu kaufen, ist, weil sie steigt und der dümmste Grund eine Aktie zu verkaufen ist, weil sie fällt.“ Mit anderen Worten, man soll seine Aktien nicht kopflos kaufen oder verkaufen, nur weil die Anleger-Masse, in die eine oder andere Richtung rennt.

Nur wenige Tage entscheiden über den Erfolg

Denn in der Regel entscheiden in einem Börsenjahr, mit rund 250 Handelstagen, nur 3 bis 5 Tage über einen Erfolg oder Misserfolg. Wenn man zum richtigen Zeitpunkt einsteigen möchte, müsste man jedes Jahr diese fünf Tage genau treffen. H. Nejat Seyhun, Professor an der University of Michigan, hat 7802 Handelstage von 1963 bis 1993 untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass in diesen 30 Jahren gerade mal 90 Tage 95 Prozent der Rendite generierten. Das sind im Schnitt sogar nur drei Tage pro Jahr. Jedes Mal, wenn man den Markt verlässt, geht man somit das Risiko ein, genau diese drei Tage zu verpassen. Für den perfekten Einstieg hat man damit praktisch eine Trefferquote von lediglich 3 zu 247.

Ein „närrisches Unterfangen”

Nur wenn ein Anleger im Vergleich zu anderen Marktteilnehmern Zugang zu besseren Informationen hat, kann er anderen voraus sein und Marktentwicklungen richtig vorhersagen. Privatanleger haben allerdings selten Zugang zu solchen Informationen und auch institutionelle Anleger scheitern regelmäßig dabei, der Informationseffizienz auf den Kapitalmärkten einen Schritt voraus zu sein. Hinzu kommt, auch das zeigen viele Untersuchungen, dass gerade private Anleger bei einer negativen Marktentwicklung anfangen, ihre gesamte Depotallokation in Frage zu stellen. Dabei folgt jeder Korrektur früher oder später eine deutliche Erholung. Anleger werden zu schnell nervös und nach anfänglichem Zögern, Verluste zu realisieren, verkaufen sie dann doch am Tiefpunkt einer Flaute. In der Regel steigen sie erst dann wieder ein, wenn sich der Markt bereits wieder erholt hat. Der Ökonom und Nobelpreisträger Robert Merton bezeichnete Market-Timing gerne als „närrisches Unterfangen”.

Geduld ist die oberste Tugend

Warren Buffet steht dagegen seit Jahrzehnten erfolgreich für den „Buy and hold“-Ansatz. Der Grundgedanke dahinter ist es, nach vorgenommener Streuung der Anlagen im Sinne der Portfoliotheorie auf den Versuch zu verzichten, durch Umschichtung des Portfolios einen Zusatzertrag zu erwirtschaften. Denn nur weil man Aktien jederzeit handeln kann, heißt das nicht, dass man das auch tun muss oder soll. Man sollte sich darauf besinnen, dass man sich an einem Unternehmen beteiligt, als würde man in eine GmbH einsteigen und dort Anteile erwerben. Die kann man auch nicht tagesaktuell kaufen oder verkaufen. Geduld ist die oberste Tugend des erfolgreichen Investors.

Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen

Ernsthafte und langfristig orientierte Anleger sollten sich immer an den legendären Satz des SPD-Urgesteins Herbert Wehner erinnern. „Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen“, rief er in einer Debatte 1975 einigen CDU Abgeordneten hinterher, die aus Protest auf seine Rede hin das Plenum verließen. Auch wenn Herbert Wehner nicht als Finanzinvestor in Erinnerung geblieben ist, mit dieser Feststellung hatte er zweifelsohne Recht. Wobei eine Rückkehr durch die Tür des Bundestages einfacher und preiswerter ist, als eine erfolgreiche Rückkehr in den Finanzmarkt. Den hinausstürmenden CDU-Abgeordneten rief er dann noch hinterher: „Ich sage Ihnen Prost, weil Sie wahrscheinlich dahin gehen.“ Dieser Aufforderung können Anleger in solchen unruhigen Zeiten durchaus Folge leisten. Es muss ja kein Bier der Marke Corona sein, ein guter Rotwein hilft manchem auch, die innere Ruhe zu finden.