Im Judentum ist der Sabbat der siebte Wochentag, ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Seine Einhaltung ist eines der Zehn Gebote. Wie alle Tage im jüdischen Kalender beginnt der Sabbat am Abend und dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag. Der Abend beginnt, wenn man einen grauen Wollfaden nicht mehr von einem blauen unterscheiden kann. Als Hexensabbat oder Teufelstanz bezeichneten die Hexentheoretiker in der Frühen Neuzeit ihre Vorstellung eines regelmäßigen, geheimen Treffens sogenannter Hexen mit dem Teufel an einem bestimmten, meist abgelegenen Ort, dem sogenannten Hexentanzplatz. Viermal im Jahr kommt es an den drei weltweit wichtigsten Derivatebörsen zum großen Hexensabbat. An jedem dritten Freitag im letzten Monat eines Quartals treffen sich dann die Hexen zum Tanz an der Börse und sorgen häufig für hektische Ausschläge im Wertpapierhandel.

Normalerweise ist dieser Tag an den Börsen gefürchtet, führt er doch dazu, dass es immer wieder zu spektakulären Kurs-Kapriolen bei ungewöhnlich hohen Umsätzen kommt. Ursache dieses Phänomens ist der “dreifache Verfallstag”. An diesen Tagen verfallen an der Eurex, dem Terminmarkt der Deutschen und Schweizer Börse, gleichzeitig der Future auf den Dax, die Optionen auf den Dax und die Optionen auf Aktien. Dabei handelt es sich um Termingeschäfte, einer Art Wette auf den zukünftigen Verlauf der Indizes beziehungsweise Aktien. Am letzten Freitag war es wieder soweit, doch so richtig wollte keine Tanzstimmung aufkommen. Es war ein vergleichsweise ruhiger Hexensabbat. Der Dax startete zwar mit leichten Abschlägen in den Handelstag, konnte sich aber über der 12.000er Marke halten. Nach der positiven Kursreaktion auf die Zinserhöhung in den USA und den verträglichen Wahlausgang in den Niederlanden warten alle auf den Augenblick, an dem der deutsche Leitindex seine Bestmarke von 12.390,75 Punkten aus dem April 2015 endlich wieder überspringt. Das Umfeld für die Aktienmärkte ist dabei weiterhin gut. Eine positive Wirtschaftsdynamik, steigende Unternehmensgewinne, eine weiterhin expansive europäische Notenbank sowie ein schwacher Euro sind mittelfristig die Gründe für den Auftrieb.

Natürlich melden sich in einem solchen Umfeld auch vermehrt die Mahner und „Crash-Propheten“ zu Wort. Für die Dauerpessimisten ist die derzeitige Euphorie an den Börsen nur eine Episode auf dem Weg zur nächsten Krise. Die nötige mediale Aufmerksamkeit ist ihnen in diesen Tagen sicher. Es sind wie immer die üblichen Verdächtigen, die nicht müde werden den baldigen Absturz vorherzusagen. Wer zehn Jahre lang ununterbrochen vom Absturz predigt, hat in dieser Zeit zwangsläufig auch ein- oder zweimal Recht. Dann lässt man sich als „Börsenprophet“ von entsprechenden Medien feiern, tingelt durch sämtliche Talkshows und kann endlich mit ordentlicher Auflage seinen neusten Börsenratgeber veröffentlichen. Der berühmte Börsenexperte und Händler André Kostolany hat in seinem letzten Buch gut zusammengefasst, was davon zu halten ist. „Eigenartigerweise sind die meisten Börsengurus Crashpropheten. Hausse-Gurus gibt es nur wenige. Den Weltuntergang zu predigen, erregt eben mehr Aufsehen.”

Selbstverständlich finden sich auch durchaus seriöse Stimmen, die zur Vorsicht an den Märkten mahnen. Persönlichkeiten vom Schlage eines George Soros, Bill Gross oder den Nobelpreisträger Robert Shiller haben auch durchaus gewichtige Argumente auf ihrer Seite. Vor allem den durch Donald Trump ausgelösten Höhenflug der US-Börse bereitet den Mahnern derzeit Sorge. Ganz von der Hand zu weisen sind ihre Befürchtungen in der Tat nicht. Der neue Präsident hat seiner Wahlklientel viel versprochen, konkrete Umsetzungspläne ist er bis jetzt schuldig geblieben. Das was er umgesetzt hat, wurde teilweise von den höchsten Gerichten in den USA wieder eingesammelt. Entsprechend bröckelt mittlerweile auch die Zustimmung bei seinen Anhängern. Aktuell ist er bei den US-Amerikanern so unbeliebt wie nie – und so unbeliebt wie kein Präsident zu diesem Zeitpunkt seiner Amtszeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Für einen Narzissten wie Donald Trump sind solche Umfrageergebnisse wahrscheinlich schwer zu ertragen.

Rückenwind erhalten die Märkte aber in den letzten Wochen von ganz anderer Seite. Die Politik einer expansiven Geld- und Fiskalpolitik der Notenbanken zeigt langsam die erhoffte Wirkung. Die Inflationsraten steigen seit einigen Monaten weltweit stärker an als erwartet. Die Deflation als größtes Risiko in einem überschuldeten Wirtschafts- und Finanzsystem ist auf dem Rückzug. Sowohl in Europa als auch in den USA wurde die 2-Prozent-Hürde bei der Inflation genommen. Die Geschichte der Kapitalmärkte zeigt immer wieder, dass die Aktienbewertungen stark profitieren, wenn die Inflation von niedrigen Niveaus aus zu steigen beginnt. Denn steigende Inflation bedeutet in aller Regel Rückenwind für Aktien – jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Verschiedene Studien zeigen, dass Aktien am besten abschneiden, wenn die Inflation bei einer Rate von um die fünf Prozent liegt. Steigt die Inflation danach noch weiter, sieht die Sache schnell anders aus. Sehr hohe Inflationsraten haben einen negativen Effekt auf die gesamte Volkswirtschaft. Die Menschen verlieren rapide an Kaufkraft, die Reallöhne halten nicht mehr mit der Inflation schritt, die kalte Progression erhöht die Steuerbelastung. Im Ergebnis sinkt der private Konsum. Das wiederum bekommen die Unternehmen zu spüren. Zusätzlich müssen die Notenbanken ab einem gewissen Punkt die Zinsen erhöhen, um die Geldwertstabilität aufrecht zu erhalten. Steigende Kapitalmarktzinsen jedoch mindern wieder die Attraktivität von Aktien und senken die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Derzeit sind den Notenbanken wegen der weltweit hohen Verschuldung allerdings die Hände gebunden. Sie werden dem Finanzsystem die Droge Liquidität nur sehr zögerlich entziehen um keine größeren Verwerfungen an den Kapitalmärkten zu riskieren. Abgesehen davon, ist es bis zu einer Inflationsrate von fünf Prozent noch ein weiter Weg.

Aktien gehören zu der Anlageklasse, die in einem moderat inflationären Umfeld den realen Wert des Kapitals am besten erhalten können. Allerdings werden nicht alle Aktien in gleicher Weise von steigenden Inflationswerten profitieren. Vor allem die Unternehmen, die steigende Einkaufspreise an ihre Kunden weitergeben können, zählen zu den Gewinnern. Dazu gehörten in der Vergangenheit Technologieunternehmen, Konsumgüterhersteller und Pharmafirmen. In solchen Branchen verfügen viele Unternehmen über eine Preissetzungsmacht. Dagegen leiden Kapitalintensive Branchen wie Versorger, Energie und Telekomwerte aber auch Banken in der Regel bei steigender Inflation. Diese Branchen sollte man bei einer höheren Inflationserwartung entsprechend Untergewichten.

Der nächste Hexensabbat ist wieder am Freitag, den 16. Juni. Bis dahin wird Donald Trump noch viel twittern und die Franzosen werden gewählt haben. Wo die Märkte dann stehen werden, kann zu diesem Zeitpunkt keiner seriös vorhersagen. Dass es bis dahin aber wieder Zinsen auf dem Tages- oder Festgeldkonto gibt, ist nahezu ausgeschlossen. Anleger sollten das berücksichtigen und nicht zu lange warten.

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

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