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Populisten, egal ob von rechts oder links, sind geeint im Kampf gegen die Globalisierung. Im globalen Freihandel liegt der gemeinsame Gegner. In den letzten Monaten haben die Protektionisten wieder einige Erfolge für sich verbuchen können. Freihandel ist dabei vor allem in den Vereinigten Staaten des Donald Trump der Hauptgegner. Im Europa der dreißiger Jahre gab es ebenfalls, ausgelöst durch die schwere Weltwirtschaftskrise, eine Welle nationaler Kaufempfehlungen. „Buy British“, hieß es in England, „acheter français“ in Frankreich und „kauft deutsch“ in Deutschland. Der deutsche Autor und Satiriker Kurt Tucholsky nahm dazu in seinem 1932 erschienen Gedicht „Europa“ auf seine ganz eigene Art Stellung: „laßt die deutsche Landwirtschaft verdienen! Deutsche, kauft deutsche Zitronen!“

Vermutlich kennt Donald Trump die Werke von Tucholsky nicht, allerdings sollte ihm David Ricardo ein Begriff sein. Immerhin studierte er von 1964 bis 1966 Wirtschaftswissenschaften an der jesuitischen Fordham University in New York. Zugegeben, Ricardo‘s Theorie der komparativen Kosten ist nicht so leicht verständlich. Der Nobelpreisträger Paul Samuelson bezeichnete es als ein Theorem, das selbst intelligenten Menschen nicht immer auf Anhieb einleuchtet. Die vom Autodidakt und erfolgreichen Börsenhändler David Ricardo (* 1772, † 1823) entwickelte Theorie besagt, dass sich jedes Land auf Produktion und Export derjenigen Güter spezialisieren sollte, die es mit dem kleinsten absoluten Kostennachteil (relativer komparativer Kostenvorteil) produzieren kann. Seine Theorie gilt vielen als Grundlage des Freihandels. Im Kern besagt die Theorie, dass ein Land auch dann erfolgreich am internationalen Handel teilnehmen kann, wenn es bei allen Produkten Kostennachteile gegenüber anderen Ländern hat. Umgekehrt lohnt es sich auch für Länder, die alle Produkte billiger herstellen können als andere, Handel mit den weniger wettbewerbsfähigen Ländern aufzunehmen und sich zu spezialisieren.

Er erklärte seine Theorie am Beispiel des Handels mit Wein und Tuch zwischen Portugal und England. Angenommen, zwischen beiden Ländern gibt es keine Arbeitsteilung und keinen Handel. Dann stellen beide Länder beide Produkte her. England benötigt für die Produktion von 1000 Rollen Tuch 100 Arbeiter und für die Herstellung von 1000 Fässern Wein 120 Arbeiter. Portugal dagegen kommt mit 90 Arbeitern für 1000 Rollen Tuch und 80 Arbeitern für 1000 Fässer Wein aus. Insgesamt produzieren beide Länder zusammen 2000 Rollen Tuch und 2000 Fässer Wein. Obwohl die Portugiesen bei Wein und Tuch jeweils einen absoluten Kostenvorteil (weniger benötigte Arbeitskräfte) haben, lohnt es sich für sie, sich auf die Produktion von Wein zu spezialisieren und den Briten die Herstellung von Tuch zu überlassen, das sie dann von dort importieren. Der Grund: Die Arbeitskräfte können in der portugiesischen Weinproduktion produktiver (kostengünstiger) eingesetzt werden als in der Tuchproduktion. Umgekehrt benötigt England für die Tuchproduktion weniger Arbeiter (100) als für die Weinproduktion (120).

Wenn sich Portugal auf seine komparativen Vorteile beim Wein konzentriert und die Tuchproduktion aufgibt, können die 90 Arbeiter aus der Tuchproduktion ins Weinsegment wechseln. Sind sie dort ebenso produktiv wie die schon eingesetzten Arbeiter, die pro Kopf 12,5 Fässer produzieren (1000 Fässer geteilt durch 80 Arbeiter), so können sie 1125 Fässer Wein zusätzlich produzieren. Insgesamt stellt Portugal dadurch 2125 Fässer Wein her, 125 mehr als beide Länder zuvor zusammen erzeugt haben. In England dagegen werden die aus der Weinproduktion ausscheidenden 120 Arbeiter in der Tuchproduktion eingesetzt. Bei gleicher Produktivität wie die dort schon arbeitenden Beschäftigten, die 10 Rollen je Kopf erzeugen (1000 Rollen geteilt durch 100 Arbeiter) können sie 1200 Rollen Tuch zusätzlich herstellen. England produziert somit 2200 Rollen Tuch, 200 mehr als beide Länder zuvor zusammen. Indem sich jedes Land auf das Gut spezialisiert, das es relativ zu anderen Gütern im eigenen Land kostengünstiger herstellen kann, lenkt es seine Arbeitskräfte in die produktivste Verwendung. Der Handel mit dem anderen Land sichert dann die Versorgung mit dem selbst nicht mehr produzierten Gut. Auf diese Weise können auch Länder an der internationalen Arbeitsteilung teilnehmen, die in der Produktion aller Güter absolute Kostennachteile gegenüber anderen Ländern haben.

Neben dem Handel lässt sich Ricardo‘s Theorie auf alle Formen der Arbeitsteilung im sozialen und wirtschaftlichen Gefüge der Gesellschaft anwenden. So wäre es beispielsweise unsinnig, wenn ein hochbezahlter Manager, der sowohl schneller schreiben als auch rechnen kann als seine Sekretärin, diese nach Hause schickt und beide Arbeiten selbst erledigt. Sinnvoller ist es, er konzentriert sich auf diejenige Arbeit, bei der sein komparativer Vorteil am größten ist, etwa das Rechnen, und überlässt seiner Sekretärin das Schreiben von Briefen. Am Ende des Arbeitstages haben beide zusammen mehr erledigt, als wenn der Chef alles allein gemacht hätte.

Handel ist kein Nullsummenspiel, bei dem die einen gewinnen, was die anderen verlieren – sondern schafft eine Win-win-Situation. Eigentlich sollte man annehmen, dass es genau das ist, was ein Donald Trump will. Immer auf der Suche nach einem guten „deal“. Wie Ricardo ist auch Trump ein steinreicher Unternehmer, aber anders als Ricardo ist Trump ein schlechter Ökonom. Es ist zu vermuten, dass er, wie viele isolationistischen Protektionisten, die Vorteile des Freihandels nie wirklich begriffen hat. „Freihandel ist als akademische Veranstaltung eine noble Sache“, pflegt Trump zu scherzen.

Am Ende kennt der Freihandel jedoch nur Gewinner. Das heißt aber nicht, dass er zwischenzeitlich keine Verlierer produziert. Ricardo setzt voraus, dass Arbeitskräfte, die in der Branche mit komparativen Nachteilen entlassen werden, sofort einen Job in dem Sektor mit komparativen Vorteilen finden und dort ebenso produktiv sind wie die vorhandenen Arbeiter. Dies setzt eine sehr mobile und flexible Arbeitswelt voraus. Auf die heutige Arbeitswelt ist das nur eingeschränkt zu übertragen.

In den letzten Wochen ist die Rhetorik von Donald Trump bezüglich der diversen Handelsabkommen jedoch etwas gemäßigter geworden. Schließlich befindet er sich nicht mehr im Wahlkampf und er musste vor wenigen Tagen zugeben, „dass Entscheidungen viel schwieriger sind, wenn man hinter dem Schreibtisch im Oval Office sitzt“. Es besteht also Anlass zur Hoffnung, das Trumps Ziel Strafzölle einzuführen und Handelsabkommen aufzukündigen, den gleichen Weg gehen wird, wie seine anderen Ziele. Umgesetzt hat er, glücklicherweise in den Augen vieler Beobachter, bis jetzt noch nicht viel.

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung