“Ein Gespenst geht um in Europa…”

“Ein Gespenst geht um in Europa…”

„Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus.” Der berühmte Eingangssatz des Kommunistischen Manifests, entstanden um die Jahreswende 1847/48, im Laufe der Zeit übersetzt in mehr als hundert Sprachen. Vor genau 200 Jahren, am 05.Mai 1818, wurde der Autor Karl Marx in Trier geboren. Mit seinen Büchern und seinen Ideen über Kommunismus und Sozialismus veränderte er die Welt und kostete in den folgenden Jahrzehnten mehr als 100 Millionen Menschen das Leben. Karl Marx wurde in eine Zeit hineingeboren, die wir heute als die industrielle Revolution bezeichnen. Eine Zeit, in der das Handwerk von Fabriken verdrängt wurde und Industrien entstanden. Er sah mit eigenen Augen, wie die Fabrikbesitzer immer reicher wurden, die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken aber kaum von ihrem Lohn leben konnten.

Im Jahr 2018, 200 Jahre später, ist von der Angst vor dem Kommunismus in Europa nicht mehr viel übriggeblieben. Spätestens seitdem Scheitern des sozialistischen Experiments in der Sowjetunion und ihren europäischen Satellitenstaaten 1989/90 ist es kein Thema mehr. Der weitaus flexiblere Kapitalismus ist als Sieger hervorgegangen. Der für Karl Marx unausweichliche Zusammenbruch des Kapitalismus und die Massenverelendung der Arbeiterklasse ist ausgeblieben. Tatsächlich hat der Kapitalismus, trotz sozialer Unterschiede, vielerorts Wohlstand geschaffen. Derzeit sind beispielsweise 89 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland mit ihrer Arbeit zufrieden oder sehr zufrieden.

In anderen Bereichen dagegen ist die Kritik am Kapitalismus von Karl Marx auch heutzutage noch überraschend aktuell. Marx warnte vor Exzessen im Kapitalismus. Viele Ökonomen sehen solche Exzesse beim Blick auf Managergehälter. Nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung von 2014 verdienen DAX-Vorstände durchschnittlich das 57-fache ihrer Durchschnittsangestellten. An der Spitze liegt demnach VW. Beim krisengeschüttelten Autobauer verdienen Vorstände das 141-fache. Auf Platz zwei folgt die Deutsche Post mit dem 132-fachen. Auf Rang drei liegt Adidas mit dem 116-fachen. Auch in einem anderen Punkt ist die Kapitalismuskritik von Marx überraschend zutreffend. Er warnte davor, dass der Kapitalismus zur Bildung von Oligopolen neige, das heißt das viel Nachfrage auf wenige Anbieter trifft. Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich von 2011 gibt ihm Recht. Demnach kontrollieren 147 Unternehmen 40 Prozent der Weltwirtschaft. Besonders dominant sind Banken und Rentenfonds. „Too big to fail“ (zu groß zum Scheitern) waren dann auch viele Banken in der letzten Finanzkrise, was die Staaten dazu zwang massiv in das Wirtschaftsgeschehen einzugreifen. Nur dadurch konnte 2008 ein vollständiger Zusammenbruch des Finanzsektors verhindert werden.

Durch die letzte Finanzkrise haben die beiden größten Wirtschaftsblöcke der kapitalistischen Welt, die USA und die EU, die Zinsen faktisch abgeschafft. Für Karl Marx war der Zins ein Teil des Mehrwerts, den sich der Kapitalist ungerechtfertigt aneignet. Seit einigen Jahren ist der Zins mittlerweile Geschichte und trotzdem ist der Kapitalismus nicht untergegangen. Allerdings, das merken vor allem die konservativen Sparer in Deutschland, sind die Zeiten wohl endgültig vorbei, in denen man bequem ausschließlich von den Erträgen seines sicher angelegten Vermögens leben konnte. Wer aus Geld derzeit mehr Geld machen will, muss klug investieren.  Allein mit Investitionen in das Sparbuch oder Festgeld kommt man heutzutage nicht mehr weit. Anleger sind gezwungen ihr Geld in sorgfältig ausgewählte Unternehmen zu investieren. An einer Investition in Aktien kommt derzeit kein Sparer mehr vorbei. Karl Marx würde dieser Entwicklung wahrscheinlich positiv gegenüberstehen. Denn als Aktionär wird man schließlich Miteigentümer an den Produktionsmitteln.

Leider bedeutet die Miteigentümerschaft auch, dass man auch an den Risiken beteiligt wird. Dieses Risiko, ausgedrückt durch Kursschwankungen, haben deutsche Sparer erkannt und bewerten es überproportional hoch. Gefürchtet ist alles, was an der Börse gehandelt wird und dessen Kurs fallen kann. Egal ob Anleihe oder Aktien, Börse bedeutet für die Deutschen Kasino. Ein Aktionär wird gleichgesetzt mit einem Spekulanten und weniger als Mitinhaber eines Unternehmens. Eine fatale und auf lange Sicht teure Fehlinterpretation.

Dabei bergen auch Tages- und Festgelder Risiken. Auf den ersten Blick, so die Logik von vielen Anlegern, ist das Kapital in dieser Sparform gesichert. Denn selbst, wenn es keine Zinsen gibt, wird es nicht weniger. Auf dem Kontoauszug ist das in der Tat so, der angelegte Betrag bleibt konstant. Mit der Kaufkraft dagegen sieht es, wegen der Inflation, ganz anders aus. Nahezu unbemerkt zehrt die Inflation im Laufe der Jahre das Vermögen auf. Ein anderes Risiko ist da wesentlich präsenter. Sparer, die 2014 auf der Suche nach Zinsen bei Banken in Zypern gelandet waren, mussten das schmerzhaft erfahren.  Wer sein Konto bei der „falschen Bank“ und mehr als die gesetzlich geschützten 100.000 Euro dort anlegte, hatte im Zweifel das Nachsehen. Denn das kann einen Totalverlust und nicht nur Schwankungen bedeuten. Dieses Risiko wird von vielen konservativen Sparern systematisch und erfolgreich ausgeblendet.

Zugegeben, der Schritt vom Sparbuch-Sparer zum Aktien-Anleger ist nicht einfach. Allerdings ist Nichtstun derzeit keine Alternative. Wer in alten Denkmustern verharrt, wird mit hoher Sicherheit zu den Verlierern gehören. Nur wer anfängt, sich mit alternativen Sparformen auseinanderzusetzen wird langfristig sein Vermögen erhalten.

Als Karl Marx, gemeinsam mit seinem Freund und Förderer Friedrich Engels, in London das Kommunistische Manifest aufsetzte, war die Welt im Umbruch. Die industrielle Revolution steuerte in England auf ihren Höhepunkt zu und veränderte die damals herrschende Klassen-Gesellschaft in ihren Fundamenten. Ganze Gesellschaftsschichten stürzten in die Verelendung, andere, die die Zeichen der Zeit erkannten, wurden vermögend. Aktuell befindet sich die digitale Revolution in ihren Anfängen und verändert das Leben wiederum nachhaltig. In der Arbeitswelt werden in Zukunft wenige Menschen Computern sagen, was diese zu tun haben, aber immer mehr Menschen das tun, was Computer ihnen sagen. Künstliche Intelligenz wird das Leben der Menschen bestimmen. In der Finanzwelt dagegen arrangiert man sich mit einer Welt ohne sicheren Zins. Viele Ökonomen schließen eine Rückkehr zu den Zinsniveaus, die vor der Finanzkrise 2008 herrschten, für lange Zeit aus.

Das Kommunistische Manifest schließt mit dem Aufruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“. Analog dazu will man heute ausrufen „Sparer aller Länder, werdet zu Anlegern“. Denn ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Niedrigzinsen.

Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

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