Zu Beginn der Finanzkrise 2008 appellierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel an die Weisheit der schwäbischen Hausfrau. Dadurch wurde die schwäbische Hausfrau für viele Deutsche zum volkswirtschaftlichen Leitbild für die gesamte Eurozone. Man darf nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben, lautete der Tenor an vielen Stammtischen. Im Blick hatte man dabei die südeuropäischen Nachbarstaaten. Nun ist Angela Merkel promovierte Physikerin und keine Volkswirtin. Aus wahlkampfstrategischer Sicht war dieser Vergleich genial. In der klassischen Wählerschicht der Unionsparteien mit Reihenhaus und Gartenzwerg fiel dieser Vergleich auf fruchtbaren Boden. Mit volkswirtschaftlichem Sachverstand hatte dieser Vergleich allerdings wenig gemein.

Eine lockere Geldpolitik ist gerechtfertigt

Angeblich wurden früher Schwäbinnen im heiratsfähigen Alter von ihren potentiellen Schwiegermüttern mit der Käserinde getestet. Wenn das Mädchen den Käse samt Rinde aß, war sie als Braut zu unfein. Wenn sie die Rinde abschnitt, galt sie als zu verschwenderisch. Zur richtigen schwäbischen Hausfrau war nur das Mädchen geeignet, das die Rinde ganz vorsichtig vom Käse abschabte. Glücklicherweise greift der Europäische Rat nicht auf solche Testmethoden zurück, wenn er den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) auswählt. Denn eines ist sicher, die designierte neue Präsidentin Christine Lagarde hätte die Rinde großzügig abgeschnitten. Beobachter gehen davon aus, dass sie die lockere Geldpolitik ihres Vorgängers beibehalten wird. Erst vor wenigen Wochen hat sie in einem Interview betont, das eine anhaltend lockere Geldpolitik der EZB angesichts der niedrigen Inflation in Europa gerechtfertigt ist.

Der Rentenmarkt reagierte auf die Nominierung sofort

Der Rentenmarkt reagierte sofort auf die Nominierung der 63-jährigen Französin. Die Rendite der deutschen Staatsanleihen ist auf ein bis jetzt historisch einmaliges Tief gefallen. Investoren haben sich sofort mit deutschen Staatsanleihen eingedeckt und so deren Kurs steigen lassen. Spiegelbildlich ist dabei die Rendite der Bonds gesunken. Wer jetzt Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren kauft, bekommt dafür eine negative Rendite von rund minus 0,40 Prozent – pro Jahr. Noch bescheidener fällt das Geschäft bei kürzeren Laufzeiten aus. Einjährige Bundesanleihen rentieren derzeit bei minus 0,80 Prozent. Das heißt, wer heute 10.000 Euro in solche Papiere investiert, bekommt in einem Jahr bei Fälligkeit 9.920 Euro zurück. Dabei ist die Inflation noch nicht einmal berücksichtigt. Erst ab einer Laufzeit von zwanzig Jahren dreht die Rendite der Bundesanleihen minimal in den positiven Bereich. Für Zinssparer werden die Zeiten nicht einfacher. An dieser Stelle sollte man sich noch einmal vergegenwärtigen, dass ein 20 Jahre laufender Sparplan auf den Deutschen Aktienindex im ungünstigsten Fall eine jährliche Rendite von 4,7 Prozent erbrachte.

Die Zinsen bleiben auf lange Zeit niedrig

Mit dieser Nominierung sollte jedem klar sein, die Zinsen bleiben niedrig und werden vermutlich nie mehr nennenswert ansteigen. Zumindest so lange nicht wie es den Euro gibt. Eine Rückabwicklung des Euros und die Rückkehr zu Nationalwährungen ist allerdings derzeit illusorisch und würde vermutlich zum Zusammenbruch des Euroraums führen. Je länger jedoch die lockere Geldpolitik vorherrscht, desto schwieriger wird eine Erhöhung der Zinsen durch die Notenbank. Denn die Schuldentürme fast aller europäischen Staaten wachsen mit jedem Jahr munter weiter. Selbst die wirtschaftlich starke Bundesrepublik Deutschland wird ihre derzeitige Politik der schwarzen Null nicht ewig durchhalten. Spätestens bei einer stärkeren wirtschaftlichen Eintrübung wird sich auch Deutschland wieder stärker verschulden müssen. Für viele Ökonomen ist der point-of-no-return bei der Zinspolitik schon länger überschritten.

Schulden sind wichtig

In einer modernen Volkswirtschaft sind Schulden wichtig. Denn es ist unmöglich, dass alle sparen und sich niemand gleichzeitig verschuldet. Selbst schwäbische Sparkassen können der Hausfrau nur dann Zinsen auf ihrem Sparbuch gutschreiben, wenn sie die Einlagen an andere Kunden verleihen. Gesamtwirtschaftlich, das ist einer der volkswirtschaftlichen Grundzüge, kann man nicht sparen. Wenn alle Teilnehmer einer Volkswirtschaft sparen wollen und niemand Schulden machen will, gibt es auch niemanden, der das gesparte Geld haben will. Bei Nullzinsen auf Sparbüchern oder Festgeldern ergibt sich allerdings ein anderes Problem. Für viele konservative Sparer ist ein Sparbuch oder Festgeldkonto nach wie vor die einzig denkbare Sparform. Da die Bank keine Zinsen mehr zahlt, spart man sich den Weg zur Bank. Das Geld verbleibt unter dem heimischen Kopfkissen oder im Tresor. Dann spart man jedoch nicht, sondert hortet sein Geld. Sein Geld zu horten ist allerdings für jede Volkswirtschaft eine Gefahr. Denn das Geld wird dadurch dem Wirtschaftskreislauf entzogen.

Investieren anstatt zu sparen!

Anstatt ihr Geld zu horten sollten verantwortungsbewusste Sparer ihr Geld investieren. Denn in der Vergangenheit reichte die Bank die Sparguthaben als Kredit an Unternehmen weiter. Diese investierten das geliehene Geld und schafften damit die Nachfrage an Gütern und Produkten, die den Wirtschaftskreislauf brummen lassen. Heutzutage kann jeder sein Geld problemlos direkt in Unternehmen investieren. Eine Bank braucht man zum Sparen schon lange nicht mehr. Durch den Kauf einer Aktie wird man Mitunternehmer und profitiert direkt von der Wertschöpfung der Unternehmen. In der Vergangenheit hat die Bank einen Großteil der Rendite für sich vereinnahmt. Im Gegenzug natürlich auch das Risiko getragen und einen garantierten Sparzins angeboten. Diese Zeiten sind jedoch endgültig vorbei. Durch die europafreundliche Juristin Lagarde wird sich an den Rahmenbedingungen nichts ändern. Auch Sie wird „whatever it takes“ umsetzen, um den Euro und damit letztendlich die Europäische Union zu erhalten. Zu den Gewinnern dieser Politik, das haben die letzten Jahre bereits gezeigt, gehören eindeutig die Investoren und nicht die Sparer.

Die Rinde besser großzügig wegschneiden

Übrigens ist es heutzutage durchaus sinnvoll und gesünder die Rinde, die den Käse umgibt großzügig wegzuschneiden. Denn häufig wird die Käserinde nachträglich mit Natamycin behandelt. Das schützt zwar den Käse vor Schimmelbefall, ist aber schlecht für die Gesundheit der Käseliebhaber. Unbehandelten Käse zu finden ist aber heutzutage fast genauso schwer, wie ausreichend hohe Zinsen zu erhalten oder eine typisch schwäbische Hausfrau zu finden.

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