Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen“, das wusste auch schon das SPD-Urgestein Herbert Wehner. Mit diesem legendären Spruch kommentierte er einen Ordnungsruf durch die damalige Bundestagspräsidentin Frau Renger, als einige CDU Abgeordnete während einer Debatte 1975 aus Protest auf seine Rede das Plenum verließen. Mit dieser Feststellung hatte er zweifelsohne Recht. Eine Rückkehr durch die Tür des Bundestages ist für Abgeordnete in der Regel einfach möglich. Anders sieht es jedoch bei Anlegern aus, die in Erwartung anstehender Verluste aus dem Markt ausgestiegen sind. Die Statistik und auch die Forschung sprechen eine eindeutige Sprache. Nur die allerwenigsten Anleger schaffen es, innerhalb einer längeren Anlageperiode den optimalen Aus- beziehungsweise Einstiegszeitpunkt im Markt zu erwischen. Kurioserweise weiß es auch fast jeder Anleger, trotzdem fallen immer wieder viele, auch erfahrene Investoren, in dieses Verhaltensmuster zurück. Wenn es trotzdem einmal gelingt, ist es in der Regel Glück.

Dann kommt die Stunde der „Markettimer“

Gerade in Phasen in denen die Nervosität an den Märken zunimmt und die Volatilität (Schwankung) steigt, kommt die Stunde der „Markettimer“. Vor dem großen Crash aus dem Markt aussteigen und dann genau beim Tiefpunkt günstig wieder einkaufen. So lautet das Credo der Anhänger. Klingt ja auch verlockend einfach. Leider sieht die Realität ganz anders aus. Führende Ökonomen halten die Frage nach dem richtigen Timing sowieso für überflüssig. Wenn man meint, dass man Aktien besitzen muss, dann ist es egal, wann man einsteigt. Den optimalen Kaufzeitpunkt erwischt sowieso niemand. Zumindest nicht geplant. Investorenlegende Warren Buffet bringt es wie so häufig treffend auf den Punkt. „Der dümmste Grund eine Aktie zu kaufen, ist, weil sie steigt und der dümmste Grund eine Aktie zu verkaufen ist, weil sie fällt.“ Mit anderen Worten, man soll seine Aktien nicht kopflos kaufen oder verkaufen, nur weil die Anleger-Masse in die eine oder andere Richtung rennt.

Charts sind nur eine grafische Veranschaulichung von Kursen

Vor allem bei den Anhängern der Charttechnik ist das Market-timing weitverbreitet. Charts sind nichts weiter als die grafische Veranschaulichung von Kursen, deren Deutung keine Überrendite bringt, sagen die Forscher. Aber auch von der Fundamentalanalyse dürften sich Anleger nicht blenden lassen. Wissenschaftlich ist nicht nachzuweisen, dass Anleger durch die Analyse von Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert oder Dividendenrendite besser abschneiden. Höchstens in bestimmten Phasen funktioniere eine solche Strategie, in welcher Phase jedoch, das lässt sich erst im Nachhinein sagen. In der Forschung besteht Einigkeit darüber, das ständiges Rein und Raus keine höhere Rendite bringt. Ganz im Gegenteil, die Transaktionskosten schmälern die Gewinne.

Nur wenige Tage entscheiden über den Erfolg

In der Regel entscheiden in einem Börsenjahr, mit rund 250 Handelstagen, nur 3 bis 5 Tage über einen Erfolg oder Misserfolg. Wenn man zum richtigen Zeitpunkt einsteigen möchte, müsste man jedes Jahr diese fünf Tage genau treffen. H. Nejat Seyhun, Professor an der University of Michigan, hat 7802 Handelstage von 1963 bis 1993 untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass in diesen 30 Jahren gerade mal 90 Tage 95 Prozent der Rendite generierten. Das sind im Schnitt sogar nur drei Tage pro Jahr. Jedes Mal, wenn man den Markt verlässt, geht man somit das Risiko ein, genau diese drei Tage zu verpassen. Für den perfekten Einstieg hat man damit praktisch eine Trefferquote von lediglich 3 zu 247.

Privatanleger werden zu schnell nervös

Nur wenn ein Anleger im Vergleich zu anderen Marktteilnehmern Zugang zu besseren Informationen hat, kann er anderen voraus sein und Marktentwicklungen richtig vorhersagen. Privatanleger haben allerdings selten Zugang zu solchen Informationen und auch institutionelle Anleger scheitern regelmäßig dabei, der Informationseffizienz auf den Kapitalmärkten einen Schritt voraus zu sein. Hinzu kommt, auch das zeigen viele Untersuchungen, dass gerade private Anleger bei einer negativen Marktentwicklung anfangen, ihre gesamte Depotallokation in Frage zu stellen. Dabei folgt jeder Korrektur früher oder später eine deutliche Erholung. Anleger werden zu schnell nervös und nach anfänglichem Zögern, Verluste zu realisieren, verkaufen sie dann doch am Tiefpunkt einer Flaute. In der Regel steigen sie erst dann wieder ein, wenn sich der Markt bereits wieder erholt hat. Der Ökonom und Nobelpreisträger Robert Merton bezeichnete Markettiming gerne als „närrisches Unterfangen”.

Die Markteffizienzhypothese ist umstritten

Informationen sind also der entscheidende Erfolgsfaktor an den Märkten. Der Ökonom Eugene Fama hat schon Anfang der 70er Jahre mit seiner Markteffizienzhypothese die Theorie aufgestellt, das Finanzmärkte zu jedem Zeitpunkt effizient und alle vorhandenen Informationen bereits eingepreist sind. Für die Anhänger dieser Theorie sind die Preise an den Finanzmärkten immer und zu jeder Zeit fair. Aber auch wenn er dafür 2013 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde, zweifeln viele Ökonomen seine Theorie an. Für sie handelt es sich bei der Markteffizienztheorie um ein wunderbar schlüssiges mathematisches Modell, das allerdings den Praxisbeweis immer wieder schuldig bleibt. Für die Kritiker ist niemand in der Lage den fairen Wert einer Aktie zu benennen. Bei jedem Aktienhandel glaubt der Verkäufer, die Aktie sei jetzt zu teuer, und der Käufer, die Aktie sei jetzt zu billig. Im Nachhinein hat dann immer einer Recht und einer Unrecht. Zehntausende Händler auf der ganzen Welt leben nämlich davon, dass sie Marktineffizienzen aufspüren und zu Geld machen. Einige der reichsten Leute dieser Erde, beispielsweise Warren Buffet, verdanken ihre Milliarden ausschließlich dem Aufspüren von Ineffizienzen. Value-Investoren leben ja davon, unterbewertete Aktien aufzuspüren, zu kaufen und dann zu warten, bis die breite Masse der Anleger das Schnäppchen entdeckt und den Kurs hochtreibt.

Geduld ist die oberste Tugend des Investors

Warren Buffet ist es auch, der seit Jahrzehnten für den „Buy and hold“-Ansatz steht. Der Grundgedanke dahinter ist es, nach vorgenommener Streuung der Anlagen im Sinne der Portfoliotheorie auf den Versuch zu verzichten, durch Umschichtung des Portfolios einen Zusatzertrag zu erwirtschaften. Denn nur weil man Aktien jederzeit handeln kann, heißt das nicht, dass man das auch tun muss oder soll. Man sollte sich darauf besinnen, dass man sich an einem Unternehmen beteiligt, als würde man in eine GmbH einsteigen und dort Anteile erwerben. Die kann man auch nicht tagesaktuell kaufen oder verkaufen. Geduld ist die oberste Tugend des Investors lehrte schon Benjamin Graham, der Urvater der Fundamentalanalyse. Im Gegensatz zu Benjamin Graham war Herbert Wehner ein ungeduldiger, mitunter aufbrausender Zeitgenosse. Mit insgesamt 77 Ordnungsrufen im Bundestag hält er einen einsamen Rekord. Aber Herbert Wehner war auch Politiker und kein Investor. Allerdings den zweiten Teil des Zitates können sich auch Anleger in unruhigen Zeiten zu Herzen nehmen. Den hinausstürmenden CDU-Abgeordneten rief er noch hinterher: „Ich sage Ihnen Prost, weil Sie wahrscheinlich dahin gehen.“

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