Reichsgraf Fürst von Metternich-Winneburg (1773 – 1859) sagte einst, „wenn Paris hustet, erkältet sich Europa“. Zu seiner Zeit war Frankreich die dominierende Macht auf dem europäischen Kontinent. Als österreichischer Diplomat war Fürst von Metternich ein Gegenspieler von Kaiser Napoleon Bonaparte, der in den Jahren nach der französischen Revolution Europa mit seinen Truppen beherrschte und die alte Ordnung aus den Angeln zu heben drohte. Napoleons Ziel war es, nach eigener Aussage, Europa zu seiner Wiedergeburt zu verhelfen. Er wollte Europa, natürlich ganz selbstlos, unter französischer Führung neu ordnen. Seinen edelmütigen Absichten scheiterten in der Völkerschlacht bei Leipzig, die bis dahin größte der europäischen Geschichte. Er selber starb am 5. Mai 1821 in der Verbannung auf der britischen Insel St. Helena an Magenkrebs. Frankreichs große Jahre als europäische Hegemonialmacht waren damit endgültig vorbei.

In den letzten Monaten ist die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas wieder zu einem Problem für den Kontinent geworden. In der französischen Wirtschaft läuft es schon seit Jahren nicht mehr rund. Ähnlich den Italienern nutzten auch die Franzosen ihre Währung als machtvolles Instrument der Wirtschaftspolitik. Zumindest bis in die 1980er-Jahre wurde der Franc zur starken D-Mark regelmäßig abgewertet. Das verschaffte der französischen Industrie einen oft entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Allein zwischen 1971 und dem Mauerfall 1989 verlor der Franc mehr als die Hälfte seines Wertes. Dies ermöglichte es der französischen Regierung die Wirtschaft des eigenen Landes zu päppeln, ohne schmerzhafte Reformen durchzuführen zu müssen. Reformen aber wären nach Ansicht von Experten heutzutage dringend vonnöten. Für die reformunwilligen Franzosen ist der Euro zu stark. Die Wirtschaft ist gefangen in einem Korsett aus überbordenden Kündigungsschutz, hohen Sozialkosten und einer immer geringer werdenden Produktivität. Vor allem der Arbeitsmarkt hat eine grundlegende Reform bitter nötig. Der „Code du Travail“, in dem die Arbeitsgesetze des Landes versammelt sind, regelt auf 4000 Seiten von Toilettenpausen bis zur Größe der Bürofenster jedes kleinste Detail.

Das starre französische Arbeitsrecht hat nach Ansicht von Experten auch dazu geführt, dass die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist und auch nach dem Ende der Finanzkrise keine wirkliche Belebung am Arbeitsmarkt eingesetzt hat. Betriebsbedingte Kündigungen sind in Frankreich nur sehr schwer möglich. Das führt dazu, das freie Stellen oft unbesetzt bleiben. Denn Entlassungen dauern oft viele Jahre und sind sehr kostspielig. Trotzdem ist das Lohnniveau vergleichsweise hoch. Für viele Ökonomen liegt im Arbeitsmarkt auch der Schlüssel für ein Comeback der französischen Volkswirtschaft. Sollten die Franzosen es schaffen, ihren Arbeitsmarkt flexibler zu gestalten, könnte sich das Potenzialwachstum des Landes von einem auf zwei Prozent verdoppeln. Vor allem wieder längere Arbeitszeiten, derzeit gilt in Frankreich eine 35-Stunden Woche, könnten Frankreich wieder flottmachen. Genau da setzen die Reformvorschläge des gerade gewählten Präsidentschaftskandidaten der Konservativen an. François Fillon will eine halbe Million Beamtenstellen streichen, die staatliche Krankenversicherung auf “schwere und langfristige Erkrankungen” begrenzen, die 35-Stunden-Woche ersatzlos streichen und Arbeitszeitregelungen bis an die EU-Obergrenze von 48 Wochenstunden erlauben.

Damit der Euro zur Wirtschaftskraft des Landes passt, müsste er rund zehn Prozent abwerten. Da das nicht geht, bleiben Frankreich nur schuldenfinanzierte öffentliche Konjunkturprogramme. In den letzten Jahren bekommt Frankreich die wachsenden Schulden immer weniger in den Griff. Schon bald könnten die Verbindlichkeiten des Landes 100 Prozent der Wirtschaftsleistung entsprechen.
Das bedeutet, alle Franzosen müssten ein Jahr allein dafür arbeiten, um die Staatsschulden ihres Landes abzutragen. Und das, obwohl die Zinsen dank der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) so niedrig sind wie nie zuvor. Die europäische Kommission schaut weg, obwohl Frankreich in 13 von 18 Euro-Jahren das maximale Haushaltsdefizit von drei Prozent der Wirtschaftsleistung verfehlt hat, gibt es immer wieder Ausnahmen. Den guten Ruf als solider Schuldner hat das Land ebenfalls eingebüßt. Die drei großen Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitsch haben Frankreich das Spitzenrating AAA bereits vor drei Jahren aberkannt.

Zwar hat Frankreich noch einen festen Platz unter den sieben wichtigsten Industrienationen (G 7). Gemessen an der Wirtschaftsleistung liegt das Land im globalen Ranking auf Platz sechs. Aber die Basis für die wirtschaftliche Stärke erodiert zusehends. Frankreich verfügt über weit weniger international wettbewerbsfähige Industrien als beispielsweise Deutschland. Die weltweite Nachfrage nach französischen Waren und Dienstleistungen ist rückläufig. Deshalb hat das Land auch in weit geringerem Maße vom Aufschwung in China profitiert. Der Marktanteil an den globalen Exporten ist deutlich zurückgegangen. Dies wird vor allem in der Automobilindustrie sichtbar. Die Zahl der produzierten Pkw hat sich seit 1999 fast halbiert, während in Deutschland seitdem sogar acht Prozent mehr Autos von den Fließbändern gerollt sind.

In diesem Umfeld gedeiht eine antieuropäische Stimmung. Für viele Franzosen sind die Schuldigen einfach zu benennen. Neben der Politik der sozialistischen Regierung unter François Hollande sind allein der Euro und die Globalisierung schuld am Niedergang Frankreichs. Die Vorsitzende des rechtsextremen Front National Marine Le Pen hat auf einmal realistische Chancen im kommenden Frühjahr zur Präsidentin Frankreichs gewählt zu werden. Nach den derzeitigen Umfragen dürfte Le Pen bei der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr in die Stichwahl kommen, so wie es ihrem Vater, dem Gründer des Front National, Jean-Marie Le Pen, 2002 gelungen war. Sie hat bereits angekündigt, das Sie in diesem Fall die Franzosen über einen EU-Austritt abstimmen lassen will. Prognosen über den Ausgang eines solchen Referendums sind derzeit schwer möglich, doch allein schon die Ankündigung würde die Märkte massiv destabilisieren. Der „Frexit“, der Austritt Frankreichs aus der europäischen Union, lässt derzeit Europa erzittern, wie einst die Truppen Napoleons. Diese Neuordnung Europas würde die gemeinsame Währung, als auch die Union als Ganzes, vermutlich nicht überleben.

Italien, Frankreich und Trump, mit diesen Themen geht der Markt in den letzten Monat des Jahres. Für viele Anleger genügend Gründe in Panik zu verfallen. Seit Wochen kommt der DAX einfach nicht über die Marke von 10.800 Punkten hinaus. Trotzdem gibt es einen gewichtigen Grund, das der Jahresabschluss am Aktienmarkt noch mal richtig gut werden kann. Man mag von Statistiken zum Aktienmarkt halten, was man will. Tatsache ist allerdings, dass der Börsenmonat Dezember der Beste für den S&P-500-Index ist, für den Dow Jones ist es immerhin der zweitbeste des Jahres und beim Dax ist der Dezember mit einem Plus von durchschnittlich 1,5 Prozent immerhin noch der drittbeste Monat des Jahres. Morgen ist der 1. Dezember.

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

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