Das Ende des britischen Empire fand am 30. Juni 1997 in Hongkong statt. Denn am 1. Juli 1997 übernahm, nach 156 Jahren britischer Kolonialherrschaft, die Volksrepublik China die Souveränität und Kontrolle über Hongkong. Seitdem ist Hongkong eine Sonderverwaltungszone mit einem hohen Maß an Autonomie. Das Britische Weltreich war das größte Kolonialreich in der Weltgeschichte. Im Jahr 1922, zur Zeit seiner größten Ausdehnung, umfasste es mit 458 Millionen Einwohnern ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung. Es erstreckte sich über eine Fläche von ca. 33,67 Millionen km², was einem Viertel der Landfläche der Erde entspricht. Viele Briten denken mit Wehmut an diese Zeit zurück. Der Niedergang des British Empire begann mit Ende des 1. Weltkrieges und beschleunigte sich nach dem 2. Weltkrieg rapide.

Eine große Anzahl der Briten unterstützt den Brexit

Die Weltpolitik konnte damals nicht an den Interessen von London vorbei gestaltet werden. Nur vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass nach wie vor so viele Briten einen Brexit wollen. Letzten Umfragen zur Folge, würden immer noch 47 Prozent der Bevölkerung für einen Austritt stimmen. Dies ist zwar keine Mehrheit mehr, aber eine nach wie vor eine große Anzahl. Vor allem, da mittlerweile bekannt ist, was die voraussichtlichen Folgen eines harten Brexit, also einem Ausscheiden ohne Abkommen, sein könnten.

Fachleute prognostizieren Versorgungsengpässe

Der britische Unternehmerverband CBI rechnet in diesem Fall mit einem Einbruch der britischen Wirtschaft um 8 Prozent. Die Folge wären massive Jobverluste und geringere Steuereinnahmen. Die Bank von England erwartet einen Absturz des Pfundes um 25 Prozent und die Preise am Immobilienmarkt könnten bis zu 30 Prozent einbrechen. Die britische Exportwirtschaft würde, nach Einschätzung des Kreditversicherers Euler Hermes, im ersten Jahr Ausfuhren im Wert von 30 Milliarden Pfund (33,2 Milliarden Euro) verlieren. Die nach dem EU-Austritt nötige Zollabfertigung bei Warenlieferungen stellt Häfen vor große Probleme. Die Grenzformalitäten würden für lange Warteschlangen von Lastwagen sorgen. Fachleute prognostizieren bereits, vor allem in den ersten Wochen Versorgungsengpässe in allen Bereichen auf der britischen Insel. Privathaushalte, als auch private Unternehmen, bereiten sich bereits mit Hamstereinkäufen auf den Worstcase vor. Die Vermieter von Lagerflächen gehören jetzt schon zu den großen Gewinnern, denn freie Lagerflächen sind derzeit in Großbritannien kaum noch zu bekommen.

Vor allem der deutsche Export wird leiden

Aber auch Europa wäre durch den unkoordinierten Austritt massiv betroffen. Einer der größten Verlierer in der EU wären die deutschen Exporteure. Experten beziffern den Rückgang der Exporte auf mindestens 8 Milliarden Euro. Auch dem EU-Haushalt fehlen bei einem harten Brexit Milliarden, so dass bereits geplante EU-Ausgaben gekürzt oder verschoben werden müssten. Besonders hart treffen wird der Brexit allerdings einen der größten Wirtschaftszweige Großbritanniens. Der Finanzsektor, der oft schlicht “die City” genannt wird, benannt nach dem traditionellen Standort der britischen Banken, dem Altstadtbezirk von London. 2014 trugen Versicherungs- und Finanzdienstleistungen acht Prozent zur britischen Wertschöpfung bei, wobei aus dem Finanzsektor schätzungsweise 11,5 Prozent aller Staatseinnahmen kamen. London ist eines der weltweit führenden Finanzzentren. Ein letztes Überbleibsel aus der Zeit des britischen Empires. London war die Heimatstadt der damaligen Leitwährung, des britischen Pfunds, bevor es vom Dollar abgelöst wurde. Durch den Brexit wird sich auch der Bedeutungsverlust der Finanzmetropole massiv beschleunigen.

Für Europäer ist alles schwer nachzuvollziehen

Für Europäer ist es in diesen Tagen sehr schwer nachzuvollziehen, das immer noch eine große Anzahl der Briten den Ausstieg um jeden Preis befürwortet. Das britische Volk sehnt sich nach seiner glorreichen Vergangenheit. Ob sich dadurch allerdings die Herausforderungen der Zukunft bewältigen lassen darf bezweifelt werden. Es handelt sich beim Brexit nicht um einen rationalen Entscheidungsprozess. Soviel steht mittlerweile fest. In den letzten Monaten wurde in der britischen Öffentlichkeit und den Medien jeder Aspekt ausführlich behandelt. Mittlerweile kann kein Engländer ernsthaft behaupten, er hätte nicht gewusst, wo die Gefahren liegen und was auf das Land zukommt. Für den heutigen Dienstagabend ist die Abstimmung im Unterhaus über die Brexit-Vereinbarung zwischen London und den 27 anderen Mitgliedstaaten geplant. Vieles deutet auf eine Niederlage von Premierministerin May hin.

Der Brexitcrash wird erst einmal verschoben

In den letzten Tagen wurde der Dax durch die Zitterpartie in London immer wieder ausgebremst. Am Tag der Abstimmung hellte sich die Stimmung an der Frankfurter Börse aber auf einmal überraschenderweise wieder auf. Unter Börsianern gilt es offensichtlich bereits als sicher, dass das Unterhaus den ausgehandelten Vertrag zwischen der Premierministerin May und der EU ablehnen wird. An der Börse wird bekanntlich die Zukunft gehandelt. Die Frage ist also, wie es nach der Ablehnung weitergeht. Die Möglichkeiten reichen von einem ungeordneten Brexit über Neuwahlen, bis hin zu einem zweiten Referendum oder einer Verschiebung des EU-Austritts auf unbestimmte Zeit.

Die Zeit des britischen Empires ist schon lange vorbei

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. In den nächsten Wochen muss sich das britische Volk, vertreten durch seine Politiker, entscheiden. Es geht um das zukünftige Verhältnis Großbritanniens zum europäischen Kontinent. Viele Engländer sind noch gefangen in einem Gefühl von Einzigartigkeit und Überlegenheit. Aber die Zeit des britischen Empires ist schon lange vorbei und ist nur noch eine Illusion. Heute regiert Großbritannien nicht mehr ein Viertel der Erdbevölkerung. Man möchte in diesen Tagen den Engländern ein Zitat des französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry zurufen: „Überlegen macht überlegen“.

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