Anlegen an der Börse könnte so einfach sein, würden die Kurse nicht hin und wieder auch mal auf Talfahrt gehen. Gerade die letzten Monate haben Anlegern wieder viel abverlangt. Seitdem der Zins abgeschafft und die Märkte mit nahezu unendlichen Geldsummen durch die Notenbanken geflutet werden, hat die Volatilität (Schwankung) an den Börsen zugenommen. Aller Voraussicht nach wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Ganz im Gegenteil, viele Beobachter gehen davon aus, das die Schwankungen noch erheblich zunehmen werden. Ein unbedarftes Wort von Herrn Draghi, ein unerwartetes Blinzeln von Frau Yellen und die Märkte stürzen abrupt ab oder steigen plötzlich stark an. Die Realwirtschaft verkommt dabei manchmal immer mehr zum schmückenden Beiwerk, wirklich entscheidend sind scheinbar nur noch die Zinserwartungen der Investoren.

In solchen unruhigen Phasen fällt der Fokus immer auf eine Produktgattung, die mit einem relativ klaren Versprechen antritt: Absolute-Return-Fonds. Sie verheißen eine einigermaßen stabile Rendite, die auf Sicht eines gewissen Zeitraums, ein oder drei Jahre, stets im positiven Bereich liegen soll. Gerade im aktuellen Niedrigzinsumfeld fallen solche Versprechen bei Anlegern auf fruchtbaren Boden. Absolute-Return-Fonds gehören zu den alternativen Investmentfonds. In der Regel weisen sie ein asymetrisches Rendite-Risiko-Profil auf. Sie arbeiten mit einer Absicherung nach unten und können so bei fallenden Kursen Verluste begrenzen. Zugleich können sie Potenzial nach oben, bei steigenden Märkten, in ausreichendem Maß nutzen. Die Marketingabteilungen der Fondsgesellschaften stellen diese Produkte gerne als „eierlegende Wollmilchsau“ da, mit dem man in jeder Marktsituation auf jeden Fall Gewinne generieren kann. Das ist natürlich, wie so viele Werbeaussagen, Mumpitz. Ein Produkt, das null Risiko hat, gibt es nicht. Trotzdem kann sich ein näherer Blick auf diese Anlageklasse der alternativen Investmentfonds im aktuellen Umfeld lohnen.

Als Vorbilder für die alternativen Fonds dienen meist Hedgefonds, die als unregulierte Produkte zahlreiche komplexe Anlagestrategien entwickelt haben. Die in Deutschland angebotenen alternativen Produkte haben diese Strategien adaptiert und in den Mantel eines regulierten UCITS-Fonds gesteckt. Die am häufigsten angewandte Strategie ist der long-short Ansatz. Ein Blick in die Geschichte der Finanzmärkte zeigt: Der Ursprung der Hedge-Funds-Idee liegt exakt in dieser Strategie. Alfred Winslow Jones, der als “Vater der Hedge-Funds” gilt, hat sie bereits im Jahr 1949 angewandt. Bei dieser weltweit inzwischen bei weitem am häufigsten anzutreffenden Methode machen sich die Manager die Ineffizienzen und Fehleinschätzungen an den Aktienmärkten zu Nutze. Der Manager ist “long”, wenn er eine Aktie gekauft hat und in seinem Portfolio hält, er ist “short”, wenn er bei einer Aktie auf sinkende Kurse setzt.

Ein wesentlicher Bestandteil der Long-Short- Strategie besteht darin, dass der Fonds nicht nur von ihm als unterbewertet angesehene Aktien kaufen, sondern dass er zur gleichen Zeit auch von ihm als überbewertet angesehene Aktien leer verkaufen kann. Das Instrument des Leerverkaufs (“short selling”) ist eine von geschulten Anlegern bereits seit vielen Jahren geübte Praxis. Shortseller verkaufen keine eigenen Aktien, sondern geliehene Stücke. Hierfür müssen sie ein Entgelt, den so genannten Leihezins, entrichten. Sie gehen dabei von der Erwartung aus, dass der Kurs der von ihnen leer verkauften Aktie sinken wird, sie also die ausgeliehenen Stücke über die Börse zu einem niedrigeren Kurs zurückkaufen und die Papiere dann an den Verleiher zurückgeben können. Die Portfoliostruktur eines Managers der Strategie long-short kann also wie folgt aussehen: Er hat auf der einen Seite eine von ihm als unterbewertet angesehene Aktie einer bestimmten Branche gekauft und gleichzeitig eine von ihm als überbewertete Aktie des gleichen Industriezweigs (leer) verkauft. Er hofft darauf, dass er die verkauften Aktien am Markt zu einem späteren Zeitpunkt zu niedrigeren Kursen wieder zurückkaufen und er seine Position eindecken kann.

Das Prinzip wird durch ein einfaches Beispiel deutlich. Der long-short Manager ist davon überzeugt, dass die BMW-Aktie im Vergleich zur Aktie von Daimler größere Kurschancen besitzt. Er kauft also 1 000 BMW-Aktien zu 36 Euro und verkauft gleichzeitig 1 000 Aktien von Daimler zu 39 Euro leer. Man spricht hier von einem “pair trade”, von einem Handel in miteinander verbundenen Werten. Die Positionierung des Fonds ist im beschriebenen Fall marktneutral, da die Relation von Long- und Short-Seite 50:50 beträgt. Im genannten Beispiel würde der Idealfall für den Fondsmanager eintreten, wenn die BMW-Aktie zum Beispiel auf 40 Euro steigt und die Daimler-Aktie gleichzeitig etwa auf 35 Euro fällt. Dann hätte er auf beiden Seiten des Marktes verdient. Zum einen durch steigende Kurse der BMW-Aktie und zum anderen dadurch, dass er die Aktie von Daimler zu 35 Euro an der Börse kaufen kann und er die Titel dann an den Verleiher zum ausgeliehenen (höheren) Kurs von 39 Euro zurückgeben kann. Dieser Idealfall ist an der Börse in der Regel jedoch eher selten, denn nicht selten bewegen sich die Aktien eines Industriezweigs über einen bestimmten Zeitraum hinweg in die gleiche Richtung.

Doch auch long-short Strategien kochen nur mit Wasser. Die geschilderte Strategie hat auch Risiken. Insbesondere bei “pair trades” kann es im Extremfall passieren, dass der Kurs der Short-Position (hier Daimler) steigt und der Kurs der Long-Position (hier BMW) gleichzeitig fällt. Dann verliert man doppelt. Dabei ist das Risiko der Short-Position theoretisch unbegrenzt, denn eine Aktie kann immer weiter steigen, wohin gegen eine Long-Position “nur” auf null fallen kann. Gefährlich sind die so genannten “short-squeezes”. Das beschreibt die Angebotsknappheit eines Wertpapiers, das zuvor in großer Anzahl leerverkauft („geshortet“) wurde. Nach den Leerverkäufen müssen die daraus resultierenden offenen Positionen wieder glattgestellt werden. Steigt nun, entgegen der Erwartung der Leerverkäufer, der Börsenkurs des Wertpapiers, so müssen zur Verlustbegrenzung viele Leerverkäufer gleichzeitig das Wertpapier zurückkaufen, was zu einem Nachfrageüberhang führen kann, der den Kurs noch weiter nach oben treibt und damit die Verluste der Leerverkäufer weiter erhöht.

Bei der Auswahl der long-short Strategie gilt deshalb Augen auf beim Fondskauf, denn die Anlagekonzepte unterscheiden sich in ihrem Risikoprofil erheblich. In der Regel gilt: Wer das Verhältnis von Long und Short bei 50:50 hält, geht ein geringeres, da marktneutrales Risiko, ein. Wer mit solchen Fonds vor allem Ruhe ins Depot bringen will, sollte sich auf Produkte fokussieren, die Short-Investments eher zur Absicherung einsetzen. Wer dagegen mit der long-short-Strategie zusätzliche Ertragsquellen erschließen möchte, sollte einen dazu passenden Fonds wählen. Bei offensiveren Produkte kann die Aktienquote durchaus zwischen 50 und 200 Prozent liegen.

Anleger müssen sich fragen, ob ihnen die Rendite oder eine gewisse Absicherung wichtiger ist. Long-short Strategien tragen zu einer Diversifizierung des eigenen Depots bei. Außerdem schaffen es die guten Produkte, Rückgänge abzufedern, wenngleich Anleger dafür oft auf Rendite gegenüber normalen Aktien- oder Rentenfonds verzichten müssen.

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

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