Balık ağa girdikten sonra aklı başına gelir“ (Ein Fisch kommt nur zur Vernunft, wenn er im Netz gefangen ist), so lautet ein altes türkisches Sprichwort. Gerne begründet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Politik mit Verweisen auf die Bedeutung des ehemaligen Weltreichs der Osmanen. Vielleicht sollte sich der Sohn eines Seemanns auch einmal mit den alten osmanischen Volksweisheiten beschäftigen. Denn es wird Zeit, dass er endlich zur Vernunft kommt und seine Politik der letzten Monate den Realitäten anpasst. Für manchen Beobachter ist es dafür allerdings schon fast zu spät. Für sie steht die Türkei bereits kurz vor der Insolvenz. Die türkische Lira stürzt seit Wochen von einem Rekordtief zum nächsten. Sie hat in einem Jahr fast 50 Prozent an Wert eingebüßt. Bewegungen an den Währungsmärkten gelten häufig als treffsicherer Indikator für zukünftige Krisen. Bereits seit einiger Zeit liegt der Geruch der Krise über der Türkei, kommt es jetzt zum Showdown am Bosporus?

Die Inflation ist außer Kontrolle geraten

Der Wertverlust der türkischen Lira bedeutet, dass die Mehrheit der Türken, die sich nicht gegen den Verfall absichern konnten, um 50 Prozent enteignet wurden. Nur wer sein Barvermögen in anderen Währungen oder im Edelmetall sicherte, konnte seine Kaufkraft erhalten. Der Aufruf Erdogans an seine Landsleute, andere Währungen oder Gold gegen Lira zu tauschen, erscheint vor diesem Hintergrund als zweifelhafter Deal. Vermutlich werden das auch die meisten Türken erkannt haben. Neben der Währung steht auch die türkische Börse massiv unter Druck. Sie ist in den letzten Monaten um 40 Prozent eingebrochen. Zeitgleich scheint die Inflation außer Kontrolle zu geraten. Aktuell liegt sie bei fast 16 Prozent, das ist selbst für türkische Verhältnisse hoch. Der Verfall der türkischen Währung wirkt jetzt wie ein Brandbeschleuniger auf die Inflation. Diese wird sich, sofern die Notenbank nicht handelt, massiv erhöhen. Eigentlich, so der ökonomische Konsens, müsste die türkische Zentralbank reagieren und die Leitzinsen stärker anheben. Dadurch würde dem Wirtschaftskreislauf am Bosporus Geld entzogen und ein weiterer Anstieg der Inflation begrenzt. Noch leistet sich der türkische Präsident allerdings den Luxus einer eigenen Meinung, weit entfernt vom ökonomischen Sachverstand. Niedrige Zinsen bedeuten niedrige Inflation, so seine einfache Logik. Zeitgleich baut Erdogan die Türkei zum Familienunternehmen um und ernennt seinen 40-jährigen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Finanzminister. Auch wenn dieser auf dem Papier, Studium der Betriebswirtschaft in Istanbul und New York, für das Amt durchaus qualifiziert sein mag, begegnen die internationalen Finanzmärkte diese Ernennung mit Misstrauen. Es wird bezweifelt das sich der „Kronprinz“ gegen seinen Schwiegervater stellen wird. Auch wenn die türkische Zentralbank formal noch unabhängig ist, den Beweis dafür bleibt sie bisher schuldig.

In der letzten Woche spitzte sich die Krise am Bosporus weiter zu

Die wahren Schuldigen für die desolate Lage in der Türkei, in diesem Punkt ist sich Erdogan mit seinem Schwiegersohn einig, sitzen sowieso im westlichen Ausland. Das Land sei Opfer einer amerikanischen und zionistischen Zinslobby. In der letzten Woche spitzte sich die Krise dann noch weiter zu, als es zum offenen Schlagaustausch mit den USA kam. Donald Trump erhöhte die Strafzölle auf Stahl und Aluminium für die Türkei und heizte damit den Abwärtstrend der türkischen Währung weiter an. Für Erdogan ein weiterer Beweis für eine westliche Verschwörung. Allein der Westen sei schuld an der prekären Lage. Damit bringt er zwar erst einmal seine Landsleute hinter sich, lenkt von eigenen Verfehlungen der letzten Jahre ab, löst aber die grundsätzlichen Probleme seiner angeschlagenen Wirtschaft nicht.

Die Bauindustrie wurde der brummende Motor des türkischen Wachstums

Die jetzige Krise der Türkei kommt nicht plötzlich. Ökonomen warnen schon seit Jahren vor den Gefahren, die von Erdogans kreditfinanzierter Wirtschaftspolitik ausgehen. In den letzten Jahren waren die äußeren Rahmenbedingungen für die Türkei günstig. An billigen Geld herrschte  kein Mangel. Es floss auch reichlich in die Türkei, wo die kurzfristigen Anlagen zudem höhere Erträge abwarfen. Ein stabil niedriger Ölpreis entlastete die Türkei zusätzlich. Das billige Geld ermöglichte der AKP große Bau- und Infrastrukturprojekte zu initiieren. Die Bauindustrie wurde der brummende Motor des türkischen Wachstums. Eigentlich ideale Voraussetzungen um notwendige Strukturreformen in der türkischen Volkswirtschaft einzuleiten. Leider wurde diese Chance vertan. Der einfache Weg mit dem billigen Geld erschien zu verlockend.  Die türkischen Unternehmen nahmen ebenfalls im großen Stil im Ausland Kredite auf. Diese waren erheblich billiger als Kredite in türkischer Lira bei den türkischen Banken. Mittlerweile belaufen sich die staatlichen und privaten Auslandschulden auf fast 250 Milliarden Dollar. Solange die türkische Lira einigermaßen stabil war, stellte das kein Problem dar. Das ändert sich jedoch schlagartig, wenn die Lira stark abwertet und die privaten Unternehmen die Kreditlast in Fremdwährung nicht mehr stemmen können.

Finanziert sich die Türkei über die Notenpresse?

Ökonomen weltweit sind sich einig, die einzige Möglichkeit die Währungskrise der Türkei zu beenden, ist eine Anhebung der Zinsen. Die Notenbank muss zeigen das sie unabhängig ist, um das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte zurückzugewinnen. Des Weiteren sollte die Rechtssicherheit wiederhergestellt und der schwelende Konflikt mit den USA gelöst werden. Vermutlich wird sich das Wachstum in der Türkei durch eine Zinserhöhung der Notenbank abkühlen. In diesem Punkt hat der Hobby-Ökonom Erdogan Recht. Wahrscheinlich wird die Türkei dadurch in einer Rezession landen. Es ist aber zu befürchten, das Erdogan, der politisch abhängig vom wirtschaftlichen Erfolg der Türkei ist, einen anderen Lösungsweg beschreiten und die Notenpresse anwerfen wird. Ähnlich wie Venezuela oder Simbabwe vor einigen Jahren. Wenn ein Staat jedoch anfängt sich durch die Notenpresse zu finanzieren, dauert es nicht lange bis die Inflation explodiert. Der Countdown läuft, bald kommt es zum Showdown am Bosporus.

Es sind kaum extrem negative Auswirkungen für Europa zu erwarten

Der große Gewinner sind derzeit die Türkeiurlauber. Die Währung fällt schneller als die Inflation steigt, das macht einen Urlaub in dem gastfreundlichen Land zum Schnäppchen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen für Europa bleiben dagegen überschaubar. Der Dax, vollgestopft mit exportorientierten Konzernen, verlor zwar am Freitag in einer ersten Reaktion über zwei Prozent. Dabei geriet vor allem der Bankensektor unter Druck, weil die Furcht vor einem Zahlungsausfall der Türkei und entsprechenden Belastungen für die Banken des Kontinents die Kurse drückte. Dabei wird die Türkei Krise für die deutsche Wirtschaft selber kaum stärkere negative Auswirkungen haben. Der direkte Warenexport der deutschen Industrie ist vergleichsweise gering. Mittlerweile ist bekannt, das europäische Banken selbst bei einem Zahlungsausfall der Türkei, nicht in ihrer Existenz bedroht sind. Anleger sollten entspannt bleiben. Die deutsche Wirtschaft hat im zweiten Quartal ihre Drehzahl stärker erhöht als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt legte gegenüber den ersten drei Monaten 2018 um 0,5 Prozent zu. Glückwunsch wer die Kaufkurse der letzten Tage genutzt hat. Erdogan dagegen sollte endlich zur Vernunft kommen und sich ein nicht nur in der Türkei verbreitetes Sprichwort zu Herzen nehmen: „Parayı veren, düdüğü çalar“ (Wer das Geld gibt, spielt die Flöte).

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