TARGET2 bewegt vor allem in Deutschland immer wieder die Gemüter. Im Juni kletterte die Bundesbankforderung gegenüber anderen Notenbanken der Eurozone auf den Rekord von 976 Milliarden Euro. Es dauert nicht mehr lange und die Billionen Euro Grenze wird erreicht sein. Die Meinungen der Ökonomen, wie diese Salden zu bewerten sind und ob es eine Bedrohung für Deutschland darstellt, gehen dabei sehr weit auseinander. Müssen wir uns also wirklich Sorgen machen?

Was verbirgt sich hinter TARGET2

TARGET2 ist die zweite Generation des Zahlungsverkehrssystems TARGET (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System). Dahinter verbirgt sich ein Verrechnungssystem der Notenbanken in der Eurozone. Als die europäische Währungsunion konstruiert wurde, einigte man sich auf ein zweistufiges System. Neben der großen Europäischen Zentralbank (EZB) im Mittelpunkt des Systems, sollten die nationalen Notenbanken weiter bestehen bleiben. Wenn zwischen zwei Euroländern Geld hin und her fließt, braucht es dafür ein Zahlungssystem der Notenbanken. Gerade Euro-Kritiker und Populisten warnen in regelmäßigen Abständen vor dem Abrechnungssystem. Der damalige Präsident des ifo-Instituts, Prof. Hans Werner Sinn, entdeckte das Thema 2011, schrieb ein Buch darüber und verkündet seitdem den Untergang der Eurozone. Die Mehrheit der Ökonomen steht dem Thema aber wesentlich entspannter gegenüber.

Wie entstehen die Salden bei den Notenbanken?

Wie die positiven und negativen Salden im Einzelnen entstehen, wird an einem einfachen Beispiel deutlich, wie es täglich tausendfach in der Eurozone vorkommt. Kauft beispielsweise ein spanisches Unternehmen eine Ware bei einem deutschen Hersteller, so beauftragt es seine Bank, den Kaufpreis an die Bank des Exporteurs in Deutschland zu überweisen. Die spanische Hausbank bucht den Kaufpreis vom Konto des spanischen Unternehmens ab und reicht den Überweisungsauftrag an die spanische Notenbank weiter. Diese bucht den Betrag vom Zentralbankkonto der spanischen Hausbank ab und überweist ihn an die EZB. Die wiederum schreibt ihn der Bundesbank auf deren Konto bei der EZB gut. Die Bundesbank überweist den Betrag dann an die Hausbank des deutschen Exporteurs, die ihn auf dessen Konto gutschreibt. Durch die Überweisungen bauen die spanische Zentralbank und die Bundesbank Target-Salden gegenüber der EZB auf. Die Bundesbank erhält eine Forderung gegen die EZB, die spanische Notenbank geht eine Verbindlichkeit ein. Nach Angaben der Bundesbank werden im Laufe eines Jahres über TARGET2 annähernd 90 Millionen Zahlungen im Gegenwert von 450 Billionen Euro abgewickelt. Innerhalb dieses Systems bildet sich immer dann ein Negativsaldo, wenn ein Mitgliedsland kontinuierlich mehr in einem anderen Mitgliedsland kauft oder investiert als umgekehrt, und zwar unabhängig davon, ob es Private, Firmen oder Banken sind, die grenzüberschreitend Geld anlegen oder auf Shoppingtour gehen.

In Krisenzeiten entstehen Ungleichgewichte

Unter normalen Umständen gleichen sich die Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen den Notenbanken immer einigermaßen aus. Doch in Krisenzeiten kann es schnell zu Ungleichgewichten kommen. Mit der expansiven Geldpolitik nach der Finanzkrise und der damit verbundenen Schaffung neuen Geldes entstanden in den Jahren 2008 bis 2012 hohe Salden. Damals ist viel Geld nach Deutschland geflossen, unter anderem auch weil die Bürger vor allem in den südeuropäischen Ländern befürchtet haben, ihr Bankensystem könnte zusammenbrechen oder ihr Land aus der Eurozone ausscheiden. Im Juli 2012 hatte die Deutsche Bundesbank Forderungen von 727 Milliarden Euro gegenüber der EZB angehäuft. Auf der anderen Seite wies die spanische Zentralbank Verbindlichkeiten von 423 Milliarden Euro aus. Bei der Banca d’Italia waren es immerhin 280 Milliarden Euro. Die Investoren zogen ihre Finanzanlagen aus den Krisenländern ab und brachten sie ins als sicher geltende Deutschland. Und mit jeder Überweisung wuchsen die Verbindlichkeiten der Südländer-Zentralbanken genauso wie die Forderungen der Bundesbank. Erst durch die „whatever it takes“-Rede von EZB Präsident Mario Draghi Mitte 2012 beruhigte sich die Situation und die Ungleichgewichte gingen wieder deutlich zurück. Für manche Beobachter sind die TARGET2-Salden damit so eine Art Fieberthermometer, an dem sich der Gesundheitszustand der Eurozone ablesen lassen lässt. Zumindest dann, wenn die Ungleichgewichte aufgrund von Kapitalflucht von privaten Geld beruhen. Seit 2015 steigen die Ungleichgewichte in den Salden wieder an und die Kritiker des Eurosystems bekommen wieder Schnappatmung. Denn mittlerweile sind die Höchststände der Krisenmonate übertroffen und die Billionengrenze ist nicht mehr weit.

Aktuell ist die Politik der EZB selber die Ursache der Ungleichgewichte

Dabei sind die Gründe diesmal andere als noch während der Finanzkrise. Diesmal, so sind sich viele Experten einig, ist der Auslöser des Ungleichgewichtes die EZB selber. Denn seit Januar 2015 kaufen die Notenbanken des Eurosystems im Auftrag der EZB massenhaft Staatsanleihen und andere Wertpapiere am Markt auf. Durch diese Käufe sollen die Zinsen an den Finanzmärkten niedrig bleiben. Verkäufer dieser Staatsanleihen sind überwiegend internationale Banken, die ihre Konten in Niederlassungen zum großen Teil in Frankfurt führen. Diese Niederlassungen unterhalten ihr TARGET2-Konto dadurch bei der Deutschen Bundesbank und ihr Anleiheverkauf treibt somit die Forderungen der Bundesbank gegenüber der EZB nach oben. Ähnliche Erfahrungen sind auch aus den USA bekannt. Auch dort existiert ein nationales, von den regionalen Distriktbanken der Federal Reserve (Fed) getragenes Zahlungssystem. Die wichtigste Distriktbank ist die Federal Reserve Bank of New York. Ihr Saldo zeigt zwischen 2008 und 2014, als die Fed drei Anleihekaufprogramme durchführte, in der Tendenz einen spürbaren Anstieg ihres Saldos. Perspektivisch ist davon auszugehen, dass sich das Auseinanderdriften der Target2-Salden verlangsamt, da die EZB die Anleihekäufe zum Ende des Jahres beenden wird. Im Juli sanken die Forderungen übrigens wieder auf rund 913 Milliarden Euro.

Was passiert aber wenn ein Staat die Eurozone verlassen will?

Dabei sind die Ungleichgewichte im TARGET2-System eigentlich so lange unproblematisch, wie die Währungsunion hält. Wenn das Ungleichgewicht auf Kapitalflucht aus anderen Ländern beruht, ist diese Kapitalflucht das Problem und der TARGET2-Saldo nur ein Signal dafür. Wenn er auf der Geldpolitik beruht, bringt er die massive Geldschöpfung zum Ausdruck. Der Saldo selbst ist aber kein Problem. Zum Problem wird es erst, wenn ein Land den Euro verlassen will. In diesem Fall würde es mit hoher Wahrscheinlichkeit den offenen Saldo bei der EZB nicht ausgleichen. Der EZB würde also der entsprechende Betrag fehlen und theoretisch würden die Steuerzahler von den verbleibenden europäischen Staaten dafür haften. Aber eine Zentralbank wie die EZB ist keine normale Bank. Es bestehen einige Möglichkeiten den Schaden aufzufangen. Die EZB könnte einfach das fehlende Geld neu aus dem Nichts schaffen oder aber eine zeitlose Forderung gegen die ausgeschiedene Notenbank aufrechterhalten. Es verbliebe dann ein entsprechender Rechnungsposten in der Bilanz der EZB.

Dann sind die TARGET2-Billionen nur Peanuts

Übrigens gibt es die TARGET2-Salden nur, weil es noch nationale Notenbanken gibt. Hätte man zum Start der Währungsunion alle Funktionen zentral nur bei der EZB gebündelt, wäre die Diskussion über die Ungleichgewichte der Salden hinfällig, weil nicht existent. Letztlich ist ein Plus oder ein Minus unter Notenbanken nur eine rechnerische Größe ohne praktische Relevanz. Bedrohlich kann es erst dann werden, wenn wirklich ein Land mit hohen TARGET2-Verpflichtungen aussteigt. Die Bombe, die dann aber platzen würde, lässt die TARGET2-Billionen als Peanuts erscheinen.

Empfehlen Sie unseren Artikel Ihren Freunden