Das Börsenjahr 2019 hatte einen bemerkenswerten guten Start. Vergessen schienen die Risiken und die schlechten Nachrichten, die im Dezember die Märkte noch schwer belasteten. Gut 18 Prozent hatte der Dax im letzten Jahr verloren. Ein völlig anderes Bild in den ersten Monaten 2019. So legte der globale Aktienindex MSCI World im ersten Quartal in Euro ca. 15 Prozent an Wert zu, etwas weniger stark gestiegen sind die europäischen Indizes EuroStoxx 50 mit fast 12 Prozent und der Dax mit gut 9 Prozent. Die meisten Privatanleger waren leider, im Gegensatz zu unseren Kunden, nicht dabei. So mancher hatte im letzten Quartal die Reißleine gezogen und war ausgestiegen. Wie so häufig zu früh. Jetzt steht man an der Seitenlinie und wartet darauf, in den Markt zurückzukehren.

Sell in May and go away?

Der Mai schien dafür ein guter Zeitpunkt zu sein. „Sell in May and go away“, gefühlt jedes Jahr wird diese vermeintliche Börsenregel zitiert. Die Börsenweisheit besagt, dass die sechs Sommermonate schlechtere Ergebnisse aufweisen als die sechs Wintermonate. In diesem Jahr scheint sich der Markt an diese Regel halten zu wollen. Zumindest sorgte der Mai für eine Eintrübung, die Kurse kamen etwas zurück. Es existiert eine Unmenge von empirischen Untersuchungen, die sich mit den saisonalen Schwankungen am Aktienmarkt beschäftigen. Dabei ist der Mai häufig einer der schwächeren Monate, allerdings nicht immer. Besonderheiten wie beispielsweise Krisen, politische Effekte oder die Notenbankpolitik haben einen wesentlichen Einfluss auf die Kurse, losgelöst von der jeweiligen Jahreszeit.

Anleger sollte Börsenregeln besser ignorieren

Wer langfristig Vermögen aufbauen will ist deshalb gut beraten, solche Börsenregeln geflissentlich zu ignorieren. Den richtigen Zeitpunkt für den Kauf oder Verkauf von Aktien zu finden ist generell schwierig. Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen privaten oder institutionellen Anlegern. Market Timing, hier sind die wissenschaftlichen Untersuchungen eindeutig, gelingt selten und ist in der Regel zufällig. Vor allem Privatanleger sollten vor allem der „Buy and hold“-Strategie folgen. Wer ein kleines Vermögen aufbauen möchte oder für die Altersvorsorge spart, ist mit einer langfristig orientierten Strategie immer noch am erfolgreichsten. Idealerweise wird dabei eine Einmalanlage mit einem monatlichen Sparplan ergänzt. Auf dieser Weise kann man die normalen Schwankungen sogar für seinen Vermögensaufbau nutzen.

June is the end of May

Für die englische Premierministerin heißt es dagegen, „June is the end of May“. In London wird am 07. Juni das Ende ihrer Amtszeit eingeleitet. Zumindest hat sie zu diesem Datum ihren Rücktritt als Vorsitzende der Konservativen Partei angekündigt. Bis allerdings ein Nachfolger gewählt sei, wird sie die Amtsgeschäfte als Premierministerin noch weiterführen. Politisch erledigt ist sie allerdings bereits seit Mitte Mai. Als „dead woman walking“ wird sie noch den Staatsbesuch von Donald Trump begleiten und dann verschwinden. Auftauchen wird dadurch allerdings wieder ein Thema, das vor allem im letzten Quartal die europäischen Märkte immer wieder erschüttert hat. Sollte der derzeitige Favorit Boris Johnson ihr Nachfolger werden, wird ein harter Brexit sehr wahrscheinlich.

Die Wahrscheinlichkeit eines „No-Deal“ ist gestiegen

Der Ex-Außenminister gilt nach Ansicht der meisten Beobachter weiterhin als aussichtsreichster Kandidat. Er steht wie kaum ein anderer in Großbritannien für den harten Brexit, also ein Austritt auch ohne Abkommen zum 31. Oktober dieses Jahres. Allerdings, diese Hürde müsste auch Johnson nehmen, müsste das Parlament auch einem „no-deal“ mehrheitlich zustimmen. Bist jetzt hat es diesen Weg immer abgelehnt. Die Unsicherheit wird also bestehen bleiben. Die Risiken eines unkontrollierten Austritts sind nach wie vor unverändert vorhanden. Aktienmärkte mögen allerdings keine Unsicherheit und werden sicherlich in den nächsten Wochen darauf reagieren. Gute Börsennachrichten sehen anders aus. Allerdings lässt sich auch feststellen, dass der Brexit auf globaler Ebene ökonomisch kaum relevant ist.

Handelskonflikt verschärft sich

Zeitgleich spitzt sich der Handelsstreit zwischen den USA und China immer weiter zu. Der Ton wird zusehends schärfer und immer weitere Strafzölle belasten auch die globalen Lieferketten. Dabei geht es bei dem Konflikt nicht um Zölle, sondern um etwas strategisch viel Wichtigeres. Welches Land wird technologisch die Führung übernehmen und damit in ökonomischer und militärischer Hinsicht dem Rest der Welt überlegen sein. Die USA versuchen mit allen Mitteln den Niedergang ihrer Volkswirtschaft zu verhindern und China ist zunehmend bereit die Führung zu übernehmen. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Für die Aktienmärkte sind das keine erfreulichen Aussichten.

Die wirtschaftliche Lage in den führenden Volkswirtschaften ist stabil

Auf der anderen Seite ist die wirtschaftliche Lage in den führenden Volkswirtschaften nach wie vor sehr stabil. In den meisten Regionen herrscht nahezu Vollbeschäftigung und auch wenn die Wachstumsprognosen schwächer ausfallen, sind sie immer noch positiv. Zusätzlich positive Impulse werden von Seiten der Geldpolitik erwartet. Denn diese bleibt zumindest für das laufende Jahr locker. Eine Zinswende, hin zu deutlich höheren Zinsniveaus, wird es nicht geben. Pessimisten verweisen gerne darauf, dass der derzeitige Aufschwung schon zehn Jahre läuft und ein Ende damit zwangsläufig vor der Tür steht. Allerdings gibt es keine Gesetzmäßigkeit darüber, wie lange so eine Aufschwungphase dauern darf. Hier gilt ausnahmsweise eine alte Börsenregel der Wall Street: „Bullenmärkte sterben nicht an Altersschwäche – sondern durch Kopfschuss!“. Das bedeutet, das Ende einer Hausse kommt plötzlich und kündigt sich nicht lange vorher an. Häufig geht einer scharfen langen Korrektur einer Phase der Euphorie und Sorglosigkeit an den Märkten voraus. Davon war bei aller positiven Entwicklung im Jahr 2019 aber wenig zu spüren. Anleger sollten die derzeitige Phase nutzen und sofern noch nicht geschehen in den Markt zurückkehren. Denn das Börsenjahr 2019 ist noch lange nicht vorbei.

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