Help! I need somebody. Help…“ schallt es vermutlich dieser Tage häufiger aus den gut isolierten Büros über die mit Mahagoni getäfelten Flure der Vorstandsetage von so mancher deutschen Großbank. Als die britische Popgruppe „The Beatles“ ihren Hit „Help!“ im Jahr 1965 veröffentlichte, war die Musikwelt im Umbruch. Die Welt für deutsche Banken dagegen war auf jeden Fall noch in Ordnung. Ein Bankkaufmann gehörte zu den angesehensten Berufsgruppen, auf einer Stufe mit dem örtlichen Pfarrer oder Lehrer positioniert. Mehr als 50 Jahre später haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Über eine Musikgruppe vom Schlage der „Beatles“ regt sich keiner mehr auf, bei Banken und deren Repräsentanten dagegen kocht die Volksseele hoch. Zur Ehrenrettung sei festgehalten, auch Pfarrer und Lehrer sind im Ranking abgerutscht. Aber das hat andere Gründe.

Vor gut 10 Jahren forderte der frühere Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, noch selbstbewusst 25 Prozent Eigenkapitalrendite. Als „Gier-Banker“ wurde er daraufhin von vielen verdammt. Auch wenn offensichtlich so mancher seiner Kritiker lediglich die Eigenkapitalrendite mit der Umsatzrendite verwechselte. Im deutschen Mittelstand liegt die Eigenkapitalrendite der Unternehmen in der Regel wesentlich höher. In den Jahren 2008 bis 2009 erschütterte die Finanzkrise die Bankenwelt und so manches Institut verschwand oder steht unter staatlicher Aufsicht. Josef Ackermann ist ebenfalls weg, zurück in der Schweiz, ohne die anvisierten 25 Prozent je dauerhaft geschafft zu haben. Seine Nachfolger haben es gar nicht erst versucht. Es gab und gibt auch genügend andere Herausforderungen.

Mittlerweile wird die Deutsche Bank nur noch mit knapp 30 Prozent ihrer Vermögenswerte an der Börse bewertet. Ähnlich bescheiden fällt die Bewertung bei der Nummer 2 im deutschen Markt aus – der Commerzbank. In der letzten Woche tauchten dann erste Gerüchte über eine mögliche Fusion der beiden Institute auf. Ob es eine gute Idee ist, wenn sich „Not und Elend“ zusammentun sei erstmal dahingestellt. Dem Börsenkurs beider Institute gab es zumindest etwas Auftrieb. Um je rund acht Prozent nach oben binnen zwei Tagen ging es für die Aktien beider Banken. Es macht einen guten Eindruck auf Investoren, dass offenbar in beiden Unternehmen keine Denkverbote herrschen.

Dabei waren Bankenfusionen in den letzten Jahren selten eine gute Idee. Weder die Fusion der Dresdner Bank mit der Commerzbank, noch der Zusammenschluss der Deutschen Bank mit der Postbank gelten als Erfolgsstory für die beteiligten Häuser. Zu groß ist die Gefahr der Kollateralschäden, die durch einen Zusammenschluss entstehen. Kunden und Mitarbeiter werden durch unausweichliche interne Umstrukturierungen, Personalwechsel, Filialzusammenlegungen und dem Kompetenzgerangel oft zerrieben. Für viele Monate ist eine Bank nach einer Fusion quasi handlungsunfähig. Im derzeitigen Umfeld kann sich eine Bank eine solche Phase von Stillstand nicht leisten.

Dabei glänzen deutsche Banken aktuell nicht durch besondere Innovationsfreudigkeit. Die Technologieangebote von Banken in vielen Schwellenländern sind fortschrittlicher als das, was in deutschen Banken derzeit Kunden „von der Stange“ präsentiert wird. Man wird zwar nicht müde zu betonen, dass man die Herausforderungen durch Digitalisierung und der neuen Konkurrenz durch Fintechs erkannt hat. Lediglich an konkreten Angeboten mangelt es. Keine Bank in Deutschland bietet derzeit eine brauchbare App, mit der sich alle Bankgeschäfte bequem am Smartphone erledigen lassen.

Das dafür durchaus ein Bedarf besteht, beweist seit einigen Monaten ein junges Start-up. Mit der Konto-App N26 hat das Unternehmen aus dem Nichts, innerhalb von nur 2 Jahren, 200.000 Kunden gewonnen. Mit der App lässt sich das eigene Girokonto vollständig vom Smartphone aus verwalten. Das Geschäft ist rein auf Online-Banking ausgerichtet und verzichtet vollständig auf jegliche Filialstruktur. Das klingt nach einer ziemlich simplen Idee, aber das junge Start-up zählt zu den Ersten, die sie tatsächlich in die Tat umgesetzt haben. Gerade in der jüngeren Zielgruppe der 18- bis 35-Jährigen ist die App derzeit der Renner. Der Erfolg hat namhafte Investoren wie Paypal-Gründer Peter Thiel oder Li Ka-Shing, einen der reichsten Chinesen, angelockt. Mehr als 50 Millionen Dollar haben sie der jungen Firma insgesamt zur Verfügung gestellt. Seit einigen Wochen besitzt das Fintech auch eine eigene Banklizenz, die im Euroraum nur der erhält, der ein aufwendiges Prüfverfahren übersteht. Jetzt können sie ganz offiziell mitspielen im Konzert der Großen. Dabei erscheinen die Funktionalitäten der App auf den ersten Blick ganz banal. Dort findet man beispielsweise alle seine Ausgaben übersichtlich geordnet vor. Restaurantbesuche werden zu einer Rubrik zusammengefasst, Reisen zu einer anderen. Bei jeder Kontobewegung erhält der Kunde zudem sofort eine Push-Mitteilung auf sein Handy. Aufgeschreckt von dem Erfolg kündigen derzeit im Wochentakt nun auch die großen Banken neue Finanz-Apps an. Aber offensichtlich ist es nicht so einfach, eine brauchbare App zu programmieren.

Noch schwieriger ist es allerdings, mit einer App auch Geld zu verdienen. Denn bisher ist das Girokonto von N26 als auch die dazugehörige Kreditkarte kostenlos. Das Unternehmen nutzt die vorhandene Infrastruktur an Geldautomaten der Konkurrenz. Aber das ist teuer. Bei jeder Abhebung am Geldautomaten entstehen dem Start-up Kosten zwischen 1,50 Euro und 2 Euro. Mittlerweile hat man die Zahl der kostenlosen Abhebungen auf fünf im Monat beschränkt. Geld nimmt N26 ein, wenn Kunden ihre Einkäufe bei Einzelhändlern mit der zum App-Konto gehörenden Kreditkarte bezahlen. Ein kleiner Prozentanteil des Umsatzes geht dann an N26. Nach dem gleichen Prinzip arbeiten auch andere Kreditkarteninstitute. Außerdem verdient N26 Geld an Kunden, die ihr Konto überziehen. Jedem Neukunden räumt das Fintech einen Sofort-Dispo in Höhe von 1000 Euro ein, zu einem Zins von 8,9 Prozent. Langfristig muss das Start-up aber seine Kunden dazu bringen, sämtliche Bankgeschäfte über die App abzuwickeln. Dies wird dann sicherlich nicht mehr kostenfrei möglich sein. Mit seinen ersten Sparangeboten ist das Unternehmen bereits in den kritischen Fokus der Verbraucherschützer geraten.

Vielleicht sollten die großen deutschen Banken darüber nachdenken, sich kleinere innovativere Partner ins Haus zu holen. Die 50 Millionen Dollar die Geldgeber vor kurzem in N26 investiert haben, sind für die Deutsche Bank nicht mehr als die berühmten „Peanuts“. Aber Bankvorstände streben mehr nach Größe. Schließlich nimmt deren Einkommen mit der Größe der Bank zu. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Die Probleme der Platzhirsche im Bankensektor werden dabei auf jeden Fall nicht kleiner. Somit wird der Refrain des Beatles Hits noch lange auf den Vorstandsfluren zu hören sein. „Help, I need somebody. Help, not just anybody. Help, you know I need someone, help

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

Empfehlen Sie unseren Artikel Ihren Freunden