Früher war alles besser, sogar die Zukunft“, stellte schon der bayrische Humorist Karl Valentin in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts augenzwinkernd fest. Viele Anleger blicken auch heute wieder wehmütig auf die Zeit vor der Finanzkrise 2008/09 zurück. In diesen Wochen jährte sich zum 10ten mal der Tag, als der Konkurs des Investmenthauses Lehman Brothers eine der größten Krisen am Finanzmarkt auslöste und daraufhin der bis dahin sichere und nahezu risikolose Zins verschwand. Seitdem stellen sich vor allem konservative Anleger jeden Morgen die Frage: Wo kriege ich noch Zinsen?

Auch die Aktienmärkte machen aktuell wenig Freude

Für klassische Sparanlagen, wie das Sparbuch, Tages- oder Festgelder, erhalten Anleger nach wie vor kaum noch Zinsen. Auch die gute alte Kapitallebensversicherung hat ihre guten Jahre schon lange hinter sich gelassen. Mitte der 90er Jahre versprach sie noch, inklusive der Überschussbeteiligung, 6 bis 7 Prozent. Allein der Garantiezins betrug schon 4 Prozent. Mittlerweile kann so mancher Lebensversicherungskunde froh sein, wenn er sein eingezahltes Kapital am Ende der Laufzeit zurückerhält. Viele Anbieter ziehen sich komplett aus dem Geschäft zurück, etablierte Marken verschwinden quasi über Nacht. Zeitgleich machen auch die Aktienmärkte wenig Freude. Zumindest, wer wie die meisten Deutschen, auf Dax-Titel in seinem Depot gesetzt hat. Für das laufende Jahr 2018 beträgt die Wertentwicklung von Deutschlands bekanntesten Index minus 4 Prozent. Die alten Höchststände aus dem Januar sind mittlerweile wieder weit weg. Das einzige was derzeit sicher steigt ist die Inflation. So langsam wirkt die Politik der Notenbanken und die finanzielle Repression entfaltet ihre Wirkung. Konservative Sparer werden sukzessiv enteignet.

Die Jahresendrally scheint weiter entfernt denn je

Von einer Jahresendrally scheinen die Märkte im Augenblick weiter entfernt denn je. Die Stimmung der Anleger ist innerhalb von nur zwei Wochen von nahezu euphorisch auf ziemlich niedergeschlagen umgeschwenkt. Mittlerweile glauben aktuellen Umfragen zufolge bereits 36 Prozent der Anleger, dass der Markt sich in einem Abwärtstrend befindet. Der Herbstblues scheint sich unter den Anlegern auszubreiten. Die Pessimisten übernehmen langsam die Deutungshoheit. Eine nicht ungefährliche Situation, denn das menschliche Gehirn ist ein „Schlechte-Nachrichten Junkie“. Der Mensch neigt dazu, schlechte Nachrichten höher zu bewerten als positive Meldungen. Man kann sich negative Formulierungen besser merken, da schlechte Nachrichten die Aufmerksamkeit erhöhen. Psychologen sprechen dabei von dem Negativitätsbias. Das ist durchaus sinnvoll, denn früher konnte hinter jeder Ecke der berühmte Säbelzahntiger lauern und es war wichtig, dass man sich dieser Gefahr immer bewusst war. Mittlerweile ist der Säbelzahntiger ausgestorben, aber eine viel gefährlichere Spezies lauert mittlerweile dem normalen Anleger auf, der Untergangsprophet. In regelmäßigen Abständen warnen seine Vertreter vor der nächsten großen Krise. Sie bieten in der Regel keine Lösungen an, werden aber lauter, sobald der Markt etwas nach unten korrigiert. Als Anleger wird man von diesen schlechten Nachrichten angezogen, wie die Motten vom Licht.

Die menschliche Psyche spielt Anlegern immer wieder einen Streich

Leider spielt einem die menschliche Psyche jetzt wieder einen Streich und man wird Opfer der Verfügbarkeitsheuristik. Diese wird oft unbewusst eingesetzt, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses beurteilt werden muss. Man greift einfach darauf zurück, wie verfügbar dieses Ereignis oder Beispiele ähnlicher Ereignisse im Gedächtnis sind. Ereignisse, an die wir uns sehr leicht erinnern, scheinen uns daher wahrscheinlicher zu sein als Ereignisse, an die wir uns nur schwer erinnern können. Glücksspieler neigen in Hallen mit vielen Geldspielautomaten eher dazu, ihren Automaten mit weiterem Geld zu füttern, weil sie ab und zu jemand anderes beim Gewinnen beobachten und ihre eigenen Chancen dann höher einschätzen. Man behält die Gewinne anderer leichter in Erinnerung als die viel häufigeren Verluste. Untergangspropheten machen sich diese Verhaltensweise zu Nutzen und leben in der Regel gut durch den Verkauf ihrer Bücher. Anleger sollten sich nicht anstecken lassen und versuchen die Welt so rational wie möglich zu betrachten.

In der Eurozone steht vorerst keine Zinswende an

In der Eurozone ist, soviel ist sicher, in den nächsten Monaten keine Zinswende zu erwarten. Immerhin wird das umstrittene Anleihenkaufprogramm der EZB zum Jahresende auslaufen. Statt 30 Milliarden Euro investiert die Notenbank ab Oktober nur noch 15 Milliarden Euro pro Monat in Staats- und Unternehmenspapiere. Eine Wende hin zu höheren Zentralbankinsen wollen die Währungshüter frühestens im Herbst 2019 einläuten. Der EZB-Rat bekräftigte in seiner letzten Pressekonferenz seine Einschätzung, dass die Zinsen bis “mindestens über den Sommer 2019” auf dem aktuellen Niveau bleiben werden. Etwas weiter dagegen sind mittlerweile die USA. Die amerikanische Notenbank hat schon im letzten Jahr damit begonnen ihre Leitzinsen langsam zu erhöhen und das zeigt Wirkung. Die vielbeachtete Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen hat am Freitag mit 3,24 Prozent das höchste Niveau seit 2011 erreicht. Steigende Zinsen sind aber schlecht für Aktienmärkte und in der Folge gerieten auch die Kurse an der Wall-Street in den letzten Tagen wieder unter Druck.

Die US-Wirtschaft läuft derzeit besser denn je

Allerdings läuft die US-Wirtschaft derzeit besser denn je. Für das laufende Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Wachstum von satten 2,9 Prozent. Für das nächste Jahr werden immer noch 2,5 Prozent erwartet. Für das weltwirtschaftliche Wachstum wurde die Prognose nur um 0,2 Prozentpunkte auf immer noch 3,7 Prozent reduziert. In Anbetracht der Belastungen durch die Trump’sche Handelspolitik ein immer noch solides Wachstum. Für die Bundesrepublik sagt der IWF in seiner aktuellen Prognose ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,9 Prozent sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr voraus. Zwar war man auch hier zu Beginn des Jahres noch optimistischer, allerdings sehen die Analysten vom IWF nach wie vor einen stabilen Wachstumstrend.

Es kommt auf die richtigen Titel im Depot an

Wer jedoch nach Krisen und Belastungen der Weltwirtschaft sucht, wird schnell fündig. Der drohende harte Brexit, Haushaltsdebatte in Italien und zunehmende Probleme in den Schwellenländern stellen die Finanzmärkte immer wieder vor neue Herausforderungen. In diesen Phasen kommt es zunehmend darauf an, die richtigen Titel im Depot zu haben. Das einfache Abbilden eines Marktindexes reicht vermutlich in den nächsten Monaten nicht mehr aus.  Anleger sollten sich in diesen Tagen einfach ein weiteres Bonmot von Karl Valentin vergegenwärtigen: „Heute ist die gute, alte Zeit von morgen.”

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