Die weißen Tauben fliegen wieder, der böse Traum kehrt immer wieder…“, als der deutsche Liedermacher Hans Hartz 2010 mit diesem Lied sein Comeback versuchte, hatte er vermutlich nicht die Geldpolitik im Hinterkopf. Allerdings beschreibt diese Liedzeile eine Entwicklung, die kurze Zeit später für viele deutsche Sparer teure Realität werden würde. Denn nach der Finanzkrise übernahmen „Tauben“ die Führung der wichtigsten westlichen Notenbanken. Seit dem 01. November 2011 ist der Italiener Mario Draghi Präsident der Europäischen Zentralbank. Im Jahr 2014 übernahm die „Taube“ Janet Yellen die Führung der amerikanischen Notenbank. Unter „Tauben“ subsumiert man die Anhänger einer eher expansiven Geldpolitik, d.h. sie agieren eher nachgiebig und befürworten niedrige Zinsen. In der Inflation sehen die Tauben grundsätzlich nichts Negatives und halten sie in gewissen Marktphasen für nützlich. Ihnen gegenüber stehen die „Falken“. Diese stehen für eine restriktive, straffe und energische Geldpolitik, die höhere Zinssätze beibehält, um Inflation zu drosseln. Geldwertstabilität ist eines der wesentlichen Ziele dieser Ausrichtung.

Deutschland war in den letzten Jahrzehnten immer Falkenland

Deutschland war geldmarktpolitisch in den letzten Jahrzehnten immer Falkenland. Die Sympathien der Deutschen konnte der Italiener daher nie für sich gewinnen. Gleich in der ersten Sitzung seiner Amtszeit im November 2011 senkte er den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent und setzte den Lockerungskurs unbeirrt fort. Seit März 2016 liegt der Satz bei Null. Draghi wird als der „zinslose Präsident“ in die Geschichte eingehen. Er ist der erste EZB-Präsident, der in seiner Amtszeit nie die Zinsen angehoben hat. In diesem Oktober endet turnusgemäß seine Amtszeit. Noch im September letzten Jahres hielt sich die Hoffnung im Markt, dass Draghi auf seiner letzten Sitzung die Leitzinsen anheben würde. Doch nachdem sich wichtige Konjunkturindikatoren deutlich eingetrübt haben, hat sich diese Erwartung längst wieder verflüchtigt. Mittlerweile haben sich jegliche Zinserhöhungsfantasien für das laufende Jahr erledigt. Frühestens für Mitte 2020 rechnen die Investoren erst wieder mit der ersten Zinsanhebung.

Seine Amtszeit wird für die deutschen Sparer teuer

Für die deutschen Sparer wird die Amtszeit von Mario Draghi damit immer mehr zu einem teuren Trauma. Schätzungen gehen davon aus, dass die Deutschen 3,7 Billionen Euro in Form von Bankeinlagen halten. Diese Einlagen werfen kaum noch einen nennenswerten Zins ab. Gleichzeitig steigen die Verbraucherpreise stärker an. Im Februar lag die Jahresteuerungsrate in Deutschland bei 1,6 Prozent. Damit verlieren die Sparer, die ihre Anlagestrategie nicht ändern, unter dem Strich Monat für Monat Geld. Das Geldvermögen verliert zusehends seine Kaufkraft. Der bevorstehende Führungswechsel bei der EZB wird vermutlich kein Ende der ultralockeren Geldpolitik mit sich bringen. Lange Zeit galt der Bundesbank-Präsident und ausgewiesener „Falke“ Jens Weidmann als potentieller Nachfolger. Mittlerweile gehen Beobachter jedoch davon aus, dass Weidmann als Nachfolger aus dem Rennen ist. Die zweitwichtigste Position innerhalb der EZB ist der Chefvolkswirt. Auch hier steht in diesem Jahr ein Wechsel an. Einziger offizieller Bewerber und damit quasi gesetzt ist der irische Notenbankchef Philip Lane. Er gilt als herausragender Ökonom und wird ebenfalls dem Lager der „Tauben“ zugerechnet. Damit rückt ein Kurswechsel in der Politik der EZB in weite Ferne.

Verbraucher sollten sich auf immer gewagtere Geldexperimente der EZB einstellen

Ganz im Gegenteil. Sparer und Verbraucher sollten sich auf immer gewagtere Geldexperimente der EZB einstellen. Denn weltweit mehren sich die Zeichen für einen Konjunkturabschwung. Das klassische Gegenmittel in solchen Situationen sind Zinssenkungen. Doch dieses Mittel ist bereits ausgereizt. Denn um eine Rezession abzufedern, braucht man historisch gesehen schon eine Zinssenkung von drei bis sechs Prozentpunkten. Das würde für die Zukunft einen negativen Leitzins in der Eurozone bedeuten. Geschäftsbanken zahlen bereits seit März 2016 für Einlagen bei der EZB einen Negativzins von 0,4 Prozent. Diese Strafzinsen haben dazu geführt, dass immer mehr Banken Geld nicht mehr an die EZB überweisen, sondern als Bargeld in eigenen Tresoren lagern. Denn die Flucht in das Bargeld ist eine Möglichkeit, die derzeitige Geldpolitik der EZB zu unterlaufen. Nicht nur für Banken, sondern auch für private Sparer. So mancher Bürger hortet seine Ersparnisse mittlerweile unter seinem Kopfkissen. Bedeutende Ökonomen, allen voran der Harvard-Professor Kenneth Rogoff, fordern deshalb schon lange das Bargeld völlig abzuschaffen.

Ein Comeback der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell

Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben mittlerweile eine Denkschrift vorgelegt, um diesem Problem Herr zu werden. Das IWF-Konzept namens „Cashing In: How to Make Negative Interest Rates Work“ sieht eine Entwertung des Bargeldes analog zum Negativzins auf Guthaben vor. Auf einmal kommt die Idee des Schwundgeldes von dem Begründer der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesell wieder zu neuen Ehren. Er vertrat die Meinung das man Geld ausgeben soll und nicht horten. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte das Geld im Zeitablauf an Wert verlieren. Die Idee des Schwundgeldes war geboren. Da ein Verbot von Bargeld politisch, vor allem in einem Land wie Deutschland, nicht durchsetzbar ist, machen die Ökonomen des IWF einen anderen Vorschlag. Sie wollen Bargeld wie eine eigene Währung behandeln. Es gäbe dann also einen Währungskurs für elektronisches Geld (alles, was auf dem Konto liegt) und einen Kurs für Bargeld. Würde die Zentralbank nun Negativzinsen einführen, müsste sie parallel das Bargeld abwerten.

Der Handel müsste mitspielen

Um das Ziel zu erreichen, müsste der Handel mitspielen. Es würde im Supermarkt einen Preis für Barzahler und einen Preis für Kartenzahler geben. Technisch ist das heutzutage kein Problem mehr und ohne Mehrkosten umsetzbar. Angenommen, die Zentralbank senkt den Leitzins um drei Prozent und die Banken geben das voll als Strafzins an die Kunden weiter, heißt das: Von 100 Euro, die man heute auf dem Konto liegen hat, sind am Ende des Jahres nur noch 97 Euro übrig. Wer dagegen die 100 Euro als Bargeld zuhause aufbewahrt, kann sich damit nach einem Jahr ebenfalls nur noch Waren im Gegenwert von 97 Euro kaufen. Der Flucht in das Bargeld wäre damit ein wirksamer Riegel vorgeschoben. Die Attraktivität von Bargeld würde verloren gehen. Zeitgleich würde vermutlich eine Flucht in Sachwerte wir Immobilien, Aktien oder Gold einsetzen. Wahrscheinlich würden die Preise von Sachwerten neue Rekordhöhen erreichen.

Das Instrumentarium des geldpolitischen Werkzeugkoffers ist noch lange nicht ausgereizt

Dass der Vorschlag von den Ökonomen des IWF kommt sollte zumindest hellhörig machen. Schließlich handelt es sich dabei um eine anerkannte internationale Organisation. Mario Draghi hat auch immer wieder betont, dass das Instrumentarium seines geldpolitischen Werkzeugkoffers noch lange nicht ausgereizt ist. Mit Zinssenkungen und Anleihenkaufprogramm hat die EZB ihr Pulver noch lange nicht verschossen. Vielleicht war es nur das Aufwärmprogramm für den ganz großen geldpolitischen Wurf. An seinem letzten Arbeitstag könnte Draghi dann lauthals singen: „Und ich singe allen zum Trotz immer wieder meine Lieder und die weißen Tauben fliegen wieder...“.

 

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