Am letzten Freitag sank der deutsche Leitindex Dax um 0,73 Prozent auf 12.325,12 Punkte und notierte damit wieder auf dem Niveau von Ende April. Auf Wochensicht büßte der Dax 3,21 Prozent ein und hatte damit die schwächste Woche des laufenden Jahres. Im abgelaufenen Monat Juni beträgt das Minus damit immerhin noch mehr als 2 Prozent. Sofort kamen die Pessimisten aus ihren Löchern und riefen zum wiederholten Male in diesem Jahr den Beginn der Korrekturphase für deutsche Aktien aus. Die positiven Nachrichten seitens der Konjunktur wurden konsequent ignoriert, auch der überraschend starke Anstieg der deutschen Einzelhandelsumsätze im Mai um 6,3 Prozent konnte die negative Stimmung am deutschen Aktienmarkt nicht umkehren. An den anderen großen Börsen reagieren die Anleger jedoch weitaus gelassener. Der Dow Jones-Index notiert bei Börsenschluss in Frankfurt am Freitagabend 0,4 Prozent höher bei 21.376 Punkten. Auch an der Nasdaq wurde der Ausverkauf der Techaktien vorerst gestoppt. Apple, Facebook und Co verzeichneten sogar leichte Kursgewinne.

Das interessiert den deutschen Privatanleger scheinbar jedoch nur am Rande. Die Laune der Anleger ist so stark umgeschlagen wie zuletzt nach dem überraschenden Wahlsieg Donald Trumps oder nach dem überraschenden Brexit-Votum. Schlagartig macht sich unter den deutschen Investoren Unsicherheit breit. Der Dax gilt vielen Deutschen als Messlatte für die Lage am Aktienmarkt. Jeden Abend ganz offiziell in der Tagesschau verkündet, ist er für viele Anleger der Leuchtturm in Dunkeln der Finanzmärkte. Eine fatale Fehleinschätzung. Die Deutschen haben große Angst davor, dass sie mit Aktien Geld verlieren, weil die Kurse sinken könnten. Zwei Mal in den vergangenen zehn Jahren haben sie solche Abstürze erlebt. Der Dax-Stand erscheint dabei vielen verdächtig hoch. Weit oberhalb der 12.000 Punkte muss der Absturz doch bald kommen. Bei rund 8000 Punkten lag er 2007 zu Beginn der letzten Finanzkrise. Die Korrektur ist überfällig, deutsche Aktien sind viel zu teuer, so lautet eine weit verbreitete Meinung. Doch diese Folgerung ist völlig falsch, und zwar weil der Dax-Punktestand falsch und irreführend ist.

Was viele Anleger übersehen, in den Börsenberichten ist in der Regel vom „Dax-Performance-Index“ die Rede. Das ist irreführend, denn er wird nach einer völlig unüblichen Methode berechnet. Bei einem Performance-Index werden auch die Dividenden eingerechnet. In keinem anderen Land der Welt wird dies so gehandhabt. Keiner der bedeutenden anderen Aktienindizes weltweit – ob Dow Jones, Nikkei 225 oder Eurostoxx 50 – berücksichtigt die ausgeschütteten Gewinne der Unternehmen. Überall sonst gilt nur der Kurs-Index, werden also die Dividenden nicht berücksichtigt. Und nur das ergibt Sinn. Denn für die Frage, ob Aktienkurse hoch sind oder nicht, spielen die in der Vergangenheit ausbezahlten Dividenden keine Rolle. Dafür ist einzig und allein der aktuelle Kursstand entscheidend.

Der „wahre“ oder „echte“ Dax ist der Kurs-Index. Der spielt jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung der Privatanleger so gut wie keine Rolle. Medien hierzulande fokussieren in ihrer Berichterstattung ausschließlich auf den Performance-Dax. Dabei markierte der Kurs-Index zuletzt keine Allzeithochs. Er notiert derzeit bei knapp 6.000 Punkten. Damit liegt er noch unter den Höchstständen von 2015 und in etwa auf dem Niveau des Jahres 2000. Zu diesem Zeitpunkt zählte die deutsche Wirtschaft noch als „kranker Mann“ in Europa. Seitdem hat sich die Wettbewerbsfähigkeit und Stärke der deutschen Volkswirtschaft elementar verbessert. Allein vor diesem Hintergrund ist der deutsche Markt nach wie vor nicht zu teuer. Kritiker bezeichnen den Performance-Index als bewusste Irreführung der Verbraucher. Es entsteht der falsche Eindruck, die Kurse der deutschen Top-30-Unternehmen seien schon zu gut gelaufen. In der Folge stellen viele Anleger ihre Investitionen zurück. Schließlich möchte niemand zu teuer einkaufen. Die Furcht vor dem Platzen einer vermeintlichen Börsenblase schreckt die privaten Anleger ab. Als Folge verliert ihr Vermögen weiter an Kaufkraft, denn die Minizinsen auf Tages- und Festgeld gleichen die Inflation schon lange nicht mehr aus.

Darüber hinaus ist der Dax extrem volatil. Im Vergleich zu anderen bedeutenden Indizes ist er geradezu winzig. Er besteht aus nur 30 deutschen Unternehmen. Der Börsenwert dieser Unternehmen beträgt knapp 1,35 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich, die 500 im amerikanischen Börsenindex S&P 500 gelisteten Unternehmen kommen auf eine Marktkapitalisierung von rund 21 Billionen US-Dollar. Allein die Google-Mutter Alphabet ist an der Börse etwa halb so groß wie der gesamte Dax. Ein Investment in den Dax ist deshalb immer ein heißer Ritt. In den vergangenen drei Jahren fiel der Dax zwischenzeitlich von 10.000 auf 8.300 Punkte, fiel also um 17 Prozent. Dann stieg der Index auf 12.400 Punkte. Das ist ein Plus von 50 Prozent. Anschließend fiel er wieder auf 8.700 Punkte, also um 30 Prozent, um danach wieder auf aktuell 12.800 Punkte oder um 50 Prozent zu steigen. In der Wahrnehmung der deutschen Anleger ist eine Investition in Aktien dadurch eine unsichere, extrem schwankungsintensive Angelegenheit.

Durch die Begrenzung auf nur 30 Titel, ist ein Investment in den Dax nicht sehr breit diversifiziert. Die komplette Dax-Position an Technologie-Titeln besteht beispielweise nur aus zwei Unternehmen, SAP und Infineon. Ganz anders beim S&P 500. Hier finden sich mit Apple, Alphabet, Microsoft, Facebook, Amazon und vielen anderen die Weltmarktführer im Internet. Bei anderen Segmenten ist das Verhältnis ähnlich. Bei Industriewerten finden sich vor allem zyklische Titel im Index. Wenn der Konjunkturoptimismus zunimmt, dann profitiert der Dax in der Regel überdurchschnittlich stark. Im Umkehrschluss leidet die Performance bei Konjunktursorgen.

Für die meisten deutschen Anleger besteht ein Investment in Aktien jedoch mehrheitlich aus deutschen Titeln. Der schwankungsintensive Dax prägt dabei entscheidend das Risikoempfinden. Selbst wer nicht direkt in den Dax, beispielsweise über einen entsprechenden ETF, investiert, zieht auch bei der Aktienauswahl deutsche Unternehmen vor. „Home Bias“ wird in der ökonomischen Verhaltensforschung die Neigung von Anlegern genannt, ihr Geld eher in Aktien sowie Anleihen von Unternehmen ihrer Heimat zu investieren. Leider führt eine übertriebene Heimatneigung zu einem starken Mangel an Streuung in einem Portfolio und damit zu unnötigen emotionalen Stress und womöglich höheren Verlusten. Eine möglichst breite Streuung über Regionen, Branchen und Anlageklassen hinweg mindert das Verlustrisiko und verspricht bei ähnlichem Risiko eine höhere Rendite.

Irrlichter (Narrenlichter) sind seltene Leuchterscheinungen, die nachts insbesondere in Sümpfen und Mooren beobachtet werden können. Wer ihnen bedingungslos folgt rennt schnell in sein Verderben. Investoren sollten auf der Suche nach Rendite ihren Fokus auf globale Qualitätsaktien legen. Wer bei Investitionen den (Performance-) Dax zu seinem Leuchtturm erklärt, läuft kurzfristig immer Gefahr einem Irrlicht gefolgt zu sein.

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

Empfehlen Sie unseren Artikel Ihren Freunden