„Die Feuerzangenbowle” ist der Inbegriff eines Filmklassikers. Besonders Professor Bömmel, der als Physiklehrer in seinem niederrheinischen Akzent die Funktionsweise der Dampfmaschine erklärt, ist vermutlich den meisten ein Begriff. Dampfgetriebene Kraftmaschinen wirbelten gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Gesellschaftsordnung durcheinander. Die wirtschaftliche Produktion steigt sprunghaft, der Handel gedeiht, die industrielle Fertigung von Gütern verdrängt herkömmliche Arbeitsweisen, Großstädte und Industriereviere entstehen. In den folgenden Jahrzehnten findet ein tiefgreifender Wandel von einer agrarisch geprägten in eine durch mechanisierte und industrielle Fertigungsweisen bestimmte Gesellschaft statt. Die industrielle Revolution veränderte die Welt innerhalb von wenigen Jahren. Seit dem Millennium befindet sich die Welt in der digitalen Revolution (auch dritte industrielle Revolution genannt). Der Beginn des „Digitalen Zeitalters“ wird auf das Jahr 2002 datiert. In diesem Jahr war es erstmalig möglich, mehr Informationen digital als im Analogformat zu speichern. Die fast vollständige Digitalisierung der weltweit gespeicherten Informationsmenge vollzog sich in weniger als 10 Jahren. Es wird geschätzt, dass im Jahr 1993 lediglich 3 Prozent der weltweiten Informationsspeicherkapazität digital war, während es 2007 bereits 94 Prozent war. Fast jeder Lebensbereich wird digital, seit wenigen Jahren sorgen sogenannte Kryptowährungen, allen voran Bitcoins, für eine Revolution im Zahlungsverkehr. Frei nach Professor Bömmel stellt sich für viele heute die Frage: „Also, wat is en Bitcoin? Da stelle mehr uns janz dumm“.

Bitcoin (englisch sinngemäß für „digitale Münze“) ist eine digitale Geldeinheit eines weltweit verwendbaren dezentralen Zahlungssystems. Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt und auf Plattformen im Internet gegen klassische Währungen gehandelt. Im Jahr 2008 wurde diese digitale Währung von Satoshi Nakamoto geschaffen. Bei dem Namen handelt es sich allerdings um ein Pseudonym, die wahre Identität des Softwareentwicklers ist bis heute unbekannt. Seine Idee war es eine digitale Währung zu erschaffen, die losgelöst von zentralen Institution bestehen kann und elektronisch für sehr geringe Kosten übertragen wird. Das Bitcoin Protokoll wurde für maximal 21 Millionen Bitcoins entwickelt. Diese Coins können in kleinere Teile (der kleinste Teil ist ein Hundert-Millionstel) aufgeteilt werden und heißen, benannt nach dem Tarnnamen ihres Erfinders, „Satoshi“. Ein Bitcoin basiert nicht auf Gold oder einen anderen realen Wert, sondern auf einen Algorithmus. Weltweit benutzen Menschen eine Software, die einer mathematischen Formel folgt, um Bitcoins zu generieren. Dabei basiert die Währung auf einer Blockchain, also einer dezentralen Datenbank, die alle zehn Minuten um einen Block erweitert wird. Jeder Block enthält ein Megabyte an Transaktionen. Wer Bitcoins überweisen will, muss warten, bis die eigene Transaktion in einen dieser Blöcke geschrieben wird. Damit ist sie ausgeführt.

Der Umtauschkurs pro Bitcoin ist extremen Schwankungen ausgesetzt. Am Sonntag, Bitcoins werden 7 Tage die Woche gehandelt, wurde erstmals die Marke von 4.000 Dollar pro Bitcoin geknackt. Der Anstieg ist atemraubend. Anfang des Jahres kostete die Kryptowährung noch 1.000 Dollar. Über 300 Prozent hätte man verdienen können, wenn man sich zu Jahresbeginn ein paar Bitcoins ins Depot, beziehungsweise in sein „virtuelles wallet“ gelegt hätte. Spekulative Anleger hätten allerding in diesem Jahr noch viel mehr verdienen können, wenn sie auf eine Aktie im Bitcoin Umfeld gesetzt hätten. Die Aktie der US-Bitcoin-Firma First Bitcoin Capital machte eine Rendite von 4.866 Prozent. Der Kurs ist in diesem Jahr von 0,03 auf 1,49 Dollar in die Höhe geschnellt. Das Unternehmen betreibt verschiedene Internetplattformen rund um die Kryptowährung. Anleger sollten sich allerdings darüber im Klaren sein, dass sie die Volatilität ihres Depots durch solche Titel wesentlich erhöhen.  Bei solchen Steigerungen kann keine “klassische Aktie“ Schritt halten. Die bestgelaufene Aktie im deutschen Börsen-Leitindex Dax – die Lufthansa – kam in diesem Jahr auf ein Plus von knapp 60 Prozent. Der Dax legte um gut viereinhalb Prozent zu.

Die positive Wertentwicklung der letzten Tage ist insofern überraschend, als es Anfang August erst zu einer Spaltung der Kryptowährung gekommen ist. Die Besitzer von Bitcoin-Konten erhielten zu ihren Bitcoins die gleiche Menge an den neuen sogenannten Bitcoin Cashs hinzu. Aus einem Bitcoin wurden also, sozusagen, zwei. Rechnerisch hat man deshalb zwar nicht doppelt so viel Kapital wie zuvor, aber eben doch mehr. Hintergrund ist ein Streit innerhalb der Bitcoin Gemeinde über anfallende Gebühren und die Größe eines Blockchain. Bei der stetig gewachsenen Nachfrage nach Bitcoins wurde die bisherige Größe von einem Megabyte zu knapp. Im Netzwerk ist deshalb eine Gebührenpraxis entstanden. Je mehr Gebühren jemand bereit ist für seine Transaktion zu bezahlen, desto schneller wird diese Transaktion ausgeführt. Wer weniger oder keine Gebühren bezahlen will, wartet gut und gerne mehrere Wochen, bis eine Überweisung ausgeführt wird. Das Unternehmen oder das Netzwerk, das den neuen Block schreibt, enthält die Gebühren aller Transaktionen, die in diesen Block aufgenommen wurden. Durch eine Vergrößerung der Blöcke auf mehr Megabyte könnten mehr Transaktionen pro Block durchgeführt, die Knappheit reduziert und die Gebühren gesenkt werden. Eine Gruppe von Nutzern hat Anfang August Fakten geschaffen und entschieden sich abzuspalten und künftig Blöcke von acht Megabyte Größe zu schreiben. In dem sogenannten Bitcoin Cash sind damit aktuell acht Mal so viele Überweisungen möglich wie im bestehenden Bitcoin-System. Dadurch dürften die Transaktionsgebühren bei Bitcoin Cash deutlich niedriger sein. Im Ergebnis gibt es nun zwei parallele Bitcoin-Blockchains.

Beobachter sprechen von einer Evolution der digitalen Währung. Das befürchtete Chaos ist auf jeden Fall ausgeblieben. Bitcoin Cash nutzt den gleichen Blockchain-Algorithmus weiter wie das bisherige System. Die Funktionsweise ist also grundsätzlich dieselbe, nur dass die Modalitäten sich geändert haben. Am Ende ist auch die Geldmenge von Bitcoin-Cash limitiert. Beide Systeme können 21 Millionen Coins generieren. Fachleute gehen davon aus, dass Bitcoin und Bitcoin Cash einige Zeit nebeneinander her existieren werden, bevor sich ein klarer Schwerpunkt erkennen lässt und ein System überleben wird. Normalerweise verlieren Kryptowährungen nach einer solchen Spaltung massiv an Wert. Doch nicht so der Bitcoin, er ist augenscheinlich jetzt noch attraktiver für viele Nutzer. Die neue Krypotowährung Bitcoin Cash kämpft dagegen noch mit vielen Kinderkrankheiten, wird nur auf wenigen Plätzen gehandelt und pendelt derzeit um die 300 Dollar Umtauschkurs.

Legt man das Mooresche-Gesetz zu Grunde, dann sind die derzeitigen Wertsteigerungen der digitalen Währungen erst der Anfang. Dieses Gesetz stammt vom Intel-Mitbegründer Gordon E. Moore. Er sagte 1965 voraus, dass sich alle 18 bis 24 Monate die Anzahl der elektronischen Schaltungen im Prozessor (Transistoren) verdoppeln würde – bei gleichzeitig sinkenden Kosten. Die Wertentwicklung der Bitcoins folgt seit einiger Zeit dem Mooreschen Gesetz. Wenn es so weitergeht, prognostizieren manche Beobachter, könnte der Preis der Bitcoin auf 100.000 US Dollar steigen. Wie sagte schon Professor Bömmel: „En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später“. Es bleibt also spannend.

Redakteur: Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

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