Finanzkolumne

Zahlen schlagen Wahlen

„An der Börse wird die Zukunft gehandelt.“ Diese Börsen-Binsenweisheit hat sich am Montag nach der Wahl in Frankreich eindrucksvoll bestätigt. Der Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich war für den Markt eine nahezu sichere Wette. Entsprechend ist eine „Frankreich-hat-richtig-gewählt-Rallye“ ausgeblieben. Wer am Montagmorgen mit einer Welle der Euphorie an Europas Börsen gerechnet hatte, wurde enttäuscht. Im Gegenteil, Gewinnmitnahmen sorgten dafür, das der Dax leicht unter Druck geriet. In den beiden letzten Wochen vor der entscheidenden Wahl war das Ergebnis bereits eingepreist worden. Macrons Sieg wurde an den Börsen seit dem ersten Wahlgang bereits zwei Wochen lang gefeiert. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Wahl anders oder das Ergebnis weniger eindeutig ausgefallen wäre. 

Dabei haben politische Börsen generell kurze Beine. In der Regel beeinflussen Sie die Märkte nur für wenige Tage. Bereits am zweiten Tag nach Wahl in Frankreich wendete sich der Aktienmarkt wieder harten Fakten zu. Im Vordergrund stehen wieder die Unternehmens- und Konjunkturthemen. Diese fallen mehr als positiv aus. Allgemein ist die Berichtssaison der deutschen Industrie zu den ersten drei Monaten des Jahres bislang überzeugend ausgefallen, die Ausblicke der Unternehmen machen zudem Mut für die kommenden Monate. Aber nicht nur in Deutschland sehen die Vorzeichen gut aus, auch in Europa bewegen sich die Börsenindizes in die richtige Richtung. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone scheint für das erste abgewendet. Die Wahlen in Österreich, den Niederlanden und zum Schluss in Frankreich haben den europakritischen Kräften ihre Grenzen aufgezeigt. Der nationalistische Populismus befindet sich wieder auf dem Rückzug. Dadurch werden Europas Aktienmärkte für Anleger wieder attraktiv. 

Bislang waren Europas Finanzmärkte bei den Investoren höchst unbeliebt. Der „alte“ Kontinent schien von Krise zu Krise zu wandern, die Wirtschaft stagnierte vielerorts, und die Unternehmensgewinne – das wichtigste Kriterium für Börsenanleger – blieben weit hinter jenen der US-Konkurrenten zurück. Doch bereits mit der Wahl in den Niederlanden wurde eine Trendwende eingeleitet. Seit März entwickelte sich der EuroStoxx-50-Index besser als sein amerikanisches Pendant, der S&P 500. Die Investoren sind sich einig, dass sich dieser Trend durch die Wahl in Frankreich in den nächsten Wochen verstärken wird. In dem Maße, wie die Sorgen um die Zukunft der europäischen Union abnehmen, nehmen die Sorgen der Investoren in Bezug auf die USA zu. In den letzten Wochen sind die Zweifel gewachsen, ob die Trump-Regierung die versprochenen Reformen tatsächlich durchführen kann. Der „Trump-Zug“ gerät zunehmend ins Stottern. 

Das Jahr 2017 scheint den wirtschaftlichen Wendepunkt in Europa zu markieren. Das Gewinnwachstum europäischer Unternehmen ist nach sechs schwachen Jahren zurückgekehrt. Für Anleger ist die Tatsache interessant, dass europäische Aktien wesentlich günstiger bewertet sind als amerikanische. Aus diesem Grund rechnen viele Analysten in den kommenden Wochen mit einem verstärkten Kapitalstrom aus den USA nach Europa. Ein schwächerer Euro unterstützt diesen Trend wesentlich. Denn damit steigen die Gewinne außereuropäischer Investoren zusätzlich. 

Für viele Beobachter kommt hierbei Frankreich eine Schlüsselposition zu. Derzeit gilt das Land noch wirtschaftlich als der „kranke Mann“ Europas. Aber das Potenzial der zweitgrößten Euroland-Ökonomie ist riesig. Wenn es dem neuen Präsidenten gelingt, Frankreich wieder wettbewerbsfähig zu machen, wird dies die Überlebenschancen der europäischen Währungsunion und von Gesamteuropa beträchtlich erhöhen. Manche Optimisten reden sogar schon davon, dass Frankreich Deutschland als führende Wirtschaftsmacht des Kontinents ablösen könnte. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Deutschland und Frankreich immer wieder in der wirtschaftlichen Führungsrolle abgelöst. Jetzt sieht so mancher Analyst Frankreich wieder an der Reihe. Für sie stehen die Chancen nicht schlecht, dass das nächste Jahrzehnt ganz im Zeichen der Franzosen stehen wird. 

Die Ausgangslage für Frankreich ist dabei gar nicht mal so schlecht. Das Land verfügt über eine sehr gute Infrastruktur und eine gesunde Demographie. Die wirtschaftliche Nummer zwei Europas ist die fruchtbarste Nation der ganzen EU, weit vor südeuropäischen Ländern und Deutschland. Die Geburtenrate liegt in Frankreich bei zwei Kindern pro Frau. In Deutschland liegt die Geburtenrate bei aktuell nur 1,5 Kindern. In den letzten Jahren hat allerdings die relativ junge Bevölkerung der 65-Millionen-Einwohner-Nation wenig Vorteile gebracht. Im Gegenteil, mangels attraktiver Jobs stieg die Jugendarbeitslosigkeit und wurde zu sozialem Sprengstoff. Die geplanten Reformen des neuen Präsidenten setzen zu einem großen Teil genau an diesen Punkten an. Er will die Unternehmenssteuer senken und den strengen Kündigungsschutz flexibilisieren. Beobachter sind sich einig, dass Frankreich mit Reformen, die der deutschen Agenda 2010 ähneln, einen Aufschwung in ein neues Zeitalter schaffen kann. Es gibt einige Bereiche, in denen französische Unternehmen Weltmarktführer sind. Dem Luxusgüterhersteller LVMH Moët Hennessy kann in der Branche niemand das Wasser reichen. Der Öl- und Gaskonzern Total und der Pharmakonzern Sanofi gehören zu den größten der Branche und die BNP Paribas, bringt es auf eine mehr als doppelt so große Marktkapitalisierung und doppelt so viele Mitarbeiter wie die Deutsche Bank. 

Zurzeit ist allerdings noch unsicher, ob Macron im Elysée-Palast erfolgreich sein wird. Noch ist er ein König ohne Land. Seine Bewegung „En Marche!“ ist noch keine echte politische Partei. Am 11. und 18. Juni findet die Wahl zur Nationalversammlung statt. Es ist nicht zu erwarten, das seine Bewegung dort eine Mehrheit erhält, er ist also auf die Zusammenarbeit mit einer anderen Partei angewiesen. Es bleibt noch spannend in Frankreich. 

Bis auf Weiteres bleibt Deutschland der wirtschaftliche Motor in Europa. Unbeirrt von Brexit und protektionistischen Drohungen aus den USA machen die deutschen Unternehmen im Ausland weiter gute Geschäfte. Sowohl die Exporte als auch die Importe erreichten im März Höchststände, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Die Ausfuhren kletterten um 0,4 Prozent zum Vormonat und damit den dritten Monat in Folge. Die Exporte summierten sich auf 118,2 Milliarden Euro, was einem Plus von 10,8 Prozent im Vergleich zum März 2016 entspricht. Auch vom deutschen Arbeitsmarkt kommen gute Nachrichten. Wie das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mitteilte, gab es im ersten Quartal dieses Jahres mehr als 1 Millionen offene Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. In diesem Umfeld erreicht der Dax fast jede Woche einen neuen Rekordstand. Mittlerweile sind die 13.000 Punkte nicht mehr weit. 

Anleger sollten das positive Momentum in Europa nutzen. Im Vergleich zu den USA sind europäische Aktien noch günstig bewertet. Wie lange das noch so sein wird, kann keiner vorhersagen. Allzu viel Zeit sollten sich Investoren bei den Zahlen nicht mehr lassen.

 

Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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