Finanzkolumne

Willkommen in der Matrix

Im letzten Jahr überraschte der Tesla und Space X-Gründer Elon Musk mit seiner Einschätzung zu einer Frage, die Menschen seit jeher fasziniert und beängstigt: Ist das, was wir sehen, wirklich real? Der US-Milliardär und Großinvestor ist sich dabei ziemlich sicher, wir leben schon längst in der virtuellen Realität. Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten können sich viele mit diesem Gedanken anfreunden. Musk gehört zu den schillerndsten Unternehmern im Silicon Valley. Reich wurde er mit der Gründung von PayPal, jetzt versucht er die Raumfahrt zu privatisieren (Space X) und revolutioniert mit seinen Elektroautos (Tesla) die Automobilbranche. Der vermeintliche Weltveränderer ist bekannt für spektakuläre Thesen und hat den Blick stets weit in die Zukunft gerichtet. 

Er begründete seine These wie folgt. Die Technik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant weiterentwickelt. In den 70er Jahren habe alles mit dem simplen Computerspiel „Pong“ angefangen. Das Spiel, das als der Urvater der Computerspiele gilt, besteht nur aus einem Punkt und zwei Strichen. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zwei Spieler steuern die Striche und spielen sich ähnlich wie beim Tennis den Ball zu. 40 Jahre später haben wir fotorealistische 3D-Simulationen, die von Millionen von Menschen gleichzeitig genutzt werden und die jedes Jahr besser werden. Bald kommen Virtual und Augmented Reality hinzu. Da die Grafik stetig besser würde, sei es nur eine Frage der Zeit, bis man die virtuelle nicht mehr von der bekannten Realität unterscheiden könne, argumentiert Musk. Er geht davon aus, dass derartige ultra-realistische Anwendungen bereits auf Milliarden Rechnern der Zukunft laufen und unsere Existenz simulieren. Man sollte seine Thesen aber nicht so leichtfertig als Spinnereien eines gelangweilten US-Milliardärs verwerfen. Anerkannte Philosophen und Physiker haben ähnliche Thesen bereits aufgestellt. Als bekanntester Vertreter gilt der schwedische Philosoph Nick Bostrom, der an der Oxford University lehrt. Ein Punkt in seiner populären Simulationshypothese besagt, dass eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass wir in einer simulierten Realität leben, und alle Lebewesen ein Teil dieser Simulation sind. Das Praktische an seiner These ist, das sich nicht beweisen lässt, das wir nicht in einer Simulation leben. Denn jeder Beweis des Gegenteils wäre ebenfalls simuliert. Es lassen sich lediglich positive Beweise für eine Simulation finden, wie etwa, dass die Sterne und Planeten ihren programmierten Bahnen folgen. Alles nach streng mathematischen Gesetzmäßigkeiten. 

Wer oder was auch immer unsere virtuelle Realität programmiert hat, zeigt das er (es) über Humor verfügt. Nicht nur wegen Donald Trump und anderen, eigentlich für unmöglich gehaltenen, Protagonisten der Weltgeschichte. Auch unser Wirtschaftssystem ist voll von Absurditäten. In der letzten Woche sorgte der Börsengang des Snapchat-Betreibers Snap für Aufsehen und Verwunderung. Zu einem Stückpreis von 17 Dollar gibt die Aktie ihr Debut an der New Yorker Wall Street. Trotz dieser schon wohlwollenden Bewertung zum Börsengang schnellte die Aktie am ersten Handelstag um 44 Prozent nach oben und legte dann am folgenden Tag nochmals 11 Prozent oben drauf. Snapchat wies 2016 bei einem Umsatz von umgerechnet gut 375 Millionen Euro einen Verlust von mehr als 480 Millionen Euro aus. Nach dem Börsengang ist Snapchat 32 Milliarden Euro wert. Zum Vergleich, der im Dax vertretene Konsumgüterproduzent Beiersdorf setzte im vergangenen Geschäftsjahr 6,7 Milliarden Euro um und erwirtschaftete einen Gewinn vor Steuern von knapp 970 Millionen Euro. Aktuell wird Beiersdorf mit etwas über 22 Milliarden Euro an der Börse bewertet. Wer den deutschen Markt immer noch für überteuert hält, sollte darüber einmal nachdenken. Investoren in Snap sollten sich allerdings darüber im Klaren sein, dass Ihre Investition genauso schnell verschwinden kann, wie die Fotos, die man mit dem Messangerdienst snapchat verschickt. 

Ebenfalls von der aktuellen Bildfläche verschwunden sind die beiden Vorstandschefs der Deutschen Bank Jürgen Fitschen und Anshu Jain. „Die Deutsche Bank will mit der Kapitalerhöhung endlich alle Zweifel an ihren Puffern gegen neue Krisen ausräumen.“ so kommentierten die beiden nicht etwa die gerade angekündigte Kapitalerhöhung, sondern die aus dem Jahr 2014. Denn vor knapp drei Jahren sammelte die Deutsche Bank schon einmal 8,5 Milliarden Euro ein, um endlich mit ausreichend Kapital ausgestattet zu sein und „das Wachstum in allen unseren Unternehmensbereichen zu forcieren“, wie es die beiden damaligen Vorstandschefs vollmundig formulierten. Die eingesammelten 8,5 Milliarden Euro folgten dann allerdings bald den beiden Vorständen und verschwanden im Sumpf aus Rechtsstreitigkeiten und Skandalen. Und wenn doch noch etwas von dem Geld übrig war, dann ist es vermutlich als Bonuszahlungen an die Manager geflossen. 

Die Redaktion der Zeitung „Die Welt“ hat einmal nachgerechnet und ist zu einem wirklich erstaunlichen und zugleich erschreckenden Ergebnis gekommen. Inklusive der gerade angekündigten Kapitalerhöhung summiert sich der Betrag auf rund 30 Milliarden Euro, den die Bank mit insgesamt vier Kapitalerhöhungen seit 2010 von ihren Aktionären abgerufen hat. Aber von diesem Geld ist kein einziger Cent wirklich in den Auf- und Umbau der Bank geflossen. Die zahllosen Rechtsstreitigkeiten haben die Deutsche Bank in den vergangenen Jahren etwa 15 Milliarden Euro gekostet, hinzu kamen rund 24 Milliarden Euro für Boni an die Mitarbeiter. Möglicherweise motiviert durch den erfolgreichen Börsengang von Snap bot der neue Vorstandschef der Bank, John Cyran, seinen Aktionären die Möglichkeit, weiteres Geld in das Milliardengrab zu investieren. Ein perfektes Investment, für alle, die in eine Bank investieren wollen, die nach acht Jahren noch immer in der Finanzkrise steckt, ungefähr 6.000 offene Rechtsstreitigkeiten zu bewältigen hat und sich in schöner Regelmäßigkeit frisches Kapital bei seinen Aktionären besorgt. An den ersten Erfolg der Emission von Snap konnte der gestrige Kurs der Deutschen Bank dann glücklicherweise auch nicht anknüpfen. Offensichtlich können deutsche Anleger rechnen. 

Vielleicht aber auch nur wieder ein weiterer Beweis dafür, dass die große Simulation mathematischen Gesetzmäßigkeiten folgt? Allerdings müsste dann auch EZB Chef Mario Draghi einer rationalen Logik folgen. Im Februar war die Preissteigerung im EU-Währungsraum auf 2,0 Prozent nach oben geschossen. Damit wurde erstmals seit etwa vier Jahren wieder das Inflationsziel der Euro-Wächter von knapp unter zwei Prozent übertroffen. Schon im Januar war die Teuerungsrate mit 1,8 Prozent an die Zielmarke herangerückt. Vor allem aus Deutschland werden Rufe lauter, die Notenbank solle allmählich den Ausstieg aus ihrer ultraexpansiven Geldpolitik einleiten. Doch Volkswirte erwarten nicht, dass der EZB-Rat bereits auf seiner Sitzung am Donnerstag in Frankfurt diesen Forderungen nachkommt. An den Leitzinsen in Höhe von 0,0 Prozent werden die Euro-Hüter wohl nicht rütteln. 

Ob die Menschheit nur Teil einer Computersimulation ist, werden wir wohl nie erfahren. Der Philosoph Bostrom hat schon 2003 in seinem Aufsatz „Are You Living In A Computer Simulation" festgestellt, dass der Programmierer die Simulation bei Fehlern ein paar Sekunden zurückdrehen und korrigiert wieder abspielen kann. Vielleicht wachen wir ja morgen alle auf und es gibt wieder Zinsen, keinen Donald Trump als US-Präsidenten und schönes Wetter.

 
Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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