Finanzkolumne

„Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen!“

Die französische Königin Marie Antoinette soll am Vorabend der Revolution auf den Vorwurf, die Armen könnten sich nicht einmal mehr Brot leisten, geantwortet haben: „Dann sollen sie eben Kuchen essen!“ Dieses Zitat dient gerne als Beispiel für die Arroganz des Hochadels vor der Französischen Revolution. Allerdings gehört es in die Kategorie falsch, aber gut erfunden. Die französische Königin, keine geborene Französin, sondern aus Österreich, hatte zeitlebens am französischen Hof wenig Freunde und war auch beim Volk, aufgrund ihrer Verschwendungssucht, verhasst. 1793 machten die Revolutionäre der „Witwe Capet“ den Prozess, und am 16. Oktober wurde sie auf dem heutigen Place de la Concorde mit der Guillotine hingerichtet. Ebenfalls auf dem Weg nach oben, allerdings nicht auf das Schafott, sondern in Richtung Präsidialamt, ist seit einigen Jahren Marine le Pen. 

Die Parteichefin des Front National hat gute Chancen in die Stichwahl am 7. Mail 2017 zu kommen. Ein französischer Präsidentschaftskandidat muss die absolute Mehrheit aller abgegebenen Stimmen erhalten. Wenn dies in der ersten Runde nicht der Fall ist, findet eine Stichwahl zwischen beiden Bewerbern mit den meisten Stimmen statt. Seit 1965 wurde kein Präsident ohne Stichwahl gewählt. Umfragen gehen davon aus, das le Pen neben dem parteiunabhängigen liberalen Kandidat Emmanuel Macron sehr wahrscheinlich den ersten Wahldurchgang am 23. April gewinnen wird, vermutlich liegt Le Pen sogar vorne. Meinungsforscher sind sich jedoch sicher, dass Sie dann im entscheidenden zweiten Durchgang unterliegt. Allerdings war schon 2016 nicht das überzeugendste Jahr der Wahlforscher. Schon auf den Brexit wetteten nur Außenseiter und als noch weniger wahrscheinlich in den Augen der Demoskopen galt die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten. Heute sind wir alle schlauer. Was le Pen plant, wenn sie Präsidentin wird, hat sie schon in aller Deutlichkeit erläutert. Spätestens sechs Monate nach ihrer Wahl will sie ein Referendum über den Austritt Frankreichs aus der EU und der Gemeinschaftswährung Euro organisieren. Die Folgen wären verheerend. Ökonomen sind sich einig, Frankreichs Austritt aus der Währungsunion wäre das Ende der Eurozone. Sofort würden Anleger ihr Geld dann nicht nur aus Frankreich abziehen, sondern auch aus anderen Ländern wie Portugal, Spanien oder Italien. Die nationalen Währungen wären wieder da, viele von ihnen schwach, die Deutsche Mark dagegen viel zu stark. Das Auflösen der Währungsunion würde in Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit ein ökonomisches Chaos auslösen. 

Für Frankreich Wirtschaft wäre der Austritt definitiv der Todesstoß. Im Gegensatz zu dem sozial-protektionistischen Weltbild einer Marine le Pen, liegen die Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang Frankreichs nicht in der Gemeinschaftswährung begründet, sondern sind hausgemacht. Frankreich leistet sich seit Jahrzehnten schon einen maßlos aufgeblähten Staatssektor. Der Staatsanteil am Haushalt gehört mit aktuell 55 Prozent zu den höchsten in Europa. Gleichauf mit Griechenland, das für seinen überbordenden Staatssektor bekannt ist und ebenfalls eine Quote von 55 Prozent hat. Ökonomen sind sich sicher, im öffentlichen Sektor müssen mindestens 500.000 Stellen abgebaut werden. 

Auch die freie Wirtschaft benötigt einschneidende Reformen. Die 35-Stunden-Woche muss nach Ansicht vieler Fachleute abgeschafft und das Renteneintrittsalter wieder erhöht werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Volkswirtschaft wiederherzustellen. Franzosen gehen früh in Rente, im Schnitt mit 60 Jahren, und bekommen dann ein vergleichsweise hohes Ruhestandsgeld. Zuvor arbeiten sie so wenige Wochenstunden wie kaum eine andere Nation. Kein anderer westlicher Staat gibt so viel für Soziales aus, 33 Prozent der Wirtschaftsleistung fließen in Renten, Gesundheit oder Arbeitslosenunterstützung. Zum Vergleich, in Deutschland beträgt die Quote 26 Prozent. Dabei kann sich Frankreich sein hohes Absicherungsniveau längst nicht mehr leisten. Seit 2009 steigt jedes Jahr die Steuerlast. Inzwischen kassiert der Staat 48 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dennoch reicht das Geld nicht. Die Verschuldung nimmt immer weiter zu. Die staatlichen Verbindlichkeiten haben bald 100 Prozent des BIP erreicht. Um die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben zu schließen, nehmen Staat und Wirtschaft immer mehr Kredite im Ausland auf. 

Schleichend hat Frankreich in den letzten Jahren an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Die Industrieproduktion Frankreichs liegt rund 14 Prozent unter dem Vorkrisenstand von 2008 und ist auf das Niveau von 1993 zurückgefallen. Die wirtschaftlichen Probleme führen zu einer Stagnation des Wohlstands. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf kommt seit dem Jahr 2007 nicht mehr so recht von der Stelle. Hat sich das BIP pro Kopf seit den siebziger Jahren parallel zu dem der Deutschen entwickelt, so beträgt der Wohlstandsabstand zu Deutschland mittlerweile 4000 Dollar pro Kopf. Eines der größten Probleme Frankreichs ist die hohe Arbeitslosenquote. Das Arbeitsrecht ist so arbeitnehmerfreundlich, dass kleine Betriebe, zum Beispiel Handwerker, große Risiken eingehen, wenn sie zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Aufgrund hoher Abfindungskosten und eines starken Kündigungsschutzes trauen sich viele kleine Unternehmer nicht mehr Personal einzustellen. Die Jugendarbeitslosenquote beträgt knapp 26 Prozent. Unter Jugendlichen in den Vorstädten, den sogenannten Banlieues, liegt sie sogar bei über 40 Prozent. Auf der anderen Seite machen 73 Prozent aller jungen Franzosen eines Jahrgangs ihr Abitur. 

Die Franzosen sind zu Recht stolz auf ihre Revolution. Die Parole Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (französisch Liberté, Égalité, Fraternité) ist auch heute noch der Wahlspruch der Fünften Französischen Republik. Er fußt auf den Losungen der Französischen Revolution von 1789. Ist die Zeit reif für eine neue Revolution? Die anstehende Präsidentschaftswahl wird Frankreich verändern. Es liegt ein fundamentaler Umsturz in der Luft. Das mehr als 50 Jahre alte Herrschaftssystem, in dem sich zwei Lager - Rechte und Linke - abwechselnd an der Macht hielten, wird mit dieser Wahl endgültig Geschichte sein. Allerdings wird die Fünfte Republik nicht ihre Farben zu braun statt blau wechseln. Aktuell tendiert lediglich ein Drittel der französischen Wähler zu Le Pen. Das ist viel, aber eben nicht eine Mehrheit. 

Im Wahljahr 2017 ist Frankreich aufgrund der Abwertung des Pfunds nach dem Brexit wieder fünfstärkste Volkswirtschaft der Welt. Die Wachstumsaussichten liegen mit 1,5 Prozent in diesem Jahr höher als in den letzten Jahren. Die Arbeitslosigkeit bei 9,6 Prozent hat den zweistelligen Bereich verlassen. Klarer Favorit der Märkte und Demoskopen ist inzwischen der parteiunabhängige Kandidat Emmanuel Macron. Der ehemalige Wirtschaftsminister steht für liberale Wirtschaftsreformen und linke Gesellschaftspolitik. Er ist 39 Jahre jung und elitär. Wenn die Franzosen ihm das Vertrauen schenken, wird ihm die Umsetzung der notwendigen ökonomischen Revolution in Frankreich zugetraut. Anleger, die einen Favoritensieg von Macron erwarten, dürften dann von steigenden Aktienkursen in Frankreich und Europa profitieren. Nicht nur französische Aktionäre können sich dann wieder Kuchen leisten.

 
Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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