Finanzkolumne

German Angst

Eines der Worte, das vom Deutschen ins Englische übernommen wurde, ist das Wort Angst. Das Wort ist für die Angelsachsen untrennbar mit uns Deutschen verbunden, sie ist für sie Teil unseres Nationalcharakters. German Angst ist in der englischsprachigen Welt ein feststehender Begriff. Für unsere europäischen Nachbarn sind wir Deutschen ein Volk von Bedenkenträgern, durchleben kaum einen Tag ohne Existenzangst und hassen Veränderungen. Um dem entgegenzuwirken, haben die Deutschen den Sozialstaat erfunden und geben Milliarden für Versicherungen aus, um sich gegen praktisch jedes Risiko abzusichern, das das Leben theoretisch mit sich bringen kann. Ob streitwütige Nachbarn oder Einbruch, Handyverlust oder Zahnersatz, Leben und sogar Sterben, für sämtliche Eventualitäten stapeln sich die Policen in deutschen Regalen. Zum 26. Mal in Folge hat die R+V-Versicherung rund 2.400 Menschen nach ihren größten Sorgen rund um Politik, Wirtschaft, Umwelt, Familie und Gesundheit befragt. Das Ergebnis ist eindeutig, die Deutschen sind weiterhin überdurchschnittlich besorgt. 

Auch beim Sparen ist und bleibt der Deutsche konservativ. Aktien gelten nach wie vor für viele Sparer als spekulativ und gefährlich. Trotz jahrelanger Niedrigzinsen bleibt die Mehrheit der Deutschen dem Sparbuch, Tages- oder Festgeld treu. Wer ein Wertpapierdepot hat, konzentriert sich vorwiegend auf Rentenfonds oder defensive Mischfonds. In den letzten Jahren grundsätzlich auch keine so schlechte Idee. Jahrzehnte lang fielen die Zinsen, dies waren gute Jahre für Rentenfonds. Denn sinken die Zinsen, steigen die Kurse der Papiere, da die Titel, welche die Fonds im Bestand haben, noch eine höhere Verzinsung bieten. Doch irgendwann sind die lukrativsten Anleihen ausgelaufen und so haben auch die Fonds zunehmend Schwierigkeiten, sichere und gleichzeitig rentable Anlagen zu finden. Zeitgleich nimmt das Risiko bei Rentenpapieren zu, denn es gilt auch der Umkehrschluss. Steigen die Zinsen, fällt der Kurs. 

Einige Experten rechnen bereits seit Monaten mit steigenden Zinsen und rufen regelmäßig die Zinswende aus. Das „Tapering“ ist an den Finanzmärkten in aller Munde. Das Verb "to taper" heißt so viel wie "etwas auslaufen lassen". Tapering bezeichnet im Sport die Reduktion des Trainingsumfangs vor einer großen Ausdauerbelastung. Während der letzten zwei oder drei Wochen vor einem Wettkampf reduzieren Ausdauersportler (z. B. Marathon oder Triathlon) üblicherweise ihren Trainingsumfang und pausieren, damit sich der Körper vor der harten Belastung noch einmal erholen kann. Gemischt mit gezielten Trainingsreizen soll der Körper dann optimal vorbereitet in den Wettkampf starten. Auf den Finanzmärkten dagegen geht es um die Furcht, dass die Notenbanken mit dem "Tapering" beginnen und ihr gigantisches Programm zur Geldvermehrung ("Quantitative Easing") auslaufen lassen könnte. Für viele Beobachter der erste Schritt, um eine Zinswende wirklich einzuleiten. Allerdings sollten die „Untergangspropheten“ recht behalten und es an den Börsen krachen und die Aktienkurse auf Talfahrt gehen, könnten die Zinsen noch weiter sinken. Denn unter der Null ist noch eine Menge Platz. In einem solchen Fall wären die meisten Rentenfonds eine gute Wahl. 

Seit Monaten blasen die Crash-Propheten zum nächsten Weltuntergang an den Finanzmärkten. Mittlerweile hat der Dax mit 13.000 Punkten, allen Unkenrufen zum Trotz, einen neuen historischen Rekordstand erreicht. Die Goldfans unter den Crash-Propheten sehen nach wie vor eine gigantische Inflation auf uns zu kommen und den Zusammenbruch ganzer Staaten. Hohe Auflagen sind ihnen dabei in Deutschland sicher. Dabei herrscht bei vielen noch nicht einmal Einigkeit darüber, was überhaupt ein Crash ist. Manche Anleger bezeichnen mittlerweile ganz normale Schwankungen um zwei oder drei Prozent schon als einen Crash. Das richtige Wort hierfür lautet Volatilität. Und dann sind da noch die Korrekturen. Zehn Prozent Verlust gibt es an der Börse im Durchschnitt alle 10 Monate, sagen Studien. Und mit einem Verlust von um die 20 Prozent müssen Anleger alle 2-3 Jahre rechnen. In Deutschland wird gerne jede normale Korrektur an den Märkten als ein Crash bezeichnet. Manche Beobachter unterstellen den deutschen Anlegern sogar eine Sehnsucht nach der Katastrophe. 

Eine teure Sehnsucht, denn durch die starke Zurückhaltung ging die Börsenrallye der letzten Jahre damit an vielen Anlegern vorbei. Seit 2009 hat sich der Deutsche Aktienindex Dax beispielsweise verdreifacht. Im Gegenteil, trotz der guten Entwicklung an den Märkten trennten sich viele Anleger von Ihren Aktienbeständen. Zeitweise sank sogar die Zahl der investierten Anleger. Doch ohne Aktien verzichten Anleger auf eine langfristig stabile Rendite über der Inflationsrate und damit auf die Chance, höhere Sparerfolge zu erzielen. Zumal Sparprodukte wie Tages- oder Termingeld wegen des extrem niedrigen Zinsniveaus derzeit inflationsbereinigt Verlustgeschäfte sind. Dabei ist zu beobachten, das vor allem junge Menschen den Aktienmarkt immer mehr den Rücken kehren. Waren 2001 noch 17,5 Prozent der 20- bis 29-Jährigen in Aktien oder -fonds investiert, sind es heute nur noch 8,7 Prozent. 

Am Donnerstag dieser Woche findet die nächste Ratssitzung der EZB statt. Viele Marktteilnehmer rechnen damit, das Draghi endlich den Einstieg in den Ausstieg aus dem mehr als zwei Billionen Euro umfassenden Asset Purchase Program verkünden wird. Bereits im September hatten viele, aufgrund der sehr stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, damit gerechnet. Klar ist allerdings, auch das hatte Draghi relativ unverblümt nach der letzten Sitzung verkündet, dass die EZB offenbar noch gar keinen genauen Ausstiegsplan hat. Der Rat habe bisher „in sehr, sehr vorläufiger Art und Weise“ über die verschiedenen Ausstiegsszenarien diskutiert, sagte er im September. Ein Komitee innerhalb der Zentralbank werde nun Details erarbeiten, so dass der Rat im Oktober eventuell entscheiden könne. 

Mit einer Zinserhöhung ist damit auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Denn bislang hat Draghi stets betont, dass zunächst das Anleihekaufprogramm abgeschlossen sein muss, bevor an eine Straffung der Zinsen zu denken sei. Händler rechnen nun mit der ersten richtigen Zinserhöhung um 0,25 Prozent frühestens im Jahr 2020. Marktteilnehmer rechnen damit, dass die EZB das Volumen der Anleihekäufe ab Anfang 2018 schrittweise um etwa 10 bis 20 Milliarden Euro je Monat reduzieren könnte, sodass die Nettokäufe zum Jahresende auf null sinken. Dies wäre ein erster Schritt Richtung Normalisierung der Geldpolitik. Bis zu einer vollständigen Normalisierung der Geldpolitik der EZB dürfte noch einige Zeit vergehen. 

Genügend Zeit für Anleger das positive Momentum an den Märkten zu nutzen. Zu einem Einstieg in den Aktienmarkt, ausreichender Anlagehorizont vorausgesetzt, ist es noch nicht zu spät. Vielleicht wird dann aus „German Angst“ endlich „German Mut“, die Liberalen haben es damit, in einem Wahlslogan verpackt, wieder in den neuen Bundestag geschafft.

  

Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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