Finanzkolumne

"Ganz klar Nein"

In wenigen Tagen, am 24. September, findet in Deutschland die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag statt. Der Wahlkampf nähert sich seinem Höhepunkt, das wird spätestens dann klar, wenn man abends seinen Fernseher einschaltet. Täglich beglücken uns die gleichen politischen Protagonisten mit ihren fast gleichen vagen Aussagen zu ihren politischen Zielen. In solchen Phasen hat der Konjunktiv in der deutschen Sprache Hochkonjunktur. Umso überraschender ist es, wenn sich dann ein Politiker konkret äußert. Vor allem, wenn es um das Thema Rente geht, das derzeit im Wahlkampf irgendwie gar keine Rolle zu spielen scheint. Im großen TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten wurde die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel überraschend konkret. Sie sagte „ganz klar Nein" zur Rente mit 70. Eine Festlegung, die sie bis heute mehrfach wiederholte. 

Im Regierungsprogramm ist die Union derzeit nicht so konkret. Es finden sich magere zwei Seiten dazu, die sich im Kern auf einen Punkt reduzieren lassen: man will eine Rentenkommission einsetzen, die bis Ende 2019 Vorschläge erarbeiten soll. Nach der Wahl also. Eine verständliche Vorgehensweise, denn bei diesem Thema kann eine Partei derzeit nur verlieren. Wer am Rentensystem dreht, hat schließlich nicht viele Stellschrauben zur Verfügung. Dabei ist eine unpopulärer als die andere. Man kann entweder die Rentenbeiträge erhöhen (zu Lasten der Beitragszahler) oder das Rentenniveau absenken (zu Lasten der Rentner, vor allem der künftigen). Will man das vermeiden bleibt nur das Renteneintrittsalter weiter zu erhöhen, über die Rente mit 67 hinaus. Wenn ab 2030 die geburtenstarken Jahrgänge der so genannten Babyboomer in Rente gehen, wird die derzeitige staatliche Umlagefinanzierung vor ganz neue Herausforderungen gestellt. 

Das ursprüngliche System der deutschen gesetzlichen Rentenversicherung baute auf dem Kapitaldeckungsverfahren auf, nach dem eine Ansparung der Rentenbeiträge erfolgte, die paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf Rentenkonten zu entrichten waren. Von kurzen Perioden abgesehen kam jedoch nie eine ausreichende Kapitaldeckung zustande. Insbesondere Inflation und die beiden Weltkriege machten den Versuch zunichte. Das System der Kapitaldeckung wurde 1957 in der Rentenreform 1957 unter Konrad Adenauer zu einem Umlageverfahren mit dynamischer Rente umgebaut. Die theoretische Grundlage für die Einführung des Umlageverfahrens lieferte der Nationalökonom und Vertreter der katholischen Soziallehre Wilfrid Schreiber. Allerdings wurde das damalige System von Adenauer in wesentlichen Punkten beschnitten. Es fand keine finanzielle Berücksichtigung der Kindererziehung statt und große Teile der Erwerbstätigen müssen nicht einzahlen. Beamte und Selbständige/Freiberufler blieben außen vor. Seitdem versucht die Politik durch diverse Rentenreformen das System einigermaßen am Leben zu halten. Spätestens ab 2030, hier ist sich die Wissenschaft ziemlich einig, bekommt das System massive Probleme. Die Lebenserwartung der Deutschen steigt kontinuierlich und damit auch die Bezugsdauer der Rente. Dazu stehen immer mehr Rentnern künftig immer weniger Beitragszahler gegenüber. Dass das auf Dauer nicht funktioniert, ist eigentlich kein Geheimnis. 

Im September vergangenen Jahres hatte der wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums daher ein eingängiges 2:1-Modell vorgeschlagen. Steigt die allgemeine Lebenserwartung um drei Jahre, sollten die Deutschen zwei von diesen drei Jahren arbeiten - ein Jahr zusätzlich aber im Ruhestand genießen. Nach Berechnung des Beirats ließe sich durch dieses Modell ein Absinken des Rentenniveaus unter die aktuell festgelegte Grenze von 43 Prozent über 2050 hinaus verhindern. Ein solches Modell ist aber für einen Wahlkampf denkbar ungeeignet. Entsprechend schnell verschwand der Vorschlag wieder in der Mottenkiste für unpopuläre Ideen. Echte Lösungen, wie sie auf die sinkende Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland reagieren wollen, haben die beiden großen Volksparteien jedoch auch nicht präsentiert. Auch die anderen Parteien sind ähnlich zurückhaltend und versuchen, das Thema Rente weitgehend aus dem Wahlkampf herauszuhalten. 

Durch die gestiegene Lebenserwartung wird das Alter mehr und mehr eine wesentliche Lebensphase, die oftmals mehrere Jahrzehnte umfassen kann. Aktuelle Berechnungen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zufolge wird eine heute 50-jährige Frau hierzulande durchschnittlich 88,2 Jahre alt. Ein gleichaltriger Mann hat demnach eine Lebenserwartung von 83,4 Jahren. Aus Gründen der Vorsicht sollte davon ausgegangen werden, dass sich die Lebenserwartung schneller auf ein weitaus höheres Niveau bewegt als erwartet. Die Wahrscheinlichkeit, 100 Jahre alt zu werden, wächst und lässt sich für viele Bürger nicht ausschließen.

Inwieweit man die gestiegene Lebenserwartung jedoch genießen kann, hängt stark vom finanziellen Fundament ab. Auf die gesetzliche Rente, soviel steht fest, sollte sich niemand verlassen. Es ist wichtig, sich rechtzeitig mit dem Thema Altersvorsorge und insbesondere der Sicherung der verfügbaren Liquidität auseinanderzusetzen. Das gilt umso mehr, da Rentenwunsch und Rentenwirklichkeit immer weiter auseinanderdriften. Die Frage, ob neben der gesetzlichen und betrieblichen Altersvorsorge auch privat vorgesorgt wurde, ist deshalb entscheidend. Und sie wird für kommende Generationen immer wichtiger. Eine lebenslange finanzielle Absicherung ist für einen unbeschwerten Lebensabend von enormer Bedeutung. Und je früher man damit anfängt, den alles entscheidenden Faktor Zeit für sich zu nutzen, desto besser. Rund ein Viertel aller Ruheständler klagt mittlerweile bereits über einen gesunkenen Lebensstandard. Für die nächsten Generationen der Ruheständler wird es immer schwerer, den gewohnten Standard aufrecht zu erhalten. Ein Umdenken in der Planung ist dringend erforderlich. Um böse Überraschungen im Alter zu vermeiden, sollte man nicht einfach auf den Ruhestand hinleben, sondern diesen bewusst planen. 

Die derzeitige Niedrigzinsphase stellt dabei die private Altersvorsorge vor zusätzlichen Herausforderungen. Kein Sparer sollte wertvolle Zeit vergeuden, indem er auf wieder steigende Zinsen wartet. Vermutlich wird dies noch sehr lange dauern. An Aktien, in diesem Punkt sind sich die meisten Fachleute einig, kommt heute kein Sparer mehr vorbei. Nur wenn die Aktienquote hoch genug ist, lässt sich nachhaltig und substantiell Vermögen aufbauen und langfristig erhalten. Der Renditebeitrag erstklassiger Anleihen beträgt derzeit im besten Falle Null. Nimmt man die aktuelle Gewinnrendite der Unternehmen als Maßstab für zu erwartenden Renditen am Aktienmarkt, dann sind rund sechs Prozent ein relativ realistischer Wert. Ein Depot, das jeweils zur Hälfte aus erstklassigen Aktien und Anleihen von Top-Emittenten besteht kommt dann auf eine langfristige jährliche Rendite von drei Prozent, vor Kosten und Steuern. Wer mehr Rendite will, muss seinen Aktienanteil höher ansetzen.

 

Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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