Finanzkolumne

„Drum: gehen' Sie mit der Konjunktur…“

Mit dem Ende der 1940er Jahre begann im Westen Deutschlands ein dynamischer wirtschaftlicher Aufschwung, der, unterbrochen lediglich von einer Konjunkturdelle in den Jahren 1966 und 1967, bis zur Ölpreiskrise im Jahr 1973 anhielt. Als „Wirtschaftswunder“ sind diese beiden Jahrzehnte in die Geschichte eingegangen. Auch Schlager und Chansons spiegelten in Filmen das Lebensgefühl dieser Jahre wieder. Die Songs "Lied vom Wirtschaftswunder" oder "Konjunktur Cha cha cha" vom Hazy Osterwald Sextett vermitteln noch heute einen Einblick in die Stimmung dieser Zeit. Die Konjunktur in Deutschland lief rund, die Grundlagen des heutigen „Exportweltmeisters“ wurden gelegt. Aber nicht nur in Deutschland, auch in Europa und in den USA, waren die Wachstumszahlen beeindruckend. Die Jahre des Wiederaufbaus sorgten in den großen Volkswirtschaften für Vollbeschäftigung und stark steigende Einkommen. 

Relativ unterentwickelt war noch das Bankensystem in Deutschland. Auch wenn es das Girokonto schon gab, war der bargeldlose Zahlungsverkehr nicht verbreitet. Bis in die 60er Jahre hinein wurden die Löhne oder Gehälter noch in Lohntüten ausbezahlt. Auch Mieten oder sonstige laufende Kosten konnten durch die Bürger oft nur in bar beglichen werden. Die weitverbreitetste Anlageform war das Sparbuch. Trotzdem erreichte der private Aktienbesitz in Deutschland Anfang der 60er Jahre einen vergleichsweise hohen Stand. Ende der 50er bis Mitte der 60er Jahre liefen in der Bundesrepublik die Privatisierungswellen von Staatsvermögen. Den Anfang machte 1958 die Privatisierung der Preussag. Sie wurde ein voller Erfolg. Während Kritiker der Privatisierung allenfalls von einer „Volksaktien-Nachfrage“ in Höhe von 10 Mio. DM ausgingen, wurden tatsächlich innerhalb nur weniger Tage Preussag-Papiere im Wert von mehr als 100 Mio. DM verkauft. Rund 200.000 Ersterwerber von „Volksaktien“ wurden damals registriert. Noch größer war jedoch der Erfolg der folgenden Privatisierungen. Beim Verkauf der Volkswagen-Aktien 1961 fanden sich 1,6 Millionen Käufer, bei der Veba-Privatisierung im Jahr 1965 waren es sogar rund 2,6 Millionen. Deutschland war auf dem Weg eine private Aktienkultur zu entwickeln. Der private Aktienbesitz in Deutschland erreichte Anfang der 60er Jahre seinen höchsten Stand. 

In den folgenden Jahren sank die Aktienquote unter der Last hoher Inflation sowie rückläufiger Wachstumsraten und erreichte Anfang der 80er Jahre seinen historischen Tiefpunkt. Seitdem versucht die Politik immer wieder, die Deutschen zu Aktieninvestoren zu machen. Allerdings sorgte erst die expansive Geldpolitik der EZB dafür, dass die Deutschen sich langsam wieder dieser Anlageform zuwenden. Die seit Jahren herrschende Niedrigzinssituation bringt immer mehr Anleger dazu, Aktien oder Aktienfonds in den Blick zu nehmen. Der Zeitpunkt erscheint nach wie vor genehm. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingen sind in vielen Regionen durch Wachstum der Unternehmensgewinne, Innovationen und Vollbeschäftigung geprägt. Vor allem die nach wie vor guten Konjunkturaussichten in Deutschland und mittlerweile auch in Europa sorgen ganz aktuell für ein positives Investitionsklima und neuen Schwung. Die Konjunktur in Deutschland brummt. "Made in Germany" ist im Ausland gefragt, die Zahl der Arbeitslosen im Inland ist auf ein Rekordtief gesunken und entsprechend ist der Binnenkonsum in Deutschland robust. 

Am Montag dieser Woche erreichte der Dax, der deutsche Aktienleitindex, einen neuen historischen Höchststand. Fast zwei Jahre hatte es gedauert, den alten Höchststand von 2015 zu durchbrechen. Getrieben wird der derzeitige Kursanstieg auch durch positive Prognosen. Der vom Münchener ifo-Institut erhobene Geschäftsklimaindex kann im April abermals zulegen. Er notiert mit 112,9 Punkten so hoch wie seit Juli 2011 nicht mehr. Der IWF (Internationale Währungsfonds) hat seine Prognose für das globale Wirtschaftswachstum gerade ebenfalls leicht nach oben korrigiert. Die globale Wirtschaftsleistung wird nach neuster Hochrechnung im laufenden Jahr um 3,5 Prozent zulegen. Im zurückliegenden Ausblick im Januar hatte der IWF noch mit einem Plus von 3,4 Prozent gerechnet. Im vergangenen Jahr war die Weltwirtschaft um 3,1 Prozent gewachsen. Für das Jahr 2018 werden unverändert 3,6 Prozent vorhergesagt. 

Das Wahlergebnis in Frankreich hat am Montag den Weg nach oben endgültig freigemacht. In Frankreich hat es tatsächlich ein Nicht-Radikaler in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl geschafft, und die Märkte stehen Kopf. Es ist erstaunlich, dass ein allgemein erwartetes Ergebnis einen solchen Kurssprung auslöst. Euphorisch feierten die Investoren, dass die Demoskopen zur Abwechslung einmal richtig lagen und es im zweiten Wahlgang zum erwarteten Duell zwischen dem europafreundlichen ehemaligen Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und der Chefin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, kommt. Das lässt auch darauf schließen, dass sich viele Investoren zeitweilig aus dem Markt verabschiedet hatten und jetzt wieder mit von der Partie sein wollen und müssen. Im Vorfeld hatten viele Akteure ihr Geld in sogenannte sichere Häfen wie Bundesanleihen, Gold oder den japanischen Yen gepackt. Diese Anlagen gerieten dann auch prompt etwas unter Druck und verloren wieder. Für die Märkte gilt es jetzt als unstrittig, dass Macron die Stichwahl in zwei Wochen gewinnen wird. Die Buchmacher beziffern die Wahrscheinlichkeit auf fast 90 Prozent. Der größte Fehler für Anleger scheint, nicht im Markt investiert zu sein. 

Die Risiken für die Konjunktur sind derzeit im Wesentlichen politischer Natur. Die Unberechenbarkeit der Machthaber in der Türkei, Syrien, Nordkorea oder auch in den USA ist das derzeit größte Problem der Kapitalmärkte. Allerdings haben politische Börsen kurze Beine, oft dauert der Effekt einer Entscheidung, egal ob negativ oder positiv, nur ein paar Tage oder Wochen. Entscheidend sind dann wieder die harten wirtschaftlichen Fakten. In Europa und vor allem in Deutschland werden diese offensichtlich nach wie vor positiv gesehen. In den USA wird Donald Trump vermutlich morgen seine Pläne zur Steuerreform verkünden. Auch hier gehen die meisten Marktteilnehmer von einem positiven Impuls für die US-Börsen aus. 

Viele Investoren scheuen derzeit dennoch die politischen Risiken, einige macht zudem die gute Stimmung skeptisch. Das ist verständlich und die Aspekte sind nicht von der Hand zu weisen. Die Wahrscheinlichkeit, das zeigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, dass sich eine große Korrekturbewegung im Markt direkt an einen Höchststand anschließt, ist äußerst gering. Im Gegenteil, die Statistik besagt, dass der Dax nach dem Erreichen eines neuen Allzeithochs in den folgenden sechs Monaten durchschnittlich noch um gut zehn Prozent weitersteigt.  Einiges spricht dafür und recht wäre es uns allen allemal. Wer also noch nicht ausreichend investiert ist und den Tanz mit der Konjunktur wagen will, sollte jetzt zugreifen. 

Die erste Strophe im „Konjunktur Cha cha-cha“ lautet „Gehn' Sie mit der Konjunktur, gehn' Sie mit auf diese Tour, nehm' Sie sich Ihr Teil, sonst schäm' Sie sich und später gehn' Sie nicht zum großen Festbankett“. Das Festbuffet ist angerichtet, nehmen sie sich Ihren Teller und stellen sie sich an. Wenn sie zu lange warten, ist die Schlange davor zu lang und die besten Sachen sind weg.

 
Redakteur (V.i.S.d.P.): Diplom-Kaufmann Markus Richert, CFP®
Seniorberater Vermögensverwaltung

 

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